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Graffiti erforschen – mit Geoinformation

Graffiti entstehen ständig neu, werden wieder übermalt und sind verloren. Mit Methoden der Photogrammetrie lässt sich ein dauerhaftes Graffiti-Verzeichnis erstellen.

Kombination aus Graffiti-Foto und Computerdarstellung der dreidimensionalen Oberflächenstruktur

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Der Wiener Donaukanal ist ein Graffiti-Hotspot: Ein buntes Bild reiht sich dort an das andere, die Vielfalt ist groß: Vom grimmigen Totenkopf bis zur fröhlichen Comic-Figur, vom Namensschriftzug bis zum politischen Statement. Aus wissenschaftlicher Sicht sind diese Bilder höchst interessant – kunstgeschichtlich, soziologisch, historisch.

Allerdings liegt es in der Naturvon Graffiti, dass sie vergänglich sind: Längst sind alle verfügbaren Flächen am Wiener Donaukanal bemalt – sowohl die legalen, offiziell zur Bemalung freigegebenen, als auch die Illegalen daneben. Wer neue Graffiti sprayen will, muss also zwangsläufig andere übermalen. An manchen Stellen haben sich über Jahrzehnte zentimeterdicke Farbschichten angesammelt.

Das Forschungsprojekt „INDIGO“ (Inventory and Disseminate Graffiti along the Donaukanal) versucht nun, diese Bilder zu inventarisieren und digital aufzubewahren. Co-PI des Projektes an der TU Wien ist Prof. Norbert Pfeifer vom Forschungsbereich Photogrammetrie der TU Wien.

Zwei, drei, vierdimensional

Man könnte die Graffitiwände freilich einfach in regelmäßigen Abständen abfotografieren und so eine Sammlung zweidimensionaler Bilder anlegen. Das Forschungsprojekt INDIGO will allerdings viel mehr als das erreichen: Zum einen soll ganz präzise aufgezeichnet werden, welches Graffito sich wo befindet. Daraus kann man etwa ableiten, inwieweit die Graffiti auf die räumliche Umgebung Bezug nehmen, welche anderen Graffitoteile übermalt wurden oder auch wie das Graffito mit der Textur oder mit geometrischen Unregelmäßigkeiten des Untergrunds interagiert – ein dreidimensionales Modell der Graffiti-Landschaft entsteht.

Zum anderen soll auch der zeitliche Verlauf für die Nachwelt konserviert und auf benutzerfreundliche Weise nachvollziehbar aufbereitet werden – insgesamt entsteht somit gewissermaßen ein vierdimensionaler Katalog der Donaukanal-Graffitiszene.

Photogrammetrie

Möglich wird das durch High-Tech-Lösungen, entwickelt an der TU Wien: „Ein Algorithmus sucht in den Fotos nach markanten Punkten und vergleicht diese mit markanten Punkten in älteren Fotos. Werden übereinstimmende Punkte gefunden, können diese verknüpft und die Bilder entsprechend verortet werden“, sagt Benjamin Wild, Projektmitarbeiter und Dissertant am Department für Geodäsie und Geoinformation der TU Wien.

Dadurch wird Forschenden, Digitaltouristinnen, Digitaltouristen und anderen Interessierten ermöglicht, eine virtuelle Graffiti-Reise am Donaukanal durch Zeit und Raum anzutreten. „Längst überdeckte Werke können so Schicht für Schicht digital ausgegraben und die zeitliche Entwicklung der Schichten nachvollzogen werden. Die Plattform wird auch inhaltliche Abfragen ermöglichen. Dadurch können die Graffiti beispielsweise nach bestimmten Farben, Stilen oder Themen gefiltert werden“, sagt Benjamin Wild.

Mehr dazu auf der Projektwebseite:
https://projectindigo.eu/, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster

Rückfragehinweis

Dipl.-Ing. Benjamin Wild
Department für Geodäsie und Geoinformation
Technische Universität Wien
+43 1 58801 12216
benjamin.wild@tuwien.ac.at