Der sichere und effiziente Betrieb moderner technischer Anlagen erfordert ein genaues Verständnis der inneren Prozesse und eine zuverlässige Überwachung ihres Zustands. Digitale Zwillinge - virtuelle Abbilder realer Systeme - helfen dabei: Sie kombinieren physikalische Modelle mit Messdaten und fortschrittlichen Methoden der Regelungstechnik, um das Verhalten technischer Systeme möglichst realitätsnah abzubilden und ihren Betrieb zu optimieren.

Das Christian Doppler Labor "Digitale Zwillinge für verteiltparametrische Systeme" entwickelt Methoden speziell für Systeme, bei denen sich wichtige Prozesse räumlich verteilen - etwa wenn sich Temperatur, Druck oder chemische Reaktionen entlang eines Bauteils oder innerhalb einer Anlage unterschiedlich entwickeln. Ein anschauliches Beispiel ist ein Fernwärmenetz: Während heißes Wasser durch kilometerlange Leitungen strömt, verändert sich seine Temperatur kontinuierlich entlang der Strecke, je nach Wärmeabgabe, Durchfluss oder Umgebungseinflüssen. Ähnliche räumliche Verteilungen treten auch bei chemischen Reaktionen in Reaktoren oder in vielen industriellen Produktionsprozessen auf. Solche Systeme werden als verteiltparametrische Systeme bezeichnet.

Ihre Zustandsüberwachung ist besonders anspruchsvoll, da sich relevante Größen nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich verändern und oft nur an wenigen Punkten gemessen werden können. Das Labor entwickelt digitale Zwillinge, die diese inneren Zustände zuverlässig rekonstruieren und damit Effizienz, Lebensdauer und Sicherheit technischer Systeme verbessern. Die Forschung konzentriert sich auf Anwendungen in Brennstoffzellen, Elektrolyseuren, Batterien und Elastomer-Extrusionsprozessen und leistet damit einen Beitrag zu nachhaltigen Energie- und Antriebssystemen sowie zu einer höheren Produktqualität in der Industrie.

Anwendungssysteme und resultierende Herausforderungen

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Der sichere und effiziente Betrieb moderner Batteriesysteme erfordert ein tiefes Verständnis der elektrochemischen Prozesse im Inneren der Zellen. Diese Prozesse sind räumlich verteilt: Stromdichte, Temperatur und Lithiumkonzentration können sich innerhalb einer Zelle von Ort zu Ort deutlich unterscheiden. Solche lokalen Unterschiede beeinflussen maßgeblich Leistungsfähigkeit, Alterung und Sicherheit einer Batterie. Im CDL entwickeln wir virtuelle Abbilder von Batteriezellen, die deren Verhalten mithilfe mathematischer Modelle und realer Messdaten präzise nachbilden.

Im Fokus steht die Entwicklung reduzierter Modelle, die aus detaillierten, räumlich aufgelösten Beschreibungen der Zellprozesse abgeleitet werden. Ziel ist es, die Modellkomplexität so weit zu reduzieren, dass eine Echtzeitberechnung auf Batteriemanagementsystemen möglich wird, während die physikalische Abbildungsgenauigkeit weitestgehend erhalten bleibt.

Auf Basis dieser Modelle entwickeln wir Methoden zur Zustands­schätzung und Diagnose. Beim Schnellladen kann beispielsweise die Zellspannung vorausberechnet werden, sodass kritische Betriebszustände frühzeitig erkannt und Ladeprofile angepasst werden können. Modellbasierte Größen wie Ladezustand (State of Charge) und Gesundheitszustand (State of Health) ermöglichen zudem eine robuste Online-Schätzung der verfügbaren Kapazität und der Alterung einer Batterie.

Digitale Zwillinge unterstützen damit intelligente Lade- und Betriebsstrategien sowie eine verbesserte Zustandsüberwachung im Feld. Ziel ist es, Leistungsfähigkeit, Lebensdauer und Sicherheit von Batteriesystemen langfristig zu erhöhen.

Verwandte Projekte:

Brennstoffzellen Batterie in einem Elektroauto

Brennstoffzellen und Elektrolyseure sind zentrale Bausteine zukünftiger Energiesysteme. Ihre Lebensdauer wird maßgeblich von alterungsbedingten Schädigungsmechanismen bestimmt, deren frühzeitige Erkennung entscheidend für einen dauerhaft zuverlässigen Betrieb ist. Moderne Überwachungskonzepte ermöglichen es, solche Prozesse in Echtzeit zu erfassen und dadurch den Verschleiß der Zellen zu reduzieren.

Viele dieser Schädigungsmechanismen hängen jedoch stark vom räumlichen Ort und den lokalen Betriebsbedingungen innerhalb der Zellen ab. Da Messungen im Inneren elektrochemischer Systeme technisch kaum möglich sind und sich Sensoren meist nur an den äußeren Systemgrenzen platzieren lassen, bleiben interne Vorgänge weitgehend verborgen.

Genau hier setzen Zustandsbeobachter an: Sie nutzen die verfügbaren Messdaten und kombinieren sie mit hochauflösenden Computermodellen, um – im Sinne eines digitalen Zwillings – die nicht direkt messbaren inneren Zustände präzise nachzubilden. Auf dieser Grundlage lassen sich schädigungsrelevante Größen und der aktuelle Gesundheitszustand der Brennstoff- oder Elektrolysezelle zuverlässig bestimmen. Dies ermöglicht eine adaptive Betriebsführung, die die Energieeffizienz steigert und die Lebensdauer der Systeme auch unter dynamischen Einsatzbedingungen deutlich verlängert.

Verwandte Projekte

schematischer Aufbau eines Extrusionsprozesses, ein formgebendes Verfahren in der Fertigungstechnik

Die Extrusion zählt neben dem Spritzguss und dem Kalandrieren zu den wichtigsten formgebenden Verfahren in der Elastomerindustrie. Sie ermöglicht die Herstellung einer breiten Palette von Produkten, beispielsweise Industrieschläuchen, Dichtungen oder Handläufen. Die Produktqualität hängt dabei maßgeblich von den inneren Zuständen im Extruder ab, insbesondere von der Entwicklung der Massetemperatur entlang der Schnecke. In der Regel sind diese inneren Zustände bei der Extrusion jedoch nicht direkt messbar, um sie zugänglich zu machen werden daher mathematische Modelle des Prozesses benötigt.

Die ausgeprägte Kopplung der rheologischen, thermischen und strömungsmechanischen Prozesse führt dazu, dass hochauflösende Simulationen des Extrusionsprozesses mit einem erheblichen Rechenaufwand verbunden und daher meist nicht echtzeitfähig sind. Durch den Einsatz geeigneter Modellreduktionsmethoden können aus diesen komplexen Modellen jedoch echtzeitfähige Ersatzmodelle abgeleitet werden.

In Kombination mit online verfügbaren Prozessmessdaten bilden diese reduzierten Modelle die Grundlage für einen digitalen Zwilling des Extrusionsprozesses. Durch die Kombination dieser Modelle mit Echtzeit-Messdaten können Abweichungen der simulierten Größen laufend korrigiert werden, indem Differenzen zwischen gemessenen und modellierten Größen zur Aktualisierung von Zuständen und Parametern herangezogen werden. Der digitale Zwilling ermöglicht damit nicht nur die Rekonstruktion nicht direkt messbarer innerer Zustände, sondern auch prädiktive Analysen, eine zustandsbasierte Prozessführung sowie die frühzeitige Erkennung von Abweichungen oder Störungen.

Verwandte Projekte

Zentrale Fragen für verteiltparametrische Systeme

Frage 1

Welche Vorgänge laufen im Inneren eines Systems ab – und wie lassen sie sich trotz begrenzter Einblicke beeinflussen?

Frage 2

Warum altern Systeme – und wie lassen sich Effizienz und Performance dennoch erhalten?

Methodische Beiträge und Lösungsansätze

Physikalische Beschreibung lokaler Phänomene

Ansammlung von Quadraten und Rechtecken mit unterschiedlichen Farben, Mustern und Webarten

Entwicklung räumlich aufgelöster, physikalisch fundierter Modelle auf Basis partieller Differentialgleichungen zur Beschreibung lokaler Transport-, Reaktions- und Wechselwirkungsprozesse im System.

Systematische Identifikation zentraler Parameter

Symbol für Einstellungen, oft verwendet für einen Equalizer oder Lautstärkeregler

Strukturierte Bestimmung einflussreicher Modellparameter mittels Design-of-Experiments, Identifizierbarkeitsanalysen und optimierungsbasierter Schätzverfahren.

Zustandsschätzung für räumlich verteilte Systeme

schematisches Blockdiagramm, das typischerweise in der Automatisierungstechnik oder Systemtheorie verwendet wird

Entwurf modellbasierter Beobachter zur Echtzeitrekonstruktion räumlich verteilter Zustände unter Nutzung von In-situ-Messungen und Modellordnungsreduktion.

Online-Diagnose und virtuelle Sensorik

Interaktion zwischen einem digitalen Entwurf auf einem Computer und einem physischen Objekt

Entwicklung von Methoden zur kontinuierlichen Zustandsüberwachung, Degradationsbewertung und prädiktiven Abschätzung der verbleibenden Lebensdauer mittels virtueller Sensoren.

Aktuelles

Neue Einblicke in das Innenleben von Brennstoffzellen

Molenbrüche von H2O in verschiedenen Bereichen eines PEM-Brennstoffzellenmodells

Was im Inneren einer PEM-Brennstoffzelle abläuft, bestimmt maßgeblich Effizienz, Leistungsfähigkeit und Lebensdauer – ist jedoch experimentell nur eingeschränkt zugänglich. Eine aktuelle wissenschaftliche Veröffentlichung zeigt nun erstmals, wie sich Temperaturverteilungen und der Zweiphasentransport von Wasser in einem physikbasierten, räumlich aufgelösten Modell gleichzeitig realistisch und recheneffizient abbilden lassen.

Damit können kritische Betriebsphänomene wie lokale Überhitzung oder Wasseransammlungen präzise analysiert werden – zentrale Ursachen für Leistungsverluste und Degradation. Trotz der erweiterten physikalischen Tiefe bleibt das Modell schnell genug für dynamische Simulationen und ist damit direkt relevant für Diagnose, Regelungsstrategien und die modellbasierte Systementwicklung.

Die Arbeit baut auf einem 2018 mit dem Johann-Puch-Award ausgezeichneten Modellansatz auf.

Werfen Sie einen Blick mit uns in die Brennstoffzelle: https://doi.org/10.1016/j.ecmx.2026.101584, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster

Ausgewählte Publikationen

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Team

Ao.Univ.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn.Martin Kozek

Head of Laboratory

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Rene Hofmann, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (TUW): Experte für Digital-Twin-Technologien und modellbasierte Optimierung komplexer Energiesysteme, Institutsleiter am Institut für Energietechnik und Thermodynamik

Michael Eikerling, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (FZJ): Experte für physikbasierte Modellierung von PEM-Brennstoffzellen und elektrochemischen Energiesystemen

Christoph Hametner, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (TUW): Experte für modellbasierte Regelung, Zustandsschätzung und Optimierung komplexer dynamischer und energetischer Systeme

Thomas Kadyk, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (FZJ): Experte für Modellierung und techno-ökonomische Bewertung elektrochemischer Energiesysteme

Tomaž Katrašnik, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (UL): Experte für Multiphysik-Modellierung und Optimierung elektrochemischer Energie- und Antriebssysteme

Andraž Kravos, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (UL): Experte für multiphysikalische Modellierung elektrochemischer Energiesysteme und Brennstoffzellen

Matteas Jelovic, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (TUW): Wie lassen sich parametrisch verteilte elektrochemische Batteriemodelle so reduzieren, dass sie in Batteriemanagementsystemen in Echtzeit einsetzbar sind?

Johanna Bartlechner, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (TUW): Welche Informationen kann man mit Messungen während des Betriebes über die Eigenschaften innerhalb der Zelle gewinnen?

Benjamin Fuchs, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (TUW): Wie können lokale Schädigungseffekte in Brennstoffzellen und Elektrolyseuren erfasst und beeinflusst werden?

Jernej Gašperšič, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (UL): Wie können Modell, die verschiedenen Effekte auf verschiedenen Ebenen beschreiben, systematisch zusammengeführt werden?

Andrej Lebe, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (FZJ): Welchen quantitativen Einfluss haben Material- und Betriebsparameter auf die Alterung einzelner Zellkomponenten?

Patrick Frentzel-Pfaller, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (TUW) Wie können modellbasierte Regelungs- und Optimierungsverfahren entwickelt werden, um komplexe Energiesysteme effizient zu betreiben?

Johannes Lichtenegger, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (TUW): Wie können verschiedene Modellierungsansätze kombiniert werden um echtzeitfähige dynamische Prozessmodelle zu entwickeln?