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Weltjahr der Physik oder der Physik-Ikonen?

Bei den Streitgesprächen am 12. Oktober 2005 zum Thema "Weltjahr der Physik oder der Physik-Ikonen?" werden JournalistInnen und WissenschafterInnen ihre Sichtweisen darlegen.

Wien (TU). - Ist 2005 das Jahr der Physik oder eigentlich doch das der Physik-Ikonen? Die Frage stellt sich nicht nur deshalb, weil Albert Einsteins bahnbrechende wissenschaftliche Arbeiten - Erklärung des Photoeffekts, Relativitätstheorie, Brown'sche Bewegung, quantentheoretische Erklärung der spezifischen Wärme von Festkörpern - ihren 100. Geburtstag feiern. Beim Streitgespräch am 12. Oktober um 18:30 Uhr wird im Boeckl-Saal an der Technischen Universität (TU) Wien "gestritten", ob und inwiefern im Jahr der Physik Platz für Physik-Ikonen sein soll - oder nicht?

Werden Sie Zeuge, wenn

  • Rubina Möhring, ORF
  • Helga Nowotny, WZW - Wissenstransfer für Wien
  • Helmut Rauch, TU Wien
  • Klaus Taschwer, Falter

unter der Moderation des TU Wien-Physikers Peter Weinberger ihre Standpunkte zu "Weltjahr der Physik oder der Physik-Ikonen?" klar machen.

Hier ein erster Vorgeschmack auf die Diskussion am 12. Oktober ab 18:30 Uhr:

Helga Nowotny, WZW:
"Die Physik kommt, so scheint es, ohne Ikonen nicht aus. Sie braucht sie vielleicht auch dringender als andere Disziplinen. Bestand also Thomas Kuhn zu Recht darauf, den Paradigmenwechsel nur auf die Physik und nicht auf andere Disziplinen angewandt zu wissen? Doch was lässt sich schon gegen Ikonen einwenden? Ein Einwand ist der, dass sie notwendigerweise anderes verdecken. Ein zweiter Einwand ist, dass sie zu mainstreaming führen und wir uns im Jahr der Physik die Frage gefallen lassen müssen 'Warum gibt es keinen neuen Einstein?' Schließlich geht es aber auch um die Inszenierung von Ikonen - wie werden sie geformt und mit welcher Absicht werden sie wofür eingesetzt - genug um darüber zu streiten."

Helmuth Rauch, TU Wien:
"Das Jahr der Physik hat die Physik als wissenschaftliche Disziplin wieder in den Mittelpunkt naturwissenschaftlicher Forschung gerückt, last but not least mit Hilfe einiger Physik-Ikonen. Physik beansprucht in vieler Hinsicht einen gewissen Ganzheitsanspruch, da sie sich gleichzeitig mit den größten Objekten im Universum (Galaxien) und mit den kleinsten im Atomkern (Quarks) beschäftigt und die entsprechenden Theorien auch die Basis für unsere Erkenntnistheorie liefern. Der Mensch wird eher als Produkt dieser Entwicklung als dessen Mittelpunkt betrachtet. Physik ist aber gleichzeitig eine eher teure Wissenschaft weswegen Werbung für sie in der Öffentlichkeit nötig ist, obgleich diese den meisten Wissenschaftern eher zuwider ist. Für die Öffentlichkeit erscheint die Physik einerseits als großartig wenn sie an elektrisches Licht, Computer, Satellitenübertragungen und ähnliches denkt, aber auch als extrem gefährlich, siehe Atomwaffen, Meteoriten etc."

Klaus Taschwer, Falter:
"Warum gibt es ein Jahr der Physik? Der Anlass ist Einsteins Wunderjahr, der eigentliche Grund ist natürlich der, Öffentlichkeitsarbeit für eine wissenschaftliche Disziplin zu machen, die in den letzten zwei Jahrzehnten insbesondere von den Life Sciences in der öffentlichen Wahrnehmung etwas zurückgedrängt wurde. Zum zweiten ist - mit dem TU-Professor Georg Franck - davon auszugehen, dass wir in einer Aufmerksamkeitsgesellschaft bzw. -ökonomie leben, in der eben diese Aufmerksamkeit das knappste Gut ist. Aufmerksamkeit vermittelt sich nach wie vor in erster Linie über Personen - Prominente oder noch besser: Ikonen.
Und damit sind wir bei der Kernfrage der Diskussion, die vielleicht insofern von "Ikonen auf Ikone" umgeändert werden müsste, als es in diesem Jahr spätestens seit dem 1. Jänner - zumindest in meiner Wahrnehmung - vor allem um Albert Einstein ging und geht.
Die für mich reformulierte Frage ist also, ob dieses Jahr der Physik nicht bloß ein Einsteinjahr ist bzw. ob das nun gut oder schlecht ist für die Physik. Und tatsächlich gibt es ja viele Leute, die eine allenthalben grassierende Einsteinitis kritisieren und schon im Februar den Namen nicht mehr hören konnten. Andererseits funktionieren die Medien halt nun einmal "ikonologisch". Und Einstein zum Vorbild zu erklären ist mir immer noch sympathischer als nur noch Markus Rogan oder Hermann Maier diese Rolle einnehmen zu lassen.
Zugleich ist es immer noch möglich, über Einstein auf die aktuelle Physik zu sprechen zu kommen - wie das etwa in Jürgen Neffes Biographie oder auch bei einigen Veranstaltungen des spiel.raum.physik gelungen ist. Das schließt auch nicht aus, an Einstein zu kritisieren, was es zu kritisieren gilt. Insbesondere die Rolle, die er den Frauen zumaß.
Mein Resümee also: Das Jahr der Physik ist nun einmal auch das Einsteinjahr. Und für die Physik war und ist das gewiss nicht von Nachteil."

www.tuwien.ac.at/pr/events/events_streitgespraeche_20.shtml, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster