News | Lehre

Mein Covid-19-Semester: Online oder Stillstand

Markus Ströhle ist Student im Studium Maschinenbau und freier Mitarbeiter im Teaching Support Center (Fachbereich Lehr- und Lerntechnologien). Eine Alltagsbeschreibung aus seinem Covid-19-Betrieb.

Portraitfoto von Markus Ströhle.

Markus Ströhle.

Markus Ströhle.

Fast sechs Monate sind seit dem Lockdown und der Schließung der Universitäten vergangen. Ich blicke zurück auf den 16. März 2020. Es ist mein Geburtstag, und die Welt steht still. Social Distancing, niemand auf den Straßen, kein Hupen an der Kreuzung, und ich kann zuhause bleiben. Irgendwie ein passendes Geschenk, wenn das alles nicht so tragisch wäre. Doch was hatte das alles mit meinem Studium zu tun? Hier meine persönlichen Erfahrungen zum Distance Learning in der - meiner Meinung nach unglücklich genannten – „neuen“ Normalität:

Anfang Mai – Abschluss einer Laborübung

Da war meine erste mündliche Online-Prüfung. Rasch in der Früh noch den Leitfaden durchgeschaut und ohne langes Zögern entschieden, die Küche als „Prüfungsort“ zu verwenden. Ein letzter nervöser Blick auf das Uplink-LED des Routers. Ich habe mich am Vortag noch schnell entschieden, sicherheitshalber ein Netzwerkkabel auszulegen und zu verbinden. Die Webcam mit einer Schraubzwinge an dem Fenstersims befestigt, und alles scheint gut zu sein. Alle Mitbewohner_innen sind informiert, und ich habe noch ein paar Mal in das Skriptum geschaut. Noch am Vortag habe ich gescherzt, falls es nicht gut läuft, würde ich das Kabel einfach vom Hund meiner Mitbewohnerin durchkauen lassen. Oder im schlimmsten Fall selbst durchkauen. Kurz das Bild der Webcam begutachtet, schnell noch zwei Weingläser (ebenfalls vom Vortag) aus dem Blickfeld entfernt und ein paar fragwürdige Sticker am Kühlschrank mit Post Its überdeckt. Schon kann die intime Reise in die mündliche Online-Prüfungswelt beginnen.

Ich frage mich, ob es für die Prüfer_innen auf der anderen Seite des Bildschirms nicht auch etwas ungewohnt sein muss, in die persönlichen Orte der Studierenden Einblick zu erhalten. Nach einer doch längeren Wartezeit im Eingangsbereich von gotoMeetings war ich dann dran. Zwei Lehrende, welche ich aus den vorhergehenden Distance Learning Veranstaltungen schon kannte, stellten mir nacheinander Fragen und Aufgaben. Die Prüfungsaufgaben wurden mir mündlich beziehungsweise mittels freigegebenem Bildschirm zur Verfügung gestellt. Es war sehr unkompliziert und die Kommunikation verlief reibungslos. Nach etwa 15 Minuten habe ich meine Note bekommen und die nächste Person wurde aus dem Wartebereich geholt. Das war meine einzige Prüfung, welche über gotoMeeting abgehalten wurde.

Juni und Juli – Schriftliche Präsenzprüfungen

Mein Fazit nach drei schriftlichen Präsenzprüfungen: Für mich gab es praktisch keinen Unterschied zu spüren. Bei der ersten Prüfung kontrollierte das Sicherheitspersonal noch den Ausweis und das TISS Mail. Bei den anderen Präsenzprüfungen wurde dann nichts mehr kontrolliert – vermutlich wegen des Mails des Vizerektorates, dass alle Student_innen und Mitarbeiter_innen nun eigenverantwortlich Zugang zur TUW haben. Am Ende der Prüfungen konnte ich einfach den Sitzplatz verlassen und die Prüfung liegen lassen – eh praktisch. Wenn man um einiges früher fertig war, konnte man auch schon früher gehen. Hätte ich mehr von den Themen verstanden, wäre das für mich auch von praktischer Bedeutung gewesen. Die Sitzplatznummerierung und die Masken schreckten mich bei den Prüfungen jedenfalls weniger ab, als die Angst, den Hörsaal nicht zu finden, in der Bim oder U-Bahn sitzen zu bleiben oder nicht doch noch zur Sicherheit auf die Toilette gegangen zu sein.

 

Mitte Juli – Die mündliche Onlineprüfung nach der Präsenzprüfung im Juni

Mein Mitbewohner studiert auch an der TU Wien und hatte sich ebenfalls dazu entschieden, dieselbe LVA zu absolvieren. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir natürlich noch nicht daran gedacht, dass wir in denselben Zeitslot fallen könnten. Nach einer kurzen Mail an den Professor konnten wir das Problem allerdings recht unkompliziert lösen. Auf allen Kameras in Zoom war ein Kopf zu sehen – in unserem Fenster halt zwei. Dennoch, auch wenn es seit kurzem in der Studien- und Arbeitswelt beinahe täglich Zoom-Meetings gibt, sind zwei Köpfe in einem Fenster scheinbar trotzdem sehr ungewohnt.

In Fächern, in denen die räumliche Komponente einer Aufgabe eine eher untergeordnete Rolle spielt, bin ich der Meinung, dass der Prüfer sehr gut das Wissen der Studierenden abfragen konnte. Die mündliche Online-Prüfung war eine gute Alternative, da es wahrscheinlich keinen großen Unterschied bei der Leistungsfeststellung gemacht hätte, wenn diese im Hörsaal stattgefunden hätte. Irgendwie kann man das vielleicht so sagen, dass der Informationsverlust durch die „Digitalisierung“ sehr gering war. Ebenso kann man auch bei der Onlinevariante mit einer kleinen Zusatzfrage wieder auf den Boden der Realität gebracht werden. Das funktioniert allem Anschein nach fantastisch.

Online oder Stillstand

Bei manchen Fächern würde ich mich jedoch davor scheuen, die Prüfung online zu machen. Wenn man Kreide oder Stift in die Hand gedrückt bekommt (eigentlich nimmt man sie selbst in die Hand), geht's richtig los. Jetzt ist man an der Reihe. Skizzen sind einfach wichtig. Und große Tafeln auch. Für mich wird es immer Fächer geben, in denen es nicht angebracht ist, von Papier und Stift oder Tafel und Kreide abzukommen. Meine Hände sind nach der Prüfung voll mit farbigen Punkten, weil ich beim Erklären dauernd die Stiftspitze auf meine Finger drücke.

Von den Prüfungen abgesehen, finde ich es super, wenn Vorlesungen nun öfter auch „on demand“ verfügbar sind. Gerade in der Prüfungsvorbereitung gibt es für mich nichts angenehmeres, als mit mit Material vollgefüllten TUWEL-Kursen und LectureTube-Aufzeichnungen arbeiten zu können. Ich hoffe auch, dass nun die Foren und TISS und TUWEL endlich mehr genützt werden. Die Posts in Facebook-Gruppen mögen einen zwar in der Timeline daran erinnern, dass jetzt Hausaufgabenzeit ist, aber sonst ist es doch ein eher unpassender Ort für eine Diskussion. Zumindest ist jede Chance vertan, dass jemals eine Lehrperson, Assistent oder Tutor ein Feedback geben kann.