Seit nun acht Jahren verfolgt TUForMath – gegründet als Initiative der Fakultät für Mathematik und Geoinformation von Michael Drmota, Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Dirk Praetorius und dem leider viel zu früh verstorbenen Reinhard Winkler – die Vision, Mathematik für ein allgemeines Publikum begreifbar, verständlich und spannend darzustellen. In interaktiven Workshops für Schüler_innen und öffentlichen Abendvorträgen werden verborgene Muster, überraschende Zusammenhänge und Anwendungen sowie die Schönheit der Mathematik lebendig. Seit 2021 ist auch die Geodäsie und Geoinformation durch Johannes Böhm im Leitungsteam von TUForMath vertreten.
Im April 2026 beginnt nun bei TUForMath ein neues Kapitel: Markus Faustmann, Michael Wallner und Julia Eisenberg übernehmen gemeinsam mit Johannes Böhm die Leitung und bringen frische Impulse in das Programm. Was hinter diesem Wechsel steckt, welche Ideen die Zukunft prägen werden und wie sich TUForMath weiterentwickeln soll, darüber sprechen Dirk Praetorius und Markus Faustmann im Interview.
Was war der Grund für einen Leitungswechsel bei TUForMath?
Dirk Praetorius: Universitäten leben vom Wandel – ebenso wie Forschung und Lehre. Und gerade ein Projekt wie TUForMath, das junge Menschen für Mathematik, Wissenschaft und Technik begeistern will, braucht immer wieder frische Perspektiven. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem eine neue Generation von Wissenschaftler_innen das Steuer übernimmt und übernehmen muss, um TUForMath mit eigenen Ideen und neuen Inhalten weiterzuentwickeln. Markus hat sich in den vergangenen zwei Jahren bereits intensiv bei TUForMath engagiert, entscheidende Impulse gesetzt und neue Ideen eingebracht. Dass mit Markus nun jemand aus der neuen Generation auch offiziell die formale Leitung übernimmt, ist daher ein konsequenter und naheliegender Schritt.
Ein Abschied ist das allerdings keineswegs – vielmehr ein fließender Übergang. TUForMath bleibt ein echtes Herzensprojekt. Auch weiterhin werden ich und auch meine Kolleg_innen Michael und Alexia im TUForMath-Team tätig sein.
Markus Faustmann: Ich freue mich sehr darauf, diese neue Herausforderung anzunehmen und ein bereits großartiges Programm weiterzuführen. Outreach und Wissenschaftskommunikation sind ein manchmal unterschätzter aber aus meiner Sicht enorm wichtiger Teil der akademischen Arbeit, und TUForMath ist hier ein absolutes Leuchtturmprojekt an der TU Wien.
Ich bin sehr dankbar, ein so engagiertes und motiviertes Team übernehmen zu dürfen: Hier bringen sich alle mit Begeisterung ein, entwickeln gemeinsam neue Ideen und setzen sie mit spürbarem Einsatz um. Besonders schön ist zu sehen, wie sich TUForMath auch unter Studierenden herumgesprochen hat. Viele finden über Empfehlungen den Weg ins Programm und Team – und kommen nicht nur, sondern bleiben mit echter Leidenschaft dabei und gestalten aktiv mit.
Werden neue Schwerpunkte beim Programm gesetzt und wenn ja welche?
Markus Faustmann: Gemeinsam mit Julia und Michael konnten wir im letzten Semester bereits neue inhaltliche Akzente setzen: Die neuen Workshops „Finanzmathematik: Risiken verstehen und steuern“ und „Origami, wenn sich Mathematik entfaltet" erweitern unseren Katalog und begeistern bereits in diesem Semester Schüler_innen mit spannenden Anwendungen der Mathematik.
Und das ist erst der Anfang – in den kommenden Jahren planen wir einen weiteren Ausbau mit spannenden aktuellen Themen wie Kryptografie und KI. Weiters legen wir einen starken Fokus auf den Ausbau des Geodäsie-Anteils in unseren Workshops, weil wir hier auch Wahrnehmung für ein extrem spannendes Studium schaffen wollen. Hier wollen wir interaktive Workshops zu Satellitentechnologie und GPS sowie zum Thema Tunnelbau konzipieren. Es ist ja alles andere als klar, dass man sich überhaupt trifft, wenn man von unterschiedlichen Seiten des späteren Tunnels zu bohren beginnt (lacht).
Bei all diesen Themen ist die primäre Zielgruppe Oberstufen-Schüler_innen. Genau in dieser Schulphase beginnen viele, sich intensiv mit ihrer Zukunft auseinanderzusetzen – ein idealer Zeitpunkt, um das Interesse und die Faszination für Mathematik und Geodäsie sowie die TU Wien nachhaltig zu verankern.
Ein neues Format von uns in Kooperation mit fem*MA, dem Frauennetzwerk der Mathematikerinnen an der TU Wien, ist „Girls just wanna do Math!“. In diesem Format laden wir junge Frauen, unabhängig von ihren Schulklassen, ein, an dem Workshop „Unendlich viele Unendlichkeiten“ teilzunehmen und im Anschluss in einem Meet & Greet mit einer Mathematikerin der TU Wien Fragen zu stellen – zur Mathematik, zum Workshop, aber natürlich auch rund um ein Studium an der TU Wien.
Dirk Praetorius: Ein Blick auf die Zahlen zeigt eindrucksvoll, wie fantastisch sich das Schulprogramm entwickelt hat: Mit Ende dieses Sommersemesters werden seit dem Start im Wintersemester 2018/19 insgesamt mehr als 40.000 Schüler_innen an den Workshops teilgenommen haben – eine wirklich beeindruckende Anzahl.
Auch das Wachstum spricht für sich: Bisher hatten wir rund 160 Workshops für Schulkassen pro Semester, was defacto einer 100% Buchung unserer Angebote entsprach. Im Rahmen der letzten Zielvereinbarung haben uns Rektor Jens Schneider und sein Team zusätzliches Budget bewilligt, um weitere Workshops anzubieten. Im akuellen Sommesemester konnten wir deshalb das Angebot deutlich ausweiten, und 220 Workshops sind bereits gebucht.
Unserem Konzept bleiben wir aber trotzdem treu: bei TUForMath wollen wir gemeinsam mit dem jungen Publikum mit Spaß die Themen erarbeiten. Ich finde es jedes Mal aufs Neue schön, wenn es bei den Teilnehmer_innen klick macht, der Aha-Effekt eintritt und sie etwas Neues gelernt haben und aus dem Workshop mitnehmen. Mir ist bewusst: Nicht jede_r von ihnen wird an der TU Wien Mathematik studieren, aber wenn wir in jedem Workshop ein oder zwei Personen erreichen, die dann an der TU Wien zu studieren beginnen, dann sind das bei 220 Workshops pro Semester schon eine ganze Menge neuer Studierender (lacht).
Gibt es eine Lieblingsanektdote aus den letzten 8 Jahren TUForMath?
Dirk Praetorius: Es gibt viele nette Anekdoten. Letztes Semester war ich beispielsweise mit einer Oberstufenklasse aus Mödling in der Kunsthalle im Museumsquartier, um mit ihnen zu diskutieren, wie viel Mathematik in der Kunst und wie viel Kunst in der Mathematik steckt (Anmerkung: TUForMath bietet im Rahmen einer Kooperation mit der Kunsthalle das Format Mathematische Kunstgespräche an). Das war eine tolle Klasse mit überaus interessierten Schüler_innen. Nach der Veranstaltung hat mir der Lehrer erzählt, dass er bei uns an der TU Wien Mathematik studiert und bei mir die Vorlesung „Einführung ins Programmieren“ absolviert hat. Das hat mich sehr gefreut! Es ist wirklich toll zu sehen, wenn die Flamme der Begeisterung von uns, über unsere Alumni an die nächste Generation weitergegeben wird.
Und ich mag es sehr, wenn mir Lehrer_innen nach den Workshops erzählen, dass die Schüler_innen, die sich gerade mit Begeisterung in den Workshop eingebracht haben, in der Schule eigentlich wenig Begeisterung für das Schulfach Mathematik zeigen. Meiner Meinung braucht es manchmal nur eine andere Umgebung und den Entfall von Leistungsdruck, um etwas Neues zu verstehen und sich dafür zu begeistern. Das ist dann einfach ansteckend.
Markus Faustmann: Mich hat einmal im Rahmen einer Schulführung ein Schüler gefragt, was man tun muss um sich eine Mathematik-Vorlesung an der TU Wien anhören zu können, er würde das gerne machen. Ich habe ihm dann gesagt, dass Vorlesungen ja öffentlich sind und er gerne zu mir in den Hörsaal kommen kann. Daraufhin meinte er „Cool, dann komme ich gleich morgen vorbei!“ Das hat er zwar dann nicht gemacht, zumindest nicht bei mir (lacht), aber ich finde es schön, wenn meine Begeisterung für das Fach Mathematik und für die TU Wien auf die Schüler_innen überspringen.
Danke für das Gespräch.
Interview: Sonja Haberl
