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Noch ist nichts verloren

Dass der Mensch eine weltweite Klimaerwärmung verursacht, steht mittlerweile wissenschaftlich außer Streit. Entgegensteuern wäre noch möglich – ob es geschieht ist bloß eine gesellschaftliche und politische Frage.

Nebojsa Nakicenovic

Nebojsa Nakicenovic

Nebojsa Nakicenovic

Nebojsa Nakicenovic

Wir fürchten uns vor ziemlich viel: Vor Pestiziden im Salat, vor Haien am Badestrand, vorm Blitzeinschlag im Langstreckenflugzeug. Eine aus wissenschaftlicher Sicht viel realere Gefahr raubt aber kaum jemandem den Schlaf: Die Klimaerwärmung. Im Gegensatz zu anderen Gefahren ist sie nicht eine hypothetische Möglichkeit, sondern ein Faktum. „Die Klimaveränderung findet bereits statt“, betont Prof. Nebojsa Nakicenovic vom Institut für Energiesysteme und Elektrische Antriebe der TU Wien. „Die Frage ist nicht, ob sie kommt, sondern in welchem Ausmaß.“

Zwei Grad und nicht mehr!
„Die Wissenschaftliche Community ist heute einig: Wir sollten unbedingt versuchen, die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu beschränken“, sagt Nebojsa Nakicenovic. Das wäre zwar auch schon ein drastischer Anstieg mit deutlich spürbaren Auswirkungen auf viele Ökosysteme, doch man nimmt an, dass ein solcher Klimawandel verkraftbar wäre, wenn man ambitionierte Anpassungsmaßnahmen ergreift. Eine Erwärmung  von deutlich mehr als zwei Grad könnte allerdings unkalkulierbare Konsequenzen haben.

Österreich ist in einer besonders unangenehmen Situation: Hier wird, wie auch in der Arktis, der Temperaturanstieg ungefähr doppelt so groß sein wie im globalen Durchschnitt. „Bleibt es bei zwei Grad weltweit, wird es in Österreich um vier Grad wärmer. Steigt die globale Temperatur um vier Grad, wollen wir uns die Konsequenzen besser gar nicht vorstellen“, meint Nakicenovic.

Eine Transformation der Gesellschaft
Um solch gravierende Auswirkungen zu verhindern, muss man den Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen bis 2050 drastisch verringern, sagen die Berechnungen des IPCC. „Eine Reduktion von mindestens einem Drittel ist auf jeden Fall notwendig, zwei Drittel wären besser“, sagt Nakicenovic. Das würde zwar gewaltige politische und wirtschaftliche Anstrengungen erfordern, aber unmöglich ist es nicht. „Wir brauchen dafür nicht nur eine Energiewende, sondern eine Transformation der Gesellschaft“, sagt Nakicenovic. Man müsste Industrieprozesse überdenken, die Mobilität völlig neu planen, unsere Gebäude energieeffizienter machen.

Doch nicht nur industrialisierte Länder müssten sich stark verändern, um die Klimaziele zu erreichen. Gerade in Weltregionen, in denen nicht die gesamte Bevölkerung Zugang zu Elektrizität hat, werden natürliche Brennstoffe wie Holz auf sehr ineffiziente und wenig nachhaltige Weise verbrannt. Elektrizität für alle wäre ein entwicklungspolitisches Ziel, das auch dem Klima helfen könnte.

Nur ein Prozent für das Klima
Auch wenn die Maßnahmen zur Rettung des Weltklimas gewagt und utopisch erscheinen mögen: Man müsste nur ein Prozent des globalen Bruttosozialproduktes aufwenden, um die Energiewende herbeizuführen und den Klimawandel abzuwenden – ganz nebenbei hätte man dann auch noch umweltfreundlichere, gesündere Industrien aufgebaut und soziale Probleme gemildert.
Warum macht man das dann nicht schon längst? „Das Problem ist, dass solche neuen Systeme sehr geringe laufende Kosten verursachen, aber zunächst hohe Investitionskosten erfordern“, erklärt Nakicenovic. Eine solche Wende kann also kaum vom freien Markt alleine geleistet werden. Politischer Wille ist gefragt. Es gibt unterschiedliche Ansätze, dieses Problem zu lösen. Von „Cap and Trade“, also einer politisch vereinbarten Emissions-Obergrenze und freien Zertifikat-Handel, hält Nebojsa Nakicenovic heute wenig. Eine CO2-Steuer erscheint ihm praktikabler.

Und wenn wir scheitern?
Und was passiert, wenn wir scheitern? Was kann man machen, wenn die Emissions-Reduktion nicht im nötigen Ausmaß gelingt? Dann bleibt der Menschheit nur noch der Ausweg, CO2 künstlich wieder aus der Atmosphäre herauszunehmen und zu speichern. Doch befriedigende Konzepte dafür sieht Nakicenovic bis heute nicht. Man könnte CO2 aus der Biomasse abtrennen und unterirdisch in leere Gasreservoirs oder andere Gesteinskörper pumpen. Doch ob diese Lagerung über geologische Zeiträume stabil ist und welche Nebenwirkungen sie haben könnte, lässt sich heute schwer abschätzen.

Eine andere Möglichkeit, die immer wieder diskutiert wird, ist Geo-Engineering: Man könnte die globale Temperatur senken, indem man künstlich Schwefelaerosole oder andere Schwebstoffe in die Atmosphäre einbringt, die einen Teil des Sonnenlichtes reflektieren. Die Situation wäre vergleichbar mit einem gewaltigen Vulkanausbruch, dessen Asche die Sonne verdunkeln und zu einer globalen Abkühlung führen kann. Doch solche Maßnahmen lösen kein Problem, meint Nakicenovic: „Die Temperatur könnte dadurch zwar gesenkt werden, aber das ist nur eine Komponente des Klimawandels. Andere Effekte, wie die Übersäuerung der Meere, würde man dadurch gar nicht beeinflussen.“

Selbst wenn man also die unkalkulierbaren Risiken außer Acht lässt, die mit einem solchen massiven Eingriff in die Atmosphäre verbunden wären, kann man Geo-Engineering also nicht als sinnvolle Lösung betrachten. Uns bleibt also wohl kaum etwas anderes übrig, als Emissionen zu reduzieren. Und zwar jetzt.

Nebojsa Nakicenovic ist seit 20 Jahren leitender Autor des Weltklimarates (Intergovernmental Panel of Climate Change) und auch des fünften Weltklimareports, der derzeit zusammengestellt wird. Er beschäftigt sich mit den vielen komplexen Querverbindungen zwischen Politik, Wirtschaft, Technik, Gesellschaft und Klima, und gilt als einer der weltweit wichtigsten Forscher auf diesem Gebiet.