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Gemeinsame Konzepte für Straßen, Höfe und Erdgeschoß

Zwei Jahre lang forschte die Stadtplanerin Angelika Psenner von der TU Wien nun an der Gestaltung von städtischen Erdgeschoßzonen. Sie wünscht sich einen halböffentlichen Raum, der Menschen zusammenführt.

Visualisierung der Auswirkung von EG-Garagen auf PassantInnen; Dreidimensionales Stadtparterre-Modell (Ausschnitt), Abbildung: Jan Looman im Auftrag von Angelika Psenner

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Visualisierung der Auswirkung von EG-Garagen auf PassantInnen; Dreidimensionales Stadtparterre-Modell (Ausschnitt), Abbildung: Jan Looman im Auftrag von Angelika Psenner

Aufteilung der unterschiedichen Nutzungen

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„StadtParterre-Nutzungen um 1910“, Zusammenhängender Parterre-Plan, Angelika Psenner

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„StadtParterre-Nutzungen um 2014“, Zusammenhängender Parterre-Plan, Angelika Psenner

Die alten Gründerzeithäuser Wiens sind nach wie vor höchst beliebt. Doch für eine sinnvolle Nutzung des Erdgeschoßbereichs fehlen oft die Ideen. Angelika Psenner vom Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen der TU Wien findet das schade. In einem Forschungsprojekt, das von der Wiener Wirtschaftskammer mitfinanziert wurde, nahm sie die Erdgeschoßzone in einem typischen Wiener Wohngebiet genau unter die Lupe, erforschte historische Entwicklungen und kam zu dem Schluss, dass dieser Bereich eigentlich mehr kann als man ihm heute zutraut. Es ist Zeit, den Erdgeschoßbereich wieder zur sozial bedeutsamen Begegnungszone zu machen, ist Psenner überzeugt.

Funktionstrennung ist eine Erfindung der Moderne
Als die Gründerzeithäuser gebaut wurden, die für Wien so typisch sind, war völlig klar, dass in diesen Häusern sowohl gewohnt als auch gearbeitet wurde. „Die Trennung von Arbeiten und Wohnen ist eine Erfindung der klassischen Moderne“, erklärt Angelika Psenner. Die unterste Etage bot Platz für Gewerbe und andel, für Manufakturen und Gastbetriebe -  eben für „halböffentliche“ Nutzungen. Das Erdgeschoß ist damit kein nach außen abgeschlossener, rein privater Raum, man muss es als Teil des gemeinsamen „Stadtparterres“ wahrnehmen.

„Zum Stadtparterre gehören Straßen, Innenhöfe, die untersten Stockwerke der Gebäude und zum Teil auch der Keller.“, erklärt Angelika Psenner. „Dieser Bereich erfüllt eine soziologisch ganz wichtige Funktion – dort trifft man sich, kauft man ein, verbringt seine Freizeit. Wenn das Stadtparterre funktioniert, dann funktioniert die Stadt.“

In ihrem Forschungsprojekt nahm Angelika Psenner Einsicht in alte und aktuelle Bauunterlagen und erarbeitete ein dreidimensionales Gesamtmodell des Erdgeschoßbereichs in einem Straßenzug im neunten Wiener Gemeindebezirk. „Das hatte vorher noch niemand gemacht – normalerweise hören Karten und Stadtpläne bei der Fassade auf. Wie das Innere des Hauses konkret aussieht und wie Bebauungsstruktur, Erdgeschoßnutzung und Nutzung der Straße zusammenhängen, bleibt unberücksichtigt“, erklärt Psenner.

Trend vom Öffentlichen zum Privaten
Eben diese Nutzung der verschiedenen Bereiche des Stadtparterres hat sich aber im Lauf der Zeit drastisch geändert. In vielen Gassen sind Handel und Gewerbe zurückgegangen – nicht zuletzt weil die Funktion der Straße als öffentlicher Aufenthalts-Bereich seit Einführung der NS-Straßenverkehrsordnung in den Hintergrund gedrängt wurde. Die Straße wurde zum Verkehrsdurchzugsraum und zur Parkzone degradiert.

Heute wird das Stadtparterre oft für wenig glamouröse Zwecke benutzt: Erdgeschoßflächen enden als Mini-Garagen, als Materiallager oder als Müllräume. „Unternutzung“ nennt das Angelika Psenner. „Früher konnte man in diesen halböffentlichen Raum überall hinein, oder es gab zumindest Sichtkontakt, heute werden die Erdgeschoßzonen versiegelt – durch große mit Plastikfolien verklebte Supermarktfenster, zugemauerte potemkinsche Zierfenster oder fest verschlossene Garagentore“, beklagt sie. Psenner wünscht sich einen fachlichen Diskurs über eine bessere Nutzung des städtischen Parterres.

Unterschiedliche Verwaltungsbehörden für zusammenhängende Räume
Dabei ist es wichtig, die gesamte Stadtparterre-Zone gemeinsam zu betrachten: „Wenn ich über die Erdgeschoßnutzung nachdenke, muss ich Straße und Hof mitberücksichtigen. Sie funktionieren nie getrennt voneinander“, sagt Angelika Psenner. Derzeit sind jedoch ganz unterschiedliche Verwaltungsbehörden für die verschiedenen Zonen zuständig, es gibt nicht mal einen zusammenhängenden Plan davon.  Genau hier setzt das Forschungsprojekt an: es bietet eine geeignete Planungsgrundlage für weiterführende Forschung genauso wie für die Planung selbst.

Für Angelika Psenner ist es entscheidend, dass der „halböffentliche Charakter “ der Erdgeschoßzone erkannt und gesetzlich festgeschrieben wird. Das sollte sich auch  in entsprechenden Kontroll- und Fördermaßnahmen niederschlagen. „Daten zum Erdgeschoß müssen zugänglich gemacht werden, damit Stadtforschung und Stadtplanung damit arbeiten können, so wie das etwa in italienischen oder Schweizer Städten bereits der Fall ist“, sagt Psenner. „Wir müssen begreifen, dass der vorhandene Raum ein enormes Potential für eine wachsende Stadt bietet.

Eine Nutzung, die diesem Potential nicht gerecht wird, stört das urbane Gefüge und bringt letztlich hohe Folgekosten mit sich.

Rückfragehinweis:
Dr. Angelika Psenner
Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen
Technische Universität Wien
angelika.psenner@tuwien.ac.at

Aussender:
Dr. Florian Aigner
Büro für Öffentlichkeitsarbeit
Technische Universität Wien
Operngasse 11, 1040 Wien
T: +43-1-58801-41027
florian.aigner@tuwien.ac.at

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