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How to: Distance Learning

Die notwendige Umstellung auf Distance Learning stellt alle Beteiligten vor Herausforderungen. Interviews mit Lehrenden und Studierenden geben einen Einblick, wie gemeinsam mit der Situation umgegangen wird.

Porträtfoto von Prof. Reinhard Winkler

Prof. Reinhard Winkler

Prof. Reinhard Winkler

Prof. Reinhard Winkler vom Institut für Diskrete Mathematik und Geometrie, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (Fakultät für Mathematik und Geoinformation) erzählt im Interview über seine ganz persönlichen Distance Learning Erfahrungen. In seiner Lehre hat er Vorlesungen, Seminare, Repetitorien und Übungen als Distance Learning Formate umgesetzt.

Prof. Winkler, Sie haben sehr viele Lehrinhalte sehr rasch auf Distance Learning umgestellt. Hatten Sie hierzu bereits Erfahrung?

RW: Nein, ich hatte dazu keine Erfahrungen. Doch dank Johanna Drmota von TUForMath, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster, die mir eine Videokamera zur Verfügung gestellt hat und meinem Kollegen sowie Forschungsbereichsleiter Martin Goldstern, der mich schon seit Jahrzehnten in unzähligen Stunden computertechnisch unterstützt hat, konnte ich trotzdem zu einer halbwegs zufriedenstellenden Lösung finden. Überdies gab es mit dem Sem DA05 einen mir zugänglichen Raum, den ich de facto rund um die Uhr für Videoaufnahmen benutzen konnte.

Welche Art von Distance Learning nutzen Sie? Was davon hatten Sie schon vorher eingesetzt, was war neu für Sie?

RW: Ich nahm meine Vorlesungen auf Video auf und lud diese Aufnahmen auf YouTube hoch. Die anderen Lehrveranstaltungen fanden in Form von Zoom-Konferenzen statt. Für mich war das alles neu.

Welche Arten von Lehrveranstaltungen (Übungen, Vorlesungen, etc.) haben Sie umgesetzt?

RW: Vorlesungen wie Algebra und das dazugehörige Repetitorium, Übungen und ein Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Anwendungsgebiete der Mathematik“. Außerdem habe ich gemeinsam mit meinem Forschungsbereich Seminare umgesetzt und sowie mit dem Team von TUForMath die PU „Technische Mathematik für Schülerinnen und Schüler“.

Was waren hier besondere Herausforderungen? Und wie haben Sie diese gemeistert?

RW: Die Videoaufnahmen für die Vorlesung erforderten etwa dreimal so viel Zeit wie eine Vorlesung samt Vor- und Nachbereitung unter normalen Bedingungen. Damit verschlang allein diese eine LVA schon deutlich mehr als die Hälfte meiner regulären Arbeitszeit. Wie habe ich das gemeistert? Die Hilfe von Johanna Drmota und Martin Goldstern habe ich vorhin schon erwähnt. Ansonsten: Wecker stellen, früh ins Büro marschieren (tatsächlich legte ich während der intensivsten Corona-Schutzmaßnahmen meinen Weg zwischen Währing und TU gerne zu Fuß zurück, als es etwas wärmer wurde gelegentlich auch mit dem Fahrrad). Nahrhafter Proviant für eine nicht zu lange Mittagspause in meinem Dienstzimmer. Spät wieder nach Hause und dann intensiver Nachtschlaf. Zum Glück musste ich keine Übungen zu Massenlehrveranstaltungen mit vielen Übungsgruppen koordinieren.

Wie wickeln Sie die Kommunikation mit Studierenden ab?

RW: Abgesehen von den auch sonst üblichen Kommunikationsformen wie E-Mail und via TISS habe ich kleinere Besprechungen oder Koordinationstreffen als Zoom-Konferenzen abgehalten. Seit es die gelockerten Corona-Maßnahmen wieder ermöglichen, lade ich Studierende zu Einzelgesprächen gerne auf einen Kaffee o.ä. in einem Gastgarten im Freien ein.

Was hat Sie positiv überrascht?

RW: Ich kam mir während der Videoaufnahmen mangels unmittelbarer studentischer Rückmeldungen oft unbeholfen und deplatziert vor. Obwohl ich mich über Versprecher und andere Unzulänglichkeiten meines Vortrags geärgert habe, konnte ich mir die Aufnahmen stichprobenweise selber ansehen, ohne diese als gänzlich misslungen zu empfinden. Ich habe sogar einige positive Rückmeldung bekommen.

Welchen Wunsch hätten Sie an die TU Wien zum Thema Distance Learning in Bezug auf Ihre Studierenden?

RW: Distance Learning möge so weit wie möglich wieder durch Präsenzlehre ersetzt werden. Gerade engagierte Studierende profitieren extrem von persönlichen Diskussionen und von der Möglichkeit, Zwischenfragen stellen zu können und darauf unmittelbare Antworten zu erhalten. Echte Kommunikation (lat. communis = gemeinschaftlich) ist mehr als ein Informationsfluss in eine Richtung. Sie beruht auf Wechselseitigkeit. Auch besteht „Universität“ dem ursprünglichen Wortsinn nach in der „Gemeinschaft der Lehrer_innen und Schüler_innen“, nicht in deren Distanzierung. Die katastrophalen Auswirkungen der Distanzlehre für Kinder und Schüler_innen sind bei erwachsenen Studierenden sicher abgemildert, ich höre aber von Kolleg_innen, dass vor allem in den unteren Semestern bei Massenlehrveranstaltungen die Ergebnisse viel schlechter sind als unter normalen Bedingungen.

Welchen Wunsch hätten Sie an die TU Wien zum Thema Distance Learning in Bezug auf Ihre Mitarbeiter_innen?

RW: Ich bin in der glücklichen Lage, in der Universitätshierarchie (bei extrem angenehmen Vorgesetzten) am unteren Ende zu stehen und deshalb keine Verantwortung für Untergebene zu tragen. In diesem Sinne habe ich also keine Mitarbeiter_innen. Was meine Kolleg_innen auf gleicher Ebene mit mir betrifft, vermute ich, dass sie die Situation ähnlich einschätzen wie ich.

Was vermissen Sie im Home-Office am meisten?

RW: Fast die gesamte berufsspezifische Infrastruktur, die mir an meinem Institut zur Verfügung steht, zu Hause aber nicht. Ich habe angesichts meiner wirklich sehr angenehmen Wohnverhältnisse zwar überhaupt keinen Grund darüber zu klagen aber Büro ist Büro und Wohnung ist Wohnung.

Gibt es etwas, das sich mit dem Umstieg auf Distance Learning verbessert oder neu ergeben hat?

RW: Die produzierten Videos stehen auch späteren Jahrgängen von Studierenden zur Verfügung. Diese haben dann hoffentlich beide Optionen: Live-Vorlesung und eine immer wieder abrufbare Konserve. Wenn man Videos mit langfristiger Perspektive herstellen möchte, sollte man sich allerdings um eine höhere Qualität bemühen, die zweifellos noch weit größeren Zeitaufwand erfordert.