Verena Seidl-Seibold

Titel

Priv. Doz. Dr. Dipl. Ing.

Geburtsjahr und -ort

1978, Klagenfurt 

Studium/Studienrichtung

Technische Chemie (TU Wien)
Studienzweig Biochemie, Gentechnik und Biotechnologie

Interviewdatum

12. Dezember 2014

Zurzeit ist mein Forschungsschwerpunkt der Abbau von langkettigen Kohlehydraten, die in der Natur vorkommen, wie z.B. Zellulose oder Chitin, durch Mikroorganismen, und die biotechnologische Nutzung der Abbauprodukte. Bereits jetzt werden auf diesem Weg viele Produkte in den Bereichen Lebensmittel, Waschmittel, Textilien, Medizin und Pharmazie hergestellt. Damit diese nachwachsenden Rohstoffe aber noch effizienter und nachhaltiger genutzt werden können, ist noch viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit notwendig. Mein „Lieblings-Biopolymer“ ist Chitin, das in Pilzzellwänden, aber auch den Panzern von Insekten und Schalentieren vorkommt. In der Fischindustrie fallen riesige Mengen an Chitin an, die bisher weitgehend ungenutzt deponiert oder ins Meer entsorgt werden. Durch die Forschung an Schimmelpilzen während meiner Doktorarbeit habe ich begonnen mich mit Chitin zu beschäftigen und jetzt, 10 Jahre später, faszinieren mich seine vielfältigen Eigenschaften immer noch.

 

Gene, DNA und Proteine haben mich von Anfang interessiert als ich das erste Mal darüber in der Schule gehört habe, was bei mir damals leider sehr spät, erst in der 8. Klasse Gymnasium, am Lehrplan stand. Da war mir sofort klar, dass ich Biochemie studieren möchte.
Außerdem hat mein Vater (ein Physiker) mein Interesse an Naturwissenschaften geprägt. Am Schlimmsten findet er wenn jemand sagt: „Es ist mir egal warum das so ist.“ Ich weiß heute noch wie er mir das erste Mal erklärt hat was ein Atom ist, oder dass Wasser aus „H“ und „O“ besteht, oder als er mal zu Hause ein Experiment mit flüssigem Stickstoff gezeigt hat. (Ich weiß zwar nicht ob das erlaubt war, aber es war toll!).
Meine Forschungstätigkeit haben viele Kolleginnen und Kollegen und ihre Forschungsergebnisse geprägt. Den Satz „Erstaunen und Verwunderung sind der Anfang des Begreifens“ von José Ortega y Gasset (spanischer Philosoph und Humanist, 1883-1955), der im Vorwort meiner Habilitationsschrift steht, finde ich nach wie vor bezeichnend für das, was ich bei meiner Arbeit empfinde. Die internationalen Konferenzen, wo man sich trifft und über die Forschungsergebnisse austauscht, sind immer wieder spannende Zusammenkünfte mit Menschen von denen ich viele auch persönlich sehr schätze. Die vielleicht wichtigste Person dabei ist Prof. Vincent Eijsink, ein Chitin-Forscher aus Norwegen der tolle Forschung macht, und vor allem trotz seiner wissenschaftlichen Erfolge „am Boden“ geblieben ist. Begegnungen und Gespräche mit ihm waren und sind immer wieder die größte Motivation für meine Arbeit.
Oft weiß man ja nicht was da im Beruf als Wissenschaftlerin auf einen so zukommt und vielleicht ist es manchmal auch gut so. Es ist in Österreich im Moment nicht leicht als junger Mensch langfristig in der Forschung tätig zu bleiben weil die finanziellen Mittel und Möglichkeiten für unbefristete Positionen auf den Universitäten sehr gering sind. Mein Gehalt wurde bisher fast ausschließlich durch den FWF Wissenschaftsfonds finanziert, wo man wissenschaftliche Projekte einreichen kann und diese nach einer Bewertung durch internationale Gutachter bewilligt bekommt, wenn alles gut geht. Ausgeführt wurden die meisten dieser Projekte an der TU Wien, die mir den entsprechenden Arbeits- und Laborplatz und die dafür notwendige Infrastruktur zur Verfügung stellt. Ohne den FWF Wissenschaftsfonds wäre ich heute nicht mehr in der Forschung. Es gibt in Österreich vom FWF Wissenschaftsfonds Förderprogramme speziell für Frauen und zwei meiner Forschungsprojekte wurden über diese Programme gefördert. Diese ermöglichten und ermöglichen mir sehr viel Flexibilität und an dieser Stelle auch gleich ein großes DANKE an die Ansprechparterinnen für diese Projekte beim FWF und auch die Personalstelle der TU Wien. Die ganzen Mutterschutz-/Karenz-/Teilzeit-/Kinderbetreuungsangelegenheiten sind manchmal administrativ eine richtige Schlacht und ich wurde da immer freundlich, kompetent und unbürokratisch unterstützt. 

Natürlich ist mein Lebensweg, und damit auch mein Berufsweg, davon beeinflusst eine Frau zu sein. Der größte Unterschied ist, dass nun mal nur Frauen Kinder auf die Welt bringen können. Ich habe es bis jetzt in meinem Leben noch nie als Nachteil empfunden eine Frau zu sein. Ich bin gern eine Frau :).
Ich hatte aber auch das Glück weder während meines Studiums, noch während meiner beruflichen Laufbahn, mit diskriminierenden Personen oder Problemen konfrontiert zu werden die für mich gravierende Nachteile oder Hindernisse dargestellt hätten. Über manche Ausnahmen oder Wortmeldungen muss man einfach hinwegsehen, das gilt auch für andere Bereiche im Leben. Der Frauenanteil im Chemiestudium und auch in meinem Arbeitsgebiet der Biochemie bzw. Biotechnologie, ist aber sicher höher als in anderen technischen Bereichen. Es ist aber sehr wichtig, dass die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern ein präsentes Thema in der Öffentlichkeit ist und bleibt, denn es gibt diesbezüglich immer noch viel Nachholbedarf in unserer Gesellschaft. Und man muss nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen selbst, immer wieder daran erinnern! Ich empfand die Arbeitsatmosphäre während Studium und Beruf immer als angenehm, aber das hat vielleicht auch mit meiner Persönlichkeit zu tun (ich bin sicher kein schüchterner Mensch).

Für mich ist Berufs- und Privatleben durchaus vereinbar weil viele dieser Dinge in Österreich doch schon relativ gut geregelt sind (klar, es gibt noch einigen Nachholbedarf und Vieles das besser werden muss, aber ich denke wir sind auf einem guten Weg). Aber man muss schon irgendwo klare Abstriche bei der Arbeitszeit machen oder Grenzen ziehen. Ich habe zwei kleine Kinder, und obwohl mein Mann auch in Väterkarenz bzw. Elternteilzeit war und zu Hause sehr „brav“ mithilft ist es nun einmal so, dass aus biologischen Gründen am Anfang der Großteil des Zeitaufwandes bei der Frau hängen bleibt. Vor allem als Chemikerin muss man da schon während der Schwangerschaft bezüglich Laborarbeit sehr vorsichtig sein, bzw. gibt es da ja Gott sei Dank in Österreich weitreichende Sicherheitsvorschriften.
Und natürlich muss man, wenn man das erste Kind bekommt, das ganze Leben neu ausrichten und in der Arbeit kürzer treten (wobei ja nicht gesagt ist, dass das die Frau sein muss, aber es muss eine Entscheidung getroffen werden wer wann für das Kind bzw. die Kinder da ist). Aber das ist ja nicht gerade überraschend, das kann man sich ja schon vorher überlegen, und ich bin ja auch sehr gern Mutter und das passt schon so. Was dazu nicht passt, ist leider die nicht sehr familienfreundliche chronische Überstundenmentalität, die es in Österreich und anderen Ländern gibt. Das Problem dabei sind nicht die 1-2 Jahre nach der Geburt des Kindes, sondern die Tatsache, dass Kinder auch darüber hinaus Zeit, Zuwendung und Betreuung brauchen, und das ist mit einem 40 h + 20 Überstunden/Woche-Job wie es in höherqualifizierten Positionen teilweise vorausgesetzt wird, schlichtweg nicht möglich bzw. nicht der Weg den mein Mann und ich als Eltern gehen möchten. 

Nein. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, es gibt kein Geheimrezept oder keinen Masterplan nach dem man vorgehen sollte damit es am besten klappt. Das gilt besonders für die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Und dabei nicht vergessen auch den Weg zu genießen wenn gerade alles passt, auch wenn das Ziel noch nicht erreicht ist. In der Forschung hat man die Flexibilität auch einen anderen Weg einzuschlagen und das Ziel neu zu definieren wenn man etwas Spannendes, Neues gefunden hat. Diese Flexibilität sollte man sich auch im eigenen Leben zugestehen, wenn es möglich ist.

Verena Seidl-Seiboth

Privatdoz. DI Dr.techn.

zugeteilt

Getreidemarkt 9, 1060 Wien, Österreich

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