Sozialreformen und Arbeitslosengeld sind ein politisch umstrittenes Thema – in Deutschland etwa im Zusammenhang mit den Hartz-Reformen, ähnliche Diskussionen gibt es in Österreich und vielen anderen Ländern. Oft werden die Folgen von solchen Reformen als sehr simpel dargestellt – etwa: Weniger Arbeitslosengeld bedeutet mehr Motivation, Jobs anzunehmen, und das muss gut für die Wirtschaft sein. Dabei werden allerdings Nebeneffekte ignoriert, die eine zentrale Rolle spielen können.
Ein Team des European University Institute (Italien), der York University (Kanada) und der Technischen Universität Wien hat ein makroökonomisches Modell entwickelt, das auch diese indirekten Effekte sichtbar macht. Das Modell wurde mit Daten aus Deutschland kalibriert und zeigt: Kürzungen wie etwa die „neue Grundsicherung“ statt des „Bürgergelds“ reduzieren zwar tatsächlich die Arbeitslosigkeit, haben aber gleichzeitig wichtige negative ökonomische Auswirkungen. Auch die Umstellung des Steuersystems auf ein weniger progressives Modell, wie etwa in den USA, würde Probleme bringen.
Das Modell
„Unser Modell bildet realistisch ab, wie sich Menschen verhalten“, sagt Nawid Siassi vom Institut für Stochastik und Wirtschaftsmathematik der TU Wien. „Sie suchen nach neuen Jobs, steigen in der Karriereleiter auf, verhandeln ihre Löhne und legen Geld zur Seite, um sich abzusichern. Gleichzeitig entscheiden Unternehmen über Investitionen und neue Stellen.“ Wie diese Effekte ineinandergreifen, kann man mit Hilfe von bekannten, ökonometrisch erhobenen Daten beziffern. Wenn man das Modell auf diese Weise kalibriert, kann man abschätzen, welche Konsequenzen bestimmte politische Reformen tatsächlich haben.
„Angestellte mit höherem Vermögen können selektiver sein, welche Jobs sie annehmen. Angestellte knapp vorm Pensionsantrittsalter haben weniger Anreiz, noch einen besseren Job zu suchen. Unser kalibriertes Modell reproduziert diese Muster“, sagt Nawid Siassi.
Mehr Jobs – aber weniger Wohlstand
Was passiert nun laut Modell, wenn das Arbeitslosengeld gekürzt wird – etwa um 10%? „Die Beschäftigung steigt dann tatsächlich, so wie das ja auch politisch gewollt ist“, erklärt Nawid Siassi. „Die Effekte sind durchaus substanziell: Mehr Jobs entstehen, mehr arbeitslose Menschen nehmen Jobs an, die sie früher abgelehnt hätten.“ Aber es gibt auch eine Schattenseite: Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität geht insgesamt zurück, weil Angestellte Jobs mit geringerer Produktivität annehmen. Die Durchschnittsgehälter gehen zurück und die Einkommens-Ungleichheit nimmt erheblich zu.
„Trotz eines insgesamt höheren Outputs und höherer Beschäftigungsquote hat in diesem Fall ein Angestellter, der neu auf den Arbeitsmarkt kommt, mit einem Wohlstandsverlust zu rechnen, der 1,3% des Lebenskonsums entspricht“, sagt Nawid Siassi. Jüngere Menschen könnten eher vom gewachsenen Job-Angebot profitieren, ältere Menschen werden vom Wohlstandsrückgang stärker getroffen.
Eine flachere Einkommenssteuer
Untersucht wurde anhand des Modells auch eine Reform der Einkommenssteuer: Bei gleichbleibenden Gesamteinnahmen wird die Progressivität verringert, ungefähr auf US-Niveau. Das bedeutet weniger Steuern für Gutverdienende, höhere Steuern auf niedrigere Einkommen. Das macht Jobs mit niedriger Produktivität unattraktiver, die Beschäftigung sinkt, die durchschnittliche Produktivität steigt zwar, doch insgesamt geht die Wirtschaftsleistung zurück, insgesamt führt das ebenfalls zu einem Wohlstandsverlust.
Was die Politik daraus lernen kann
„Die Reformdebatte konzentriert sich oft auf Beschäftigung und Budgeteffekte – das greift zu kurz“, sagt Nawid Siassi. „Drei Punkte sind entscheidend. Erstens: Kürzungen beim Arbeitslosengeld erhöhen zwar die Beschäftigung, führen aber zu Wohlstandsverlusten. Zweitens: Verteilungseffekte müssen unbedingt berücksichtigt werden. Reformen wirken sehr unterschiedlich je nach Alter, Einkommen und Vermögen. Und drittens: Die gesamtwirtschaftlichen Rückkopplungen sind groß. Kapital, Löhne, Jobangebot und Zinsen passen sich gleichzeitig an – und verändern die Wirkung von Reformen grundlegend. Einzelstudien auf Mikroebene erfassen daher nur einen Teil des Gesamtbilds.“
Originalpublikation:
Leo Kaas & Etienne Lalé & Nawid Siassi, 2023. "Job Ladder and Wealth Dynamics in General Equilibrium," CESifo Working Paper Series 10847, CESifo.
https://ideas.repec.org/p/ces/ceswps/_10847.html, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster
Rückfragehinweis:
Prof. Nawid Siassi
Institut für Stochastik und Wirtschaftsmathematik
Technische Universität Wien
+43 1 58801 10536
nawid.siassi@tuwien.ac.at
Aussender:
Dr. Florian Aigner
PR und Marketing
Technische Universität Wien
+43 664 60588 4127
florian.aigner@tuwien.ac.at
