Andrea Rieger-Jandl

Titel

Ao.Univ.Prof. Dipl.-Ing. Dr.phil.

Geburtsjahr und Geburtsort

1970 in Klagenfurt

Ihr Studium und eventuell Ihre spezielle Studienrichtung

Architekturstudium an der TU Wien

Doktorat in Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien

Austauschsemester am Illinois Institute of Technology in Chicago

Diplomstipendium am Massachusetts Institute of Technology in Boston

Dissertationsstipendium an der University of California in Berkeley

Interviewdatum

27. September 2021

Professorin Rieger-Jandl im Kurzinterview

 

Mein Forschungsschwerpunt konzentriert sich auf vergleichende Architekturforschung, speziell auf außereuropäische Architektur, vernakuläre Architektur, Bauen im Entwicklungskontext sowie sozio-kulturelle Prozesse des Bauens. Als Architekturwissenschafterin (TU-Wien) und Anthropologin (Universität Wien) ist es für mich naheliegend, Architektur und Mensch zu verbinden und die Architektur unter dem Aspekt von kulturellen und gesellschaftspolitischen Einflussfaktoren zu untersuchen. Architektur ist ein physisches Abbild unserer Gesellschaft und durch die Verschränkung von Methoden aus zwei Forschungsdisziplinen lassen sich in reziproker Hinsicht unglaublich spannende Erkenntnisse generieren.

 

Der fundierteste Antrieb für wissenschaftliches Arbeiten ist eine uneingeschränkte Neugierde. Bei mir wurde diese Neugier durch zahlreiche Auslandsaufenthalte und Forschungsreisen hochgehalten. Dies gab mir die Möglichkeit, eingefahrene Muster immer wieder durch die Augen der `Anderen´ zu betrachten und das vermeintlich Selbstverständliche zu relativieren.

Ein weiterer Antrieb besteht aus den Visionen, die das eigene Tun in einen größeren Kontext integrieren. In meinem Fall ist dies die Vision einer gebauten Umwelt, die ökologisch ausgewogen ist und sozio-kulturelle Anforderungen in einer Weise erfüllt, die zukünftigen Generationen entsprechende Möglichkeiten erhält. Forschen ist mehr als das Anhäufen von Wissen – es erfordert Intuition, Kreativität, Sensibilität und ein ständiges Hinterfragen des eigenen, unentwegten Strebens.

Ja, die Benachteiligung als Frau war auf allen Ebenen spürbar. Gesellschaftspolitische und berufliche Aspekte interagieren hierbei und können nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Als Alleinverantwortliche bzw. Alleinerzieherin von zwei Kindern war bzw. bin ich fast zur Gänze für die – unbezahlte - Erziehungsarbeit verantwortlich. Daher schien eine 20-Stunden-Stelle anfangs adäquat, um Beruf und Familie vereinbaren zu können. Diese halbe Stelle erwies sich, wie für viele Frauen, als Falle, aus der die TU keine Aufstiegschancen bietet. Nur aufgrund endloser – unbezahlter - Überstunden war es trotz der Vielfachbelastung möglich, alle Karriereanforderungen (Dissertation, Habilitation) zu erfüllen. Wozu in dieser Karriere-Familien-Konstellation definitiv keine Zeit bleibt, ist es, stundenlang in diversen Gremien zu sitzen oder abendlichen Netzwerkveranstaltungen zu besuchen – ein entscheidender Nachteil. Daher mein Appell an die Frauenförderung an der TU: Die wissenschaftlichen Leistungen von Frauen durch Coaching oder Mentoring zu fördern ist eine Sache, adäquate Jobs für MitarbeiterInnen zu schaffen, die alle Qualitätskriterien vorbildlich erfüllen, wäre die viel wichtigere!

Diese Vereinbarkeit wird vor allem durch eines geschaffen: durch adäquate, der Qualifikation entsprechende, leistungsgerecht bezahlte Vollzeitstellen. Dadurch erst wird es möglich, sich auf die Forschung und Lehre zu konzentrieren und sich die dafür notwendige Kinderbetreuung auch leisten zu können.

Ich kann nicht sagen, ob meine Erfahrungen an der Architekturfakultät repräsentativ für alle Fakultäten an der TU sind. Basierend auf meinen Erkenntnissen an dieser Fakultät möchte ich Nachwuchswissenschaftlerinnen weitergeben, dass sie sich nicht über Gebühr mit sogenannten Qualifizierungsmaßnahmen aufhalten sollten: Ich habe zwei Studienrichtungen abgeschlossen, habe an vier Universitäten im In- und Ausland studiert, habe an der TU innerhalb von sieben Jahren nicht nur mein Doktorat abgeschlossen sondern mich auch habilitiert (und nebenbei in dieser Zeit zwei Kinder zur Welt gebracht) und all das mit einer halben Stelle, sprich mit tausenden von unbezahlten Arbeitsstunden. Vorgesetzte und PersonalvertreterInnen an der TU haben auf mehrfache Intervention zwar versichert, dass eine halbe Ao. Professorinnenstelle keine befriedigende Konstellation sei, trotzdem hat niemand etwas unternommen, um dies zu ändern.

Daher mein Rat: Wer an dieser Fakultät weiterkommen möchte sollte die eigenen Energien nicht primär auf fachliche Qualifikationen verwenden, auf die es nur in zweiter Linie ankommt. Vielmehr wird der Karriereweg häufig dominiert von einzementierten Hierarchien und Abhängigkeiten von Einzelpersonen, die im Eigeninteresse handeln und nicht im Sinne der Institution. Dem begegnet man am besten damit, frühzeitig die richtigen Kontakte und Netzwerke zu knüpfen – bis heute bildet diese ur-österreichische Herangehensweise auch an der TU die einfachste und sicherste Strategie, eine Karriere voranzutreiben.

Ich will Nachwuchswissenschaftlerinnen in keinem Fall ihre Begeisterung für die Forschung absprechen. Forschung und wissenschaftliches Arbeiten sind eine Leidenschaft, die zu einer Lebenseinstellung werden können. Deshalb ist es umso wichtiger, sich die Institution, an der man diesen Karriereweg verfolgen möchte, ganz genau anzusehen, frühzeitig die Tücken des Systems (Hierarchien und Abhängigkeiten) zu erkennen und sich nicht darauf zu verlassen, dass gute Leistungen auch zu guten Stellen führen.