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TUW Forum Zukunft: BAUEN. AZRA KORJENIC im Interview

„Forum Zukunft“: Die neue Interview-Serie zu wichtigen und sensiblen Themen der Zukunft. Azra Korjenic, Forschungsbereichsleiterin für Ökologische Bautechnologien an der TU Wien, spricht über ihren Werdegang, darüber, wie sie selbst wohnen möchte sowie zukunftsfähiges und ökologisches Bauen.

Serie Forum Zukunft Expertinneninterview Korjenic, links Text, rechts Frau Korjenic mit kleinem Globus in der Hand

Azra Korjenic, Forschungsbereichsleiterin für Ökologische Bautechnologien

Was waren für Sie die entscheidenden Zeiten und Momente in ihrem beruflichen Werdegang und warum haben Sie sich entschieden Bauingenieurin zu werden?

Azra Korjenic: Ich wusste schon als Kind, dass ich einen Beruf wählen werde, in dem ich die Möglichkeit habe, unsere Umwelt und das Leben der Menschen zu verbessern. Bauen grundsätzlich und insbesondere ökologisches Bauen kann die Lebensqualität von Menschen positiv, umweltfreundlich und nachhaltig verbessern. Daher ist mein Beruf meine Berufung. Er ist genau das, was ich immer schon machen wollte.

Wenn Sie sich selbst ein Haus bauen würden: Wie würden Sie es planen?

A.K.: Mein Haus muss so flexibel sein, dass ich die Flächen- und Raumaufteilung an sich verändernde Personenanzahlen und Familienveränderungen problemlos anpassen kann. Außerdem ist mir ein gesundes und behagliches Klima im Haus wichtig. Ich würde – soweit möglich – mit regionalen, ökologischen und nachwachsenden Materialien bauen. Mein Haus müsste in der Stadt oder am Stadtrand, nahe einer U-Bahn-Station stehen, damit meine täglichen Wege kurz sind bzw. mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht und schnell erreichbar sind. Das Haus würde ich so bauen, dass ich jederzeit das Maximum an Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen kann, womit das Haus auch konditioniert werden würde. Natürlich würde ich die Bauteile und Räume angepasst an die Umgebung bauen (d.h. Lärm, die Tageslichtsituation, Sicht, Wind etc. einbeziehen. Ich würde für Begrünung sorgen, denn das schafft gutes Klima sowohl im Haus als auch in der unmittelbaren Umgebung.

Ist dieses Haus auch das ideale Haus des Jahres 2050? Wo müsste mit Fokus auf Klimaneutralität noch nachgebessert werden?

A.K.: Nein, das ist nicht das endgültige ideale Haus des Jahres 2050. Die Richtung stimmt aber. Bis zum Jahr 2050 werden weitere viele neue Ideen und Lösungen erforscht und umgesetzt werden. Technische Innovationen als Folge des technischen Fortschritts kommen immer schneller. Neue Produkte werden entwickelt und Lösungsansätze vorangetrieben. Somit gehe ich davon aus, dass das ideale Haus 2050 noch umweltfreundlicher sein wird und ein noch gesunderes Raumklima bieten wird – mit Low-Tech und Low-Cost.

Bitte geben Sie uns Einblick in die Arbeitsweise der „ökologischen Bautechnologie“. Was sind denn die wichtigsten Kriterien?

A.K.: Es geht dabei um die Gestaltung und Anpassung der gebauten Umwelt: für die oder den einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes; an zukünftige Herausforderungen wie Klimawandel, Umweltschutz, Ressourcenknappheit. Besonders berücksichtigen wir die Wechselwirkungen zwischen Bauwerk, Mensch und Umwelt. Bauen hat eine entscheidende Wirkung auf die lokale und die globale Umwelt: den Ressourcenverbrauch, das Abfallaufkommen sowie auf die Gesundheit und die Lebensqualität der Menschen.

Nachhaltiger Klimaschutz kann nur funktionieren, wenn die Ökologisierung des Bauwesens rapide voranschreitet.

Der Erhalt der Funktionsfähigkeit der Bauwerke und der Lebensqualität in den Gebäuden und Städten der Zukunft erfordert innovative Systemlösungen unter Einsatz von multifunktionalen, nachhaltigen und umweltverträglichen Bautechnologien. An den Kriterien der ökologischen Bautechnologie arbeite ich aktiv mit meinem Team. Es sind sehr breite Bereiche: von der Optimierung und Entwicklung ökologischer Baumaterialien und Konstruktionen, Bauen und Sanieren mit minimalem Energie- und Ressourceneinsatz, Optimierung der Kreislaufwirtschaft im Hochbau, Verbesserung des Komforts und Mikroklimas in unserer gebauten Umwelt, Gebäudebegrünung, Multifunktionalität bis hin zu Smart- und Green Cities.

Wie sieht es mit der Verantwortung der Baubranche im Hinblick auf Klimaneutralität im Jahr 2040 aus?

A.K.: Die Baubranche ist der Wirtschaftssektor mit den größten Materialflüssen und einem überaus hohen Energieverbrauch: für Herstellung und Transport von Bauprodukten und Konstruktionen. Außerdem sind die anfallenden Baureste sehr problematisch – sowohl in der Menge als auch wegen der problematischen Beschaffenheit. Sie sind sowohl für eine hohe Umweltbelastung als auch für steigende Entsorgungskosten verantwortlich. Wir müssen umweltfreundliche ökologische und lokale Materialien für den Bau verwenden. Damit können wir die Umweltauswirkungen während der Erzeugung, der Nutzungsphase, aber auch auf die Zukunft hin betrachtet – beim Recycling – auf das Minimum reduzieren. Nachhaltiger Klimaschutz kann nur funktionieren, wenn wir die Ökologisierung des Bauwesens rapide vorantreiben.

Sie arbeiten seit Jahren mit Schulen und Bildungseinrichtungen zusammen. Vor einigen Monaten haben Sie das Projekt „MehrGrüneSchulen, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster“ vorgestellt. Der Fokus bei diesem Projekt liegt auf der Verbesserung der Gebäude Richtung Begrünung und Verbesserung der CO2-Bilanz. Warum sind Ihnen gerade solche Projekte wichtig?

A.K.: Mir ist es wichtig, unsere Lebensqualität und vor allem die für die zukünftigen Generationen mit unseren vorhandenen Naturressourcen langfristig zu sichern. Deswegen arbeite ich in zahlreichen Forschungsprojekten an der Bewusstseinsbildung der zukünftigen Generation, um die notwendige Verhaltensänderung bezüglich Nachhaltigkeit zu erreichen. So habe ich mit meinem Forschungsteam und Projektpartner_innen im Rahmen mehrerer Projekte viele Schulen begrünt, das heißt Fassaden- Dach- und Innenraumbegrünungen sowie die Kombination mit Fotovoltaik in Schulen, zusammen mit Schüler_innen und Lehrer_innen, installiert und die Wirkung dieser Technologie auf die Menschen, das Gebäude und das Mikroklima erforscht. Die Schüler_innen hatten großen Spaß und Freude an diesen Arbeiten. Das hat mir gezeigt, dass Bewusstseinsbildung in diesem Umfeld der richtige Ansatz ist. Wir haben auch viele Do-it-yourself-Begrünungen für Schulen entwickelt. Wenn sich Kinder und Jugendliche – unsere Zukunftsgeneration – mit den eingesetzten Methoden und Materialien direkt auseinandersetzt, entsteht Bewusstseinsbildung und eine Sensibilisierung für die Wichtigkeit von Umweltschutz, Ökologie, aber auch den Einflüssen der Ökonomie, von erneuerbaren Energiequellen und darüber, wie all diese Faktoren Einfluss auf Wohlbefinden und Gesundheit von Mensch und Natur nimmt.
Im Mittelpunkt meiner Forschung steht der Mensch.  Daher versuche ich die Lebensqualität aller Generationen langfristig zu verbessern und begrüne in meinen Projekten nicht nur Schulen, sondern auch Wohn- und Bürohäuser, bis hin zu den Pflege- und Betreuungszentren, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster.

Wie sieht die Zukunft ihrer persönlichen Forschung aus? Was haben Sie in den nächsten Jahren vor?

A.K.: Wir leben in Zeiten großer gesellschaftlicher und ökologischer Herausforderungen und der technische Fortschritt stellt auch eine Verantwortung für uns dar. Daher werde ich auch in der Zukunft das Bestehende weiter verbessern und neue Ansätze entwickeln, anwenden und weitergeben. Neues Wissen zu generieren und weiterzugeben ist meine Berufung.

Azra Korjenic ist Universitätsprofessorin, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster und Forschungsbereichsleiterin für Ökologische Bautechnologien an der Technischen Universität Wien, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster. Die Schwerpunkte ihrer Forschungsarbeit liegen in den Bereichen ökologische und innovative Baumaterialien, Konstruktionen, Gebäude und Siedlungen, Gebäude- und Umgebungsbegrünungen sowie Smart- und Green-Cities. Mehrfach wurde sie für ihre Verdienste um ökologisches Bauen ausgezeichnet.

Video, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster zum Projekt MehrGrüneSchulen, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster.

#staytuned: Fragen an Azra Korjenic? Am 14.10. von 09.00–12.00 Uhr live auf TUW-Social MediaFacebook, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster, Instagram, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster und Twitter, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster.

#staytuned: Am 5. November 2021 geht es im Forum Zukunft weiter mit Reinhard Haas. Thema: Energie 2040.

Bereits erschienen in „Forum Zukunft: Verkehrsplanerin BARBARA LAA im Interview, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster zu ihrer Vision vom Verkehr des Jahres 2040.

Zur Reihe „Forum Zukunft:

In der Interviewreihe „Forum Zukunft“ der TU Wien kommen zu unseren zentralen Zukunftsthemen Expert_innen zu Wort: Barbara Laa zu Verkehr, Azra Korjenic zum Thema Bauen, Reinhard Haas zu Energie und Helmut Rechberger zu Abfall.