News

Ein-Blick in den Mist der WienerInnen

Dass sich die Regenbogenpresse gelegentlich für den Abfall von Prominenten interessiert, ist bekannt. Dass jedoch auch Politik und Wirtschaft Informationen über die Zusammensetzung des Hausmülls benötigen, dürfte weniger bewußt sein.

Paul H. Brunner

1 von 3 Bildern oder Videos

Paul H. Brunner

Paul H. Brunner

Die MVA Spittelau

1 von 3 Bildern oder Videos

Die MVA Spittelau

Die MVA Spittelau

schematische Darstellung der MVA Spittelau inkl. Probeentnahmestellen

1 von 3 Bildern oder Videos

schematische Darstellung der MVA Spittelau inkl. Probeentnahmestellen

schematische Darstellung der MVA Spittelau inkl. Probeentnahmestellen

Das Institut für Wassergüte und Abfallwirtschaft (IWA) der TU Wien hat eine neue Methode zur routinemäßigen Bestimmung der Müllzusammensetzung entwickelt und in Zusammenarbeit mit der Fernwärme Wien auf der Müllverbrennungsanlage Spittelau installiert. Die Spittelau ist eine von zwei Müllverbrennungsanlagen (MVA) in Wien, die gemeinsam 450 Tausend Tonnen Hausmüll pro Jahr verbrennen. Was im Abfall landet und wie sich die Müllkomponenten über die Zeit verändern, ist für den Gesetzgeber, für Betreiber von Verwertungs- und Entsorgungsanlagen wie auch für die Abfallwirtschaft insgesamt von großem Interesse. Zwei Beispiele: Wenn ein neues Sammelsystem für Quecksilberbatterien eingeführt wird, kann anhand des entwickelten Monitoringverfahrens überprüft werden, wie viel Quecksilber trotzdem noch über den Müll entsorgt wird, d.h. welche Wirkung das neue Sammelsystem auf die Entlastung der Umwelt von Quecksilber hat. Oder: Anhand der Messungen auf der MVA Spittelau kann der Kohlenstoffgehalt des Wiener Mülls mit bisher unerreichter Genauigkeit bestimmt werden. Damit hat der Gesetzgeber erstmals präzise Grundlagen, um den Beitrag der Abfallwirtschaft zu den österreichischen Emissionen an Treibhausgasen zu berechnen, und um abfallwirtschaftliche Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Auch für die Beobachtung der Veränderung des Konsums kann die Methode eingesetzt werden: Das Monitoring des Abfalls erlaubt es, rechtzeitig auf neue Entwicklungen zu reagieren und bei Bedarf geeignete Maßnahmen zur Gewährleistung der Umweltverträglichkeit zu treffen. Für die Güter produzierende Wirtschaft bilden die Resultate eine Entscheidungsgrundlage für die ökologische Stoffauswahl bei der Gestaltung von neuen Produkten.

Zur Methode

Die unter der Leitung von Paul H. Brunner und Leo Morf (IWA) entwickelte Methode weist wesentliche Vorzüge auf: Analysiert wird nicht der "Input", also der Abfall, der der MVA zugeführt wird, sondern der "Output", die Verbrennungsprodukte. Dieser Output besteht aus gereinigtem Abgas, Abwasser, Filterstaub und Schlacke. In jedem dieser Rückstände konzentrieren sich bestimmte Stoffe (z.B. Cadmium in den Filterstäuben, Kohlenstoff im Abgas, Chlorid im Abwasser usw.). Die im Vorfeld experimentell ermittelten "Verteilungskoeffizienten" erlauben es, stoffspezifisch anhand eines einzigen Outputs die Stoffkonzentration im Müll zu berechnen. Gemäß dieser Erkenntnis wurde ein Plan zur selektiven, routinemäßigen Entnahme und chemischen Analyse von Proben entwickelt und auf der MVA Spittelau umgesetzt. Der Vorteil des Verfahrens besteht darin, dass Verbrennungsprodukte wie Filterstäube, gereinigte Abgase oder Abwässer homogener und einfacher beprobbar sind als der Müllinput, der sowohl chemisch wie auch physikalisch äußerst heterogen zusammengesetzt ist. Als Resultat lässt sich die Abfallzusammensetzung wesentlich exakter und kostengünstiger bestimmen als dies mit herkömmlichen Verfahren möglich wäre.

Herausforderung "Wegwerfgesellschaft"

Das IWA widmet sich vor allem der Erfassung, Bewertung und Steuerung des regionalen Stoffhaushaltes. Mit gutem Grund: In einer Großstadt wie Wien werden täglich rund 400.000 Tonnen an Materialien umgesetzt. Davon entfallen drei Viertel auf Wasser, ca. ein Sechstel auf Luft und der verbleibende Rest auf Brenn- und Treibstoffe, Baustoffe und Konsumprodukte. Diese großen Mengen an Rohstoffen müssen ressourcenschonend bereitgestellt und nach ihrem Gebrauch wieder umweltverträglich entsorgt werden. Eine Stadt ist nicht nur ein linearer Durchflussreaktor für Stoffe; sie stellt auch ein sehr bedeutendes Stofflager dar. Jeder Einwohner und jede Einwohnerin von Wien besitzt ein durchschnittliches Stofflager von 300 bis 400 Tonnen. Diese längerfristig in der Stadt und ihrer Infrastruktur eingebauten Stoffmengen sind einerseits ein großes zukünftiges Ressourcenpotential, andererseits können sie auch eine zukünftige Bedrohung für die Umwelt darstellen. Hätten die Römer vor zweitausend Jahren den selben Stoffhaushalt wie wir gehabt, hätten wir heute nicht die gute Umweltqualität, die die Stadt Wien derzeit noch auszeichnet! Für unsere Zukunft ist es von entscheidender Bedeutung, den städtischen Stoffhaushalt nach den Gesichtspunkten der optimalen Nutzung von Energie und Materie, wie auch der langfristigen Umweltverträglichkeit zu gestalten. Das zusammen mit der Stadt Wien auf der MVA Spittelau installierte Monitoringsystem erlaubt weltweit erstmals, einen wesentlichen Teil des Stoffhaushaltes einer Stadt routinemäßig vom "hinteren Ende" her zu beobachten und darauf aufbauend nach den Zielen der Nachhaltigkeit zu optimieren.

Literaturhinweise

  • MORF, Leo S.; BRUNNER, Paul H.: Die Müllverbrennung als Analyseinstrument zur Bestimmung der Abfallzusammensetzung. In: Müll und Abfall, Nr. 5/99, S. 307 - 314.
  • MORF, Leo S.; BRUNNER, Paul H.: The MSW Incinerator as a Monitoring Tool for Waste Managment. In: Environmental Science and Technology, Jg. 32, Nr. 12/1998, S. 1825 - 1831.