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Lebensqualität aus Lehm

Video-Doku über ein TU-Projekt in Afrika: Neue Lehmbautechniken sollen den Lebensstandard der Afar in Äthiopien verbessern und ihre Ressourcen schonen.

Klassische Bauweise: Simple Hütten aus Lehm und Holz

Klassische Bauweise: Simple Hütten aus Lehm und Holz

Klassische Bauweise: Simple Hütten aus Lehm und Holz

Klassische Bauweise: Simple Hütten aus Lehm und Holz

Für größere Gebäude, etwa für Schulen, ist diese Bauweise nicht geeignet.

Für größere Gebäude, etwa für Schulen, ist diese Bauweise nicht geeignet.

Für größere Gebäude, etwa für Schulen, ist diese Bauweise nicht geeignet.

Für größere Gebäude, etwa für Schulen, ist diese Bauweise nicht geeignet.

Ulrike Herbig (l) und Andrea Rieger-Jandl (r)

Ulrike Herbig (l) und Andrea Rieger-Jandl (r)

Ulrike Herbig (l) und Andrea Rieger-Jandl (r)

Ulrike Herbig (l) und Andrea Rieger-Jandl (r)

Die staubigen Wüstengebiete der Afar-Region im Norden Äthiopiens sind nicht unbedingt der Ort, an dem man architekturwissenschaftliche Forschungsteams vermuten würde. Die Dorfgemeinschaften des Afar-Volkes leben mit ihren Tierherden großteils noch immer nomadisch und wohnen in einfachen Mattenzelten. Durch die zunehmende Sesshaftwerdung gibt es nun Bedarf nach einer neuen, ökologisch nachhaltigen Architektur, die auf die geänderten sozialen Bedürfnisse reagiert und ökologisch nachhaltig ist. Ein interkulturelles Forschungsprojekt  der TU Wien versucht gemeinsam mit den Afar, eine für die Region passende Lehmbauweise zu entwickeln und exemplarisch ein Schulgebäude zu errichten. In einer TU-Video-Doku (unten) können Sie nun mehr über dieses Projekt erfahren.

 


Tradition allein ist nicht genug
Die traditionellen Gebäude der Afar bestehen aus Zweigen und Wurzeln, die mit Gras oder geflochtenen Palmmatten gedeckt werden. Solche Mattenzelte sind schnell gebaut und ideal auf die nomadischen Lebensbedingungen abgestimmt. Für den zunehmend sesshaften Lebensstil sind sie nur bedingt geeignet: Die Konstruktion ist kaum erweiterbar und neue Gebäudetypen wie Schulen oder Moscheen lassen sich mit dieser Bauweise nicht herstellen. In den neuen Siedlungen dominiert daher die sogenannte `Chikka´-Bauweise, eine einfache Holzständerkonstruktion mit Lehmbewurf, die auch Rechtecksgrundrisse ermöglicht.

Diese Bauweise hat einen gravierenden Nachteil: Der Holzverbrauch ist sehr groß. In einer Region, in der Holz  eine extrem seltene Ressource ist, mit der man sparsam umgehen muss, ist das ein echtes Problem. Prof. Andrea Rieger-Jandl,  Dr. Ulrike Herbig und Dr. Petra Gruber vom Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege der TU Wien widmeten sich daher der Suche nach neuen architektonischen Konzepten - gemeinsam mit einer Afar-Dorfgemeinschaft und der lokalen  NGO „Afar Pastoral Development Association (APDA)“, die seit Jahren in der Region tätig ist.

Moscheen, Schulen, Gemeinschaftshäuser

Schon im Februar 2011 unternahm das Team der TU Wien eine erste Reise nach Äthiopien, um die Bedürfnisse der Afar und die natürlichen Gegebenheiten der Landschaft kennenzulernen. „Die Dorfgemeinschaften ziehen zwar mit ihren Herden von Ort zu Ort, haben aber trotzdem fixe Stützpunkte, zu denen sie immer wieder zurückkehren“, erzählt Ulrike Herbig. Es gibt eindeutig einen Trend zu mehr Sesshaftigkeit und haltbareren Gebäuden. Unter den Afar wächst das Bedürfnis nach größeren Gemeinschaftshäusern, daher soll nun eine für die Region passende Lehmbauweise entwickelt werden.

Auf den Lehm kommt es an
Zuerst musste geklärt werden, ob sich aus dem Boden der Afar-Region überhaupt geeigneter Lehm gewinnen lässt. Das TU-Team brachte sechs verschiedene Lehmproben mit nach Österreich, die im Labor genau analysiert wurden. „Der Lehm hat einen hohen Ton-Gehalt und ist daher absolut zum Bauen geeignet“, berichtet Andrea Rieger-Jandl. Das tonhaltige Material muss nur noch mit Sand abgemagert werden, bevor man es zum Bauen verwendet.

Studierende planen für Afar
Ein Semester lang arbeiteten Andrea Rieger-Jandl und Petra Gruber mit einer Gruppe von Studierenden an Planungsideen für eine Schule in der Afar-Region. Nachdem es dort keine Bautradition für Gebäude dieser Art gibt, konnten die Studierenden ihrer Kreativität völlig freien Lauf lassen – und dementsprechend vielfältig sind die Entwürfe, die dabei entstanden sind. Die Gebäude sollen einfach zu bauen sein, eine hohe Lebensqualität bieten, und so weit wie möglich mit den Materialien auskommen, die es direkt in der Region gibt. „Besonders wichtig ist der Schutz vor Wind und der Schutz vor der Sonneneinstrahlung“, betont Ulrike Herbig. Ganz unterschiedliche Strategien wurden von den Studierenden eingeschlagen:  Von Gewölbebauten aus Lehm über Räume, die in den kühlenden Boden versenkt werden, bis hin zu Konstruktionen, die sich ganz eng an den bisher schon gebauten Afar-Zelten orientieren.

Österreichische Ideen, äthiopische Umsetzung
Welche dieser Ideen für die Afar-Region nun tatsächlich die zukunftsträchtigste ist, lässt sich nicht von Wien aus entscheiden. „Wir können nur Ideen liefern und beraten – die Afar selbst werden ein Projekt auswählen und das Gebäude dann bauen“, sagt Andrea Rieger-Jandl. Während der Planungsarbeiten zeigte sich auch, dass trotz der Exkursion in die Afar-Region im Februar 2011 noch einige wichtige Fragen offen sind, die man direkt mit den Betroffenen diskutieren muss. Schließlich sind kulturelle und soziologische Aspekte für Architektur, die einer ganzen Dorfgemeinschaft nützlich sein soll, von großer Bedeutung.

Zwei Studentinnen reisten daher noch einmal in die Afar-Region, um verbleibende offene Fragen zu klären. Sie hatten auch umfangreiche Projektmappe mit dabei, in der die bisher erarbeiteten Entwürfe genau dargestellt sind. „Wir haben bewusst großen Wert auf  eine gut lesbare graphische Aufbereitung der Projekte gelegt“, sagt  Andrea Rieger-Jandl. Die Afar sollen nicht bloß Grundrisspläne vorgelegt bekommen, sondern sich so früh wie möglich sehr realitätsnah vorstellen können, wie das Leben in den neuen Gebäuden aussehen wird.

„Wir wollen uns sicher nicht als überlegene Expertinnen aufspielen, die tausende Kilometer entfernt Gebäude planen und dann den Leuten dort hinstellen“, meint Ulrike Herbig. „Es ist ein Gemeinschaftsprojekt zwischen den Afar und uns. Wir können von den wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren, während die Afar mit den Informationen über Lehmbautechniken adäquate Lösungen für ihre neuen Siedlungsräume erreichen können.“

Auch in Zukunft wird das Projekt weitergeführt werden: Petra Gruber wechselte nun als Professorin an die Universität von Addis Abeba, um dort Hochbau zu unterrichten. Die wissenschaftlichen Verbindungen zur TU Wien wird sie dabei sicherlich aufrecht erhalten.

Nähere Information:
Prof. Andrea Rieger-Jandl
Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege
Technische Universität Wien
Karlsplatz 13, 1040 Wien
T: +43-1- 58801-25112
andrea.rieger-jandl@tuwien.ac.at