Man könnte meinen, die Untersuchung alter Objekte und Kunstgegenstände sei allein Aufgabe der Geschichts- und Kulturwissenschaften. Doch auch die Naturwissenschaften können dabei spannende neue Einblicke liefern: Mit modernen, hochentwickelten Röntgenmethoden lassen sich heute Details über die Materialzusammensetzung wertvoller Artefakte herausfinden, die wichtige Rückschlüsse auf ihre Geschichte ermöglichen.
Das Röntgenzentrum der TU Wien hat in den vergangenen Jahren immer wieder seine Expertise auf diesem Gebiet eingebracht, unter anderem in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum Wien und der Österreichischen Nationalbibliothek. Weiters ist die TU Wien maßgeblich in Projekten der durch die Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung finanziertem Förderprogramm Heritage Science Austria der ÖAW beteiligt (siehe unten). Nun ist Österreich E-RIHS ERIC beigetreten, der europäischen Forschungsinfrastruktur für Heritage Science, die führende Einrichtungen auf diesem Gebiet zusammenbringt.
Es begann ganz zufällig
Klaudia Hradil, die Leiterin des Röntgenzentrums der TU Wien, ist Spezialistin für Materialforschung mittels Beugungsmethoden. Ihr Kontakt zur Heritage Science ergab sich eher zufällig: „Vor einigen Jahren suchten wir nach interessanten Themen für Schülerpraktika im FFG Förderprogramm „Praktika für Schüler_innen“ und sind so auf die Idee gekommen, auch alte Kulturgüter mit Röntgenmethoden zu untersuchen“, sagt Hradil. „Mehrere Museen waren begeistert von den Möglichkeiten, die sich bei uns ergeben. Und so wurde dieser Bereich zu einem wichtigen und sehr erfolgreichen Forschungsthema für uns.“
Objekte mit Röntgenstrahlen zu durchleuchten und verborgene Details sichtbar zu machen, ist schon lange möglich. Moderne Röntgengeräte erlauben aber noch ganz andere Untersuchungen: Mit Röntgenstrahlen kann man Punkt für Punkt messen, welche chemischen Elemente in einer Probe vorhanden sind. Auch über die Kristallstruktur, die räumliche Orientierung winziger Kristallite und innere mechanische Spannungen im Material kann man Auskunft erhalten.
Gemälde, Handschriften und Münzen
An der TU Wien wurde bereits eine ganze Reihe bedeutender Kunst- und Kulturobjekte analysiert. Dazu gehört etwa die „Wiener Genesis“, eine wichtige spätantike Handschrift, die in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird. Mit Röntgenmethoden wurden unter anderem Mikropartikel der Silbertinte sowie Pigmente untersucht, die für die Miniaturen verwendet wurden.
Auch Malschichtproben historischer Gemälde wurden analysiert, darunter Proben aus Werken von Peter Paul Rubens. Antike ägyptische Bronzemünzen des Kunsthistorischen Museums Wien wurden ebenfalls an der TU Wien mit Röntgenmethoden untersucht.
Besonders interessant ist außerdem die Forschung zu Daguerreotypien, frühen Vorläufern der modernen Fotografie. Mithilfe solcher Analysen lässt sich heute rekonstruieren, mit welchen Materialien und technischen Verfahren diese Bilder hergestellt und nachbearbeitet wurden.
Wissenschaftliche Koordination
Klaudia Hradil ist nun nationale Koordinatorin von E-RIHS.at und für die wissenschaftliche Koordination des österreichischen Knotenpunkts zuständig. Sie wird weiterhin die technische Expertise des Röntgenzentrums einbringen und gleichzeitig für die wissenschaftliche Zusammenarbeit der österreichischen Partnerorganisationen im E-RIHS-Netzwerk sorgen.
Zum Nachlesen
Zu den Projekten INDIGO und PHELETYPIA:
https://www.oeaw.ac.at/foerderungen/foerderprogramme/heritage-science-austria/1/heritage-science-austria-call-2020-ausgewaehlte-projekte, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (22.07.2026)
Zu den Projekten METENCO, IronArch, LEGION, INDIGO:
https://www.oeaw.ac.at/foerderungen/foerderprogramme/heritage-science-austria/heritage-science-austria-call-2025-ausgewaehlte-projekte, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster (22.07.2026)
Mehr zu E-RIHS ERIC:
https://www.e-rihs.eu, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster
Kontakt
Dr. Klaudia Hradil
Röntgenzentrum
Technische Universität Wien
+43 1 58801 406620
klaudia.hradil@tuwien.ac.at
Text: Florian Aigner
