Martina Hartner-Tiefenthaler

Titel

Dr.

Academic age

7 Jahre

Studium/Studienrichtung

Psychologie / Wirtschaftspsychologie

Wirtshaftswissenschaften / Management, Business und Administration

Interviewdatum

22. Januar 2019

Mein Forschungsschwerpunkt liegt an der Schnittstelle "Technik - Organisation - Mensch" und ich kann hier gut mein im Studium erworbenes Wissen anwenden. Konkret geht es um das Thema der organisationalen Kommunikation im Kontext der Vermischung von Beruf und Privatleben und des flexiblen Arbeitens. So führte ich bespielsweise vor kurzem die Tagebuchstudie "YLVI" in Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe Industrial Software (TU Wien) und der Arbeiterkammer Niederösterreich durch. In dieser Studie kombinierten wir Handynutzungsdaten mit Kurztagebucheinträgen und untersuchten die Konsequenzen intensiver Smartphonenutzung auf Wohlbefinden, Schlaf und und Gesundheit.
Wie ich darauf gekommen bin? Im Grunde durch eine Mischung aus Zufall und Interesse. Man spricht mit jemanden über ein Thema, wird zu einem Projekt oder Vortrag eingeladen, liest etwas das Interesse weckt, und baut darauf in der eigenen Forschung auf, um den Kenntnisstand zu erweitern.

 

 

Ein paar Tage nach Abgabe meiner Dissertation wurde unsere Tochter geboren und 1,5 Jahre später unser Sohn. Da es damals keine Rollenvorbilder mit Kindern für mich gegeben hat, glaubte ich eigentlich nicht daran, dass ich die Chance haben werde, in der Wissenschaft zu arbeiten. Wichtige Personen in meinem privaten und beruflichen Umfeld haben mich schließlich bestärkt, mich um eine Stelle in der Wissenschaft zu bewerben. Glücklicherweise hat sich dann auch die Gelegenheit dazu ergeben. Somit war weniger langfristige Planung, sondern mehr die jeweilige "Gunst der Stunde" entscheidend. Anfangs war alles natürlich schon extrem anstrengend und wirklich energieraubend, da unsere Kinder auch noch sehr jung und daher sehr betreuungsbedürftig waren als ich wieder zu arbeiten begonnen habe. Vor allem der mangelnde Schlaf brachte mich manchmal an meine Grenzen, noch dazu da ich davor immer sehr tief und erholsam geschlafen habe. Über die Zeit hinweg gewöhnt man sich allerdings an die neue Situation und kommt auch mit weniger Schlaf aus.

Ja, sicherlich. Es gibt zwar noch viele weitere Identifikationskategorien (zB wo man aufwächst, Freunde und Freundinnen, etc.), die meinen bisherigen Lebensweg spürbar beeinflussten, aber wesentlich war wohl auch die Rolle als Mutter und die Frage, ob das mit einem Beruf als Wissenschaftlerin überhaupt vereinbar ist.
Es ist leider trotz vieler Verbesserungen (z.B. Kinderbetreuung schon ganz früh) noch immer schwierig für Frauen, berufliche Karriere (was immer das auch ist) zu machen, wenn man Kinder hat. Kinderbetreuung braucht Energie und Zeit, gibt aber auf der anderen Seite auch sehr viel Energie. Ich glaube, es wäre gesellschaftlich wichtig, ein Bewusstsein zu entwickeln, dass die Hauptverantwortung der Kindererziehung nicht bei den Müttern, sondern zu einem gleichen Anteil bei den Vätern liegt. Eine Bekannte aus Dänemark hat mir erzählt, dass sie und ihr Mann die Kinderbetreuung so regeln: wenn ein Kind krank ist und Betreuung zu Hause erfordert, dann bleibt die Person zu Hause, die die "unwichtigere" Tagesagenda hat und das variiert tatsächlich von Fall zu Fall. Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich sagen, dass diese Einstellung in Österreich noch recht wenig vertreten ist. Obwohl im wissenschaftlichen Bereich überdurchschnittlich viele Väter in Karenz gehen, ist der Anteil im Vergleich zu den Frauen leider immer noch verschwindend gering. Letztlich bleibt Vätern dadurch die Chance auf sehr viele spannende Stunden mit ihren Kindern verwehrt, was ich bedaure, da es für alle Seiten gewinnbringend wäre.
Ich persönlich, und dadurch auch meine Kinder, hatten da wohl etwas mehr Glück, da mein Mann und meine Familie mich, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, spürbar beim Wiedereinstieg unterstützen konnten. Wir hatten außerdem sehr viel externe Kinderbetreuung, was von anderen manchmal kritisch beäugt wurde. Da ist es wichtig, bei sich zu bleiben und nicht alles perfekt machen zu wollen. Wesentlich war für mich auch die Situation bei uns am Arbeitsbereich: hier konnte ich erstmals Rollenvorbilder wahrnehmen, die diesen Spagat zwischen Wissenschaftlerin und Familie schafften. Solche Vorbilder motivieren meiner Meinung nach schon unheimlich, auch einen Versuch zu wagen.

 

Die vorhandene Flexibilität von Wissenschaftlerinnen kommt der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben grundsätzlich sehr entgegen. Aufgund der Informations- und Kommunikationstechnologien kann ich überall und jederzeit arbeiten. Allerdings bedeutet das auf der anderen Seite auch, dass das Berufsleben sehr viel Raum im Privatleben einnimmt. Hier eine gesunde Balance zu finden ist eine ständige Herausforderung. Effizientes Zeitmanagement, ein unterstützender Partner und möglicherweise noch zusätzliche Betreuungspersonen sind dabei essentiell.

Ich glaube es ist wichtig, mit Kollegen und Kolleginnen in Kontakt zu bleiben. Sogenannte Seilschaften haben in der Männerwelt schon sehr lange Tradition und deren Relevanz für das berufliche Weiterkommen wird kaum angezweifelt.