Männer im Fokus: Rollenselbstverständnisse & Geschlechterkonstruktionen

Die Zielsetzung ist es, die Geschlechterverhältnisse aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und Lebensrealitäten verschiedener Menschen in diversen Bereichen darzustellen. 

Gängige Geschlechterkonstruktionen engen viele Männer in ihrem Handeln stark ein. Vorgegebene Ideale sind schwer zu erfüllen, werden oftmals auch nicht angestrebt, setzten aber dennoch stark unter Druck.

Fazit: Traditionelle Geschlechterkonstruktionen sind für Männer oft problematisch, führen zu risikohaften Verhalten und resultieren häufig in drastischen Folgen. 

Wissenschaftlich kann in diesem Zusammenhang das Konzept der hegemonialen Männlichkeit, das von der australischen Forscherin Raewyn Connell (Connell, 1987;2006) entwickelt wurde, herangezogen werden. Connell geht davon aus, dass Männlichkeitskonstruktionen in gesellschaftliche Machtstrukturen eingebettet werden. In modernen Gesellschaften herrscht ein patriarchales Geschlechterverhältnis, das Männer als Gruppe privilegiert und die Gruppe der Frauen strukturell benachteiligt. Die „Vormacht“ der Männer über die Frauen geht einher mit Hierarchisierungsprozessen zwischen Männern. Nach diesem Verständnis herrschen in patriarchalen Gesellschaften immer auch Machtgefälle zwischen Männern. Die Reproduktion herrschender Verhältnisse ermöglicht Männern nach diesem Konzept leichteren Zugang zu Macht und Ressourcen. 
Die Erreichung des „männlichen Ideals“ stellt sich, wie bereits angeführt, als keine leichte Aufgabe dar. Kaum jemand erfüllt das männliche Ideal. 

Die genauere Betrachtung von Männlichkeitskonstruktionen zeigt auf, dass das Leben vieler Männer nicht rein von Privilegierung geprägt ist. Die angesprochenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse führen allzu oft zu Marginalisierungs- und Entfremdungserfahrungen, die im Leben vieler Männer eine große Rolle spielen. Aus diesem Verständnis heraus tragen auch Männer die „Kosten“ eines ungleichen Geschlechterverhältnisses und können vor diesem Hintergrund von einem Abbau dieser Ungleichheit profitieren. 

Bereiche, in denen Problemfelder von Männern sichtbar werden: 

Geschlecht ist in unserer Gesellschaft dermaßen wichtig, dass bereits vor der Geburt stereotype Zuweisungen an das Kind gemacht werden. Bei Buben kann sich dies bereits mit dem Wunsch nach einem „Stammhalter“ bei den werdenden Eltern äußern, fortgesetzt mit typischen Förderungen bei Buben eher nach Autonomie, bei Mädchen hingegen eher nach Anpassung und Unterordnung. Stark unterstützt werden die stereotypen geschlechtsspezifischen Zuschreibungen mit Spielsachen, Kinderbekleidung und Kinderzimmereinrichtungen. Schon im frühen Kindesalter lernt das Kind, dass Eltern und das weitere soziale Umfeld geschlechtsspezifisches Verhalten von ihm erwarten.

Ein großes Übel für Buben beginnt in diesem Zusammenhang sehr früh und zieht sich meist kontinuierlich durch die ersten Lebensjahre: Sehr wenig Kontakt zu erwachsenen Männern beginnend mit der häufig üblichen Arbeitsteilung, bei der Frauen tendenziell oft mit den Kindern zu Hause bleiben, der Fortsetzung im Kindergarten, Schule usw, bei der die Bildungskräfte ebenfalls meist zur Gänze weiblich sind. Dieses Fehlen von Männern im Leben der Buben führt oft zu Orientierungslosigkeit als auch zu Mythenbildung über Männliches. Sie müssen sich eine männliche Identität aneignen, um gesellschaftliche Normvorstellungen zu erfüllen. Was ein „richtiger Mann“ ist, bleibt dabei höchst unklar. Neben medial transportierten Superhelden (Spitzensportler, besonders erfolgreiche Manager,…) und Supermachos (Rocky, Rambo,…) dominieren Negativdefinitionen wie „Benimm dich nicht weiblich“, „Sei nicht schwul“ usw. Was genau damit gemeint ist, ist nicht klar definiert.

Klassische Merkmale von „Männlichkeiten“, welche oft problematische Aspekte beinhalten:

  • (Körper-)Kraft
  • offensives Agieren (im Gegensatz zu Reagieren und defensivem Verhalten)
  • Gewaltbereitschaft und Aggressivität
  • Mut, Risikobereitschaft und Abenteuerlust
  • Dominanz
  • Selbstbeherrschung (bis hin zu Gefühlskälte/Coolness)
  • technische und organisatorische Gaben
  • Rationalismus
     

Die Folgen im Alltag dieses Männlichkeitsbildes sind nicht selten starkes Machtstreben, Rivalisierungsverhalten und hohe Risikobereitschaft.  

Im Folgenden werden einige daraus resultierende Problemfelder im Leben von Männern dargestellt.

Quelle: Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften, Bente Knoll, Brigitte Ratzer, Wien, 2010

  •  Viel mehr junge Männer als Frauen sterben an Suizid oder bei Unfällen. Detaillierte Grafiken & Informationen sind zu finden unter: www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/todesursachen/index.html
    Quelle: Statistik Austria / Todesursachen
  • In Österreich werden mehr Buben als Mädchen geboren. Im Alter von 15 bis unter 60 Jahren ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen insgesamt weitgehend ausgeglichen. Mit steigendem Lebensalter verändert sich durch die höhere Lebenserwartung der Frauen die Geschlechterproportion immer stärker zugunsten des weiblichen Geschlechts.
    Quelle: Statistik Austria / Bevölkerungsstatistik, Demographie, 2018
  • Männer leben in Österreich um fast fünf Jahre kürzer als Frauen.

Lebenserwartung bei der Geburt:

Diagramm

Quelle: Statistik Austria, Bevölkerungsstatistik; erstellt am 21.05.2019

  • Männer ernähren sich ungesünder. Sie greifen deutlich seltener zu Obst und Gemüse, essen dafür täglich beinahe doppelt so viel Fleisch/Wurst als Frauen.
  • Junge Männer betreiben eher gesundgefährdende Sportarten wie zum Beispiel Motor- & Kampfsportarten.  
  • Jede fünfte Person ist in höherem Alter (60- bis 75- Jährige) stark übergewichtig (Frauen: 20%, Männer 22%). Der Anteil der stark übergewichtigen Männer ist (unter Berücksichtigung des Alterseffekts) seit 2006/07 um 3,3 Prozentpunkte gestiegen, während bei den Frauen die Adipositas-Prävalenz gleich geblieben ist.
  • Männer rauchen etwas häufiger als Frauen.

Frauen nähern sich dem Rauchverhalten von Männern immer mehr an.

Anteil der täglich Rauchenden ab 16 Jahren von 1972 bis 2014

  1972 1979 1986 1997 2006/07 2014
Männer 38,7 35,3 34,6 30,0 27,5 26,7
Frauen 9,8 13,6 17,5 18,8 19,4 22,2

Quelle: STATISTIK AUSTRIA, Gesundheitsbefragungen 2006/07 und 2014, Mikrozensus-Sonderprogramm "Rauchgewohnheiten der österreichischen BBevölkerung" 1972, 1979, 1986 und 1997.

Frauen haben Männer in den letzten Jahrzehnten im Schnitt bei Bildungsabschlüssen deutlich überholt. Sowohl bei mittleren oder höheren Schulen als auch bei Hochschulen oder Akademien machen Männer weniger Abschlüsse als Frauen.

Wird die TU Wien jedoch einzeln betrachtet, kann diese Entwicklung nicht beobachtet werden.

Diagramm

Quelle: STATISTIK AUSTRIA, Bildungsstandregister 2017. Erstellt am 30.01.2020.

Diagramm

Quelle: STATISTIK AUSTRIA, Bildungsstandregister 2017. Erstellt am 30.01.2020.

Tabelle mit Prozentzahlen Frauen und Männer

Quelle: Statistik Austria, Bildungsstandregister, Bildungsstand der Bevölkerung im Alter von 25  bis 64 Jahren 2017

1 Inkl. Personen ohne Pflichtschulabschluss

Laut Angaben von Statistik Austria erleben Frauen weitaus häufiger als Männer Gewalt in privaten Wohnräumen. Oft befinden sich Frauen in finanzieller Abhängigkeit durch ihre Rollen als Zuverdienerinnen. Verstärkt werden die Zwangssituationen durch Kinder, schlechte Ausbildung und/oder Migrationshintergründe.
Insbesondere die Überwindung struktureller Gewalt erfordert eine umfassende Transformation der Gesellschaft auf allen Ebenen im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit.
Statistisch gesehen sind die meisten Opfer von außerhäuslicher Gewaltkriminalität männlich.

Der Problematik männlicher Gewaltbetroffenheit – Männer gegen Männer aber auch Frauen gegen Männer – wird im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
An dieser Stelle sei der Begriff des „männlichen Opfers“ als kulturelles Paradox dargestellt: Entweder gilt jemand als Opfer oder er ist ein Mann. Die beiden Begriffe werden im System der Zweigeschlechtlichkeit auf der Basis der männlichen Sozialisation als unvereinbar gedacht. Es gehört zum Beispiel zur langjährigen Alltagskultur in Film und Fernsehen, dass Helden sich prügeln, um dem Guten gegen das Böse zum Sieg zu verhelfen. Jugendstudien belegen, dass viele männliche Jugendliche Wert darauf legen, dass sie vor Schlägen keine Angst haben und es nicht schlimm finden, verletzt zu werden, solange sie sich ehrenhaft behaupten. Solange diese Grundsätze in der Gesellschaft Bestand haben, wird Gewalt gegen Männer und Gewalt gegen Frauen mit zweierlei Maß gemessen. 

„Die eingeübte Praxis, Prügel unter Jungen als ‚ganz normale‘ Rangeleien und Rangordnungskämpfe abzutun, die Gewohnheit, Mädchen und Frauen eher als Opfer zu sehen, tragen zur sozialen Praxis der Fortschreibung der traditionellen Macht- und Geschlechterverordnung bei“. 1

Auch bei Verurteilungen gibt es geschlechterspezifische Unterschiede.
Viel mehr der verurteilten Personen sind männlich. Es lässt darauf schließen, dass männliche Rollenidentität Kriminalität begünstigt. 

 

Verurteilungen 1975 bis 2019

Diagramm der Verurteilungen von 1975 bis 2019

Quelle: STATISTIK AUSTRIA, Verurteilungsstatistik. Erstellt am 29.05.2020. 1) Zu den Jugendlichen zählen von 1975 bis 1988 und ab 1.7.2001 12- bis 17-Jährige, von 1989 bis 30.6.2001 14- bis 18-Jährige.


Die Reflexion und in weiterer Folge Überwindung all der angesprochenen Themen kann zu einer Vielfältigkeit männlicher Lebensweisen führen jenseits der alltäglichen Zwänge und des gewaltbereiten Aggressionsgehabes.

Quelle: Gewalt gegen Männer als neues Thema in Forschung und Gesellschaft, Hans-Joachin Lenz IN: Gewalt. Beschreibungen – Analysen – Prävention, Bonn 2006, Wilhelm Heitmeyer, Monika Schröttle (Hrsg.)

1Brückenschläge zwischen den Geschlechtern und den Generationen, Carol Hagemann-White IN Zeitschrift für Frauenforschung und Geschlechterstudien 1-2/2005, S. 6-7