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Lebenswelten statt Stahlbeton

Im Portrait: Françoise-Hélène Jourda, Professorin für Architektur und Entwerfen

Françoise-Hélène Jourda

Françoise-Hélène Jourda

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Françoise-Hélène Jourda

Eine lebenswerte Umwelt erhalten und unsere Verantwortung zukünftigen Generationen wahrnehmen – das ist die Geisteshaltung der Nachhaltigkeit, wie Prof. Françoise-Hélène Jourda sie anstrebt. Die französisch-österreichische Architektin gilt als wegweisende Vordenkerin des ökologisch durchdachten Bauens. Mit einer atemberaubenden Vielfalt von Projekten und Ideen geht sie an ihre Arbeit heran: Jourda verbindet Architektur mit Raumplanung, ihr eigenes Architekturbüro mit universitärer Lehre, ihre Arbeit in Paris mit Forschung an der TU Wien.

Nachhaltigkeit ist das Stichwort, das Françoise-Hélène Jourda Projekte am Institut für Architektur und Entwerfen, Abteilung für Raumgestaltung und nachhaltiges Entwerfen, zusammenfasst. Ihr geht es um einen sparsamen Umgang mit Energie und natürlichen Ressourcen, um umweltverträgliche Baumaterialien, um die Reinhaltung von Wasser und Luft. „Nachhaltigkeit ist eine Philosophie, eine Ethik – nicht bloß eine technologische Lösung“, findet sie.

Nachhaltigkeit als Lebensphilosophie

„Vieles von dem, was man heute als ökologisches Bauen bezeichnet, hat in Wirklichkeit mit Nachhaltigkeit nichts zu tun“, kritisiert Jourda. Mit ein paar zusätzlich angebrachten Sonnenkollektoren oder ein bisschen mehr Wärmeisolierung ist es für sie nicht getan – „Greenwashing“ nennt sie solchen Etikettenschwindel. Für Jourda beginnt nachhaltiges Bauen schon mit der Auswahl des Grundstückes und den ersten Skizzen. „Der gesamte Lebensprozess muss bei jedem Gebäude mitgedacht werden“, betont sie. Genauso wichtig wie der Energieverbrauch eines Gebäudes ist daher die Frage: Wie greift es ins Mikroklima der Stadt ein? Wie sind die lokalen Bedingungen für Lüftung oder Sonneneinstrahlung?

Die Auswahl der Baumaterialien ist ebenso entscheidend. Prof. Françoise-Hélène Jourda arbeitet am liebsten mit Holz – doch auch andere einfach recyclierbare Materialien wie Stein oder Erde kommen zum Einsatz. „Wichtig ist für mich, dass ein Gebäude auch wieder demontierbar ist“, betont Jourda. „Denn wer kann schon sagen, ob ein Gebäude, das uns heute passend und nützlich erscheint auch in Jahrhunderten noch in dieser Form gebraucht wird?“ Mit möglichst wenig Energieaufwand sollen sich die Gebäudeteile daher wieder entfernen und wiederverwenden lassen. Ausbetonierte Tiefgaragen findet man in ihren Häusern also keine. „Technologisch ist nachhaltiges Bauen längst kein Problem mehr“, meint Jourda, „es ist nur eine Frage des Willens.“

Internationale Karriere


Ökologische Fragen haben Françoise-Hélène Jourda immer schon beschäftigt. Gleich zu Beginn ihrer Karriere gewann sie den ersten europäischen Architekturwettbewerb für Solarenergie – und viele weitere Preise sollten folgen. Jourda war 1996 eine der Verfasserinnen der europäischen Charta für Solarenergie, sie lehrte an Universitäten in Frankreich, Norwegen, Großbritannien, Deutschland und in den USA. 2004 gestaltete sie den französischen Pavillon bei der Architektur-Biennale in Venedig. Seit Februar 1999 ist sie Professorin an der TU Wien. „Damals war ich erst die zweite Frau, die eine Professur an der TU bekommen hat – die erste an unserer Fakultät“, erinnert sie sich.

Ein Wohnhaus ist kein Kunstobjekt


Ästhetische Wirkung und künstlerische Schönheit ist für Françoise-Hélène Jourda eher ein Nebeneffekt der Planung. „Nur künstlerische Gestaltung alleine – das kann gefährlich sein“, findet sie. Entscheidend ist, dass ein Gebäude seinen Zweck erfüllt, umweltverträglich ist, und auf Menschen eine angenehme und lebensfreundliche Wirkung hat. Ob diese Philosophie auf die Planung ganzer Städte, auf die Errichtung einzelner Gebäude, oder auf die Gestaltung von Möbeln angewandt wird, ist für sie zweitrangig: „Wir sind da um zu entwerfen, um Räume zu schaffen, in denen Menschen gut leben können. Das gilt für alle Größenordnungen – für das Wohnzimmer wie für die ganze Stadt.“ So ist es nur konsequent, dass Jourda neben ihrer universitären Tätigkeit in Wien und ihrem Architekturbüro in Paris auch noch eine Consulting-Firma für Stadtplanung führt. In diesem Bereich gibt es aus ihrer Sicht auch noch viel zu tun: Hochhäuser mit mehr als 80 Metern Höhe hält sie für unklug – trotzdem ist sie für eine Verdichtung von Städten, um sie effizienter zu machen. Mit etwas Phantasie, so ist Jourda überzeugt, kann man auch aus sehr dicht bebauten Städten Wohlfühlzonen machen. So gibt es etwa zwischen Büro- oder Verwaltungsgebäuden oft Höfe oder freie Flächen, die man begrünen könnte – und warum sollen diese Stadtgärten dann nicht zumindest am Wochenende allgemein zugänglich sein? Wien hält Jourda für eine recht ökologische Stadt – mit perfekter Größe: „Städte mit etwa 1.2 bis 2 Millionen Einwohnern können schon eine ausgezeichnete Infrastruktur und ein reiches Kultur- und Wirtschaftsleben liefern, sind aber noch nicht so groß, dass die Entfernungen für innerstädtischen Transport zum Problem werden.“

Langeweile ausgeschlossen


Etwa dreimal pro Monat fliegt Prof. Françoise-Hélène Jourda von Paris nach Wien und wieder zurück. „Mein persönlicher CO2-Ausstoß ist so betrachtet leider recht hoch“, gibt Jourda zu. Die Vielfalt von Aufgaben auf ihrem Terminkalender würde wohl manche andere Leute verzweifeln lassen: Das Architekturbüro in Paris, Stadtplanungsprojekte, Lehrtätigkeit, Beteiligung in Think Tanks – die Liste wirkt beinahe endlos. „Ich bin sehr gut organisiert“, meint Jourda. Auch ihr Familienleben ist in ihre Berufswelt mit eingewoben: Gleich drei ihrer vier Kinder haben selbst das Fach Architektur gewählt und arbeiten heute in Jourdas Pariser Büro. Für das, was andere Leute „Hobbys“ nennen würden, bleibt ihr wenig Zeit – ihr Hobby ist ihr Beruf. Ob sie ein Workoholic ist? Prof. Jourda lächelt. „Ein bisschen“, meint sie.