News

Schlechte Pensionsreformen können mehr schaden als nützen

Menschen mit höherer Bildung leben im Durchschnitt länger. Modelle der TU Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zeigen: Wenn Pensionsreformen das nicht berücksichtigen, können sie Ungerechtigkeit sogar vergrößern.

Zwei Menschen beim Rechnen

© Kirsten D/peopleimages.com / stock.adobe.com

Das Pensionssystem muss reformiert werden, um langfristig finanzierbar zu bleiben. Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten dafür – man kann das Pensionsantrittsalter erhöhen, Pensionen kürzen, Privatpensionen fördern und vieles mehr. Doch nicht jede Pensionsreform wäre im selben Maß fair, denn unterschiedliche Bevölkerungsgruppen werden auf unterschiedliche Weise getroffen. Menschen mit guter Ausbildung steigen viel später ins Berufsleben ein, zahlen somit bis zur Pensionierung weniger lange ins Pensionssystem ein, haben danach aber eine höhere Lebenserwartung, wie die Statistik zeigt.

An der TU Wien und dem Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) wurde nun ein rigoroses mathematisches Modell entwickelt und an die historischen Gegebenheiten in Österreich angepasst. Wenn man damit untersucht, wie sich unterschiedliche Pensionsreformen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auswirken würden, dann zeigt sich: Schlecht gemachte Pensionsreformen können bestehende Ungleichheit in der Bevölkerung sogar noch vergrößern. Die Ergebnisse wurden nun im Fachjournal „Journal of Pension Economics and Finance“ publiziert. Entscheidende Erkenntnisse dieser Arbeit fließen bereits ins Langfristmodell des Fiskalrats ein, der Empfehlungen an die Politik erarbeitet. 

Die Vergangenheit bemerkenswert gut erklärt

Hoch gebildete Menschen verdienen im Durchschnitt besser und leben auch länger. Somit ergibt sich durch das Pensionssystem eine Umverteilung von unten nach oben, weil wohlhabendere Schichten länger Pension kassieren. „Unser Modell berücksichtigt diese Unterschiede zwischen Bildung, Einkommen, Lebenserwartung und Vermögen und erklärt diese als Kombination individueller Entscheidungen und externer Umstände“, sagt Prof. Alexia Fürnkranz-Prskawetz, die Leiterin des Forschungsbereichs Ökonomie (Institut für Stochastik und Wirtschaftsmathematik) an der TU Wien. „Damit lässt sich klar zeigen, dass niedrigere Bildungsgruppen ein geringeres Einkommen, geringeres Vermögen und niedrigere Lebenserwartung haben.“

„Bildungs- oder Pensionsreformen haben natürlich auch immer eine Auswirkung auf die Entscheidungen der Menschen“, sagt Miguel Sanchez-Romero (TU Wien, ÖAW und IIASA), der Erstautor der aktuellen Studie. „So werden etwa in einer Gesellschaft, in der sich Bildung für das Individuum besonders lohnt, die Menschen versuchen, möglichst viel in Bildung zu investieren. Das blieb bisher oft unberücksichtigt, mit unserem Modell lässt sich das aber abbilden.“

Somit kann man nun historische Daten über Bildung, das Pensionssystem und Lebenserwartung analysieren und untersuchen, ob das Rechenmodell die Vergangenheit korrekt nachbildet: „Tatsächlich können wir zeigen, dass das funktioniert“, sagt Alexia Fürnkranz-Prskawetz. „Mit unserer Einteilung der Bevölkerung in unterschiedliche Kohorten, die in unterschiedlichem Maß vom Bildungssystem profitieren, können wir den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Daten aus den letzten 120 Jahren sehr gut erklären – die Entwicklung des Bildungsniveaus, des Einkommens, des Verhältnisses von Einzahlungen und Bezügen aus dem Pensionssystem.“

Auf Basis historischer demographischer Daten sowie historischer Entwicklungen des Pensionssystems in Österreich, kann ein solches Modell die historischen ökonomischen Daten ausgezeichnet reproduzieren. Damit ist das Vertrauen groß, dass dieses Modell auch einen zuverlässigen Blick in die Zukunft erlaubt.

Möglicherweise mehr Schaden als Nutzen

So wurde nun für sechs unterschiedliche Pensionsreformen berechnet, wie sich Änderungen am Pensionssystem auf die unterschiedlichen Kohorten auswirken würden. „Manche Pensionsreformen, die wir analysiert haben, würden zwar dem Staatsbudget helfen, aber der Gerechtigkeit schaden“, sagt Miguel Sanchez-Romero. So würde etwa das bloße uniforme nach hinten Verschieben des Pensionsantrittsalters dazu führen, dass gerade bildungsfernere Schichten, die schon jetzt für jeden ins Pensionssystem eingezahlten Euro weniger herausbekommen als die höhere Bildungsschicht, noch schlechter dastehen würden. Pensionsreformen hingegen, die zusätzlich auch die Unterschiede in der Lebenserwartung berücksichtigen, können nicht nur die Pensionskosten reduzieren, sondern auch bestehenden Ungleichheiten entgegenwirken.

„Wie man damit umgeht ist eine politische Frage, für die es natürlich keine klare mathematische Antwort gibt“, sagt Alexia Fürnkranz-Prskawetz. „Alles, was wir sagen können, ist: Unterschiedliche Gruppen werden unterschiedlich getroffen, und das muss man berücksichtigen. Es geht schließlich nicht nur um das Sanieren des Budgets, sondern es geht auch um Fairness.“

Originalpublikation

M. Sánchez-Romero, P. Schuster and A. Prskawetz, Redistributive effects of pension reforms: who are the winners and losers? Journal of Pension Economics & Finance, pp. 1 - 27 (2023)., öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster

Rückfragehinweis

Prof. Alexia Fürnkranz Prskawetz
Institut für Stochastik und Wirtschaftsmathematik
Technische Universität Wien
+43 1 58801 10530
alexia.fuernkranz-prskawetz@tuwien.ac.at

Aussender:
Dr. Florian Aigner
PR und Marketing
Technische Universität Wien
Resselgasse 3, 1040 Wien
+43 1 58801 41027
florian.aigner@tuwien.ac.at