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Zwischen Balance und Forschung

Johannes Baumkirchner zählt zu den erfolgreichsten Einradfahrern der Welt und beschäftigt sich als Maschinenbauer mit der Frage, wie der Mensch ein Zweirad eigentlich im Gleichgewicht hält.

Collage aus vier Bildern, bestehend aus einer Personen auf einem Fahrrad, eine Visualisierung von nur der Person sowie einem Modell von einer Person auf einen Fahrrad und einer Person auf einem Motorrad

© Johannes Baumkirchner

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Links oben: Motion-Capture Messanzug, rechts oben: Messergebnis des Radfahrers. Unten: Simulationsmodell eines Radfahrers und eines Motorradfahrers.

Mann auf Einrad balanciert auf einem Paletten-Stapel. Im Hintergrund eine Tribüne mit Publikum.

© William Haun

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Johannes Baumkirchner bei der Einrad-WM 2026

Foto von Johannes Baumkirchner mit Helm; im Hintergrund ein Parcours aus Paletten.

© William Haun

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Johannes Baumkirchner

Seit 2011 nimmt Johannes Baumkirchner an Einrad-Wettbewerben teil, fünf Mal wurde er Weltmeister in zwei verschiedenen Weitsprungdisziplinen sowie dem Einrad-Downhill. Die letzten zwei Weltmeistertitel holte er bei der Einrad-WM 2026. Dort stellte er mit 4,60 Metern außerdem einen neuen Weltrekord im Einradweitsprung auf. 

Die Begeisterung für den Sport begann mit einer Einradshow, später holte er sich über Videos im Internet neue Tricks und Techniken. Heute verbindet der Maschinenbauer seine Leidenschaft für Ein- und Zweiräder mit seiner wissenschaftlichen Arbeit: Im Rahmen seiner Dissertation erforscht er, wie Menschen ein Fahrrad stabilisieren und welche Rolle die Körperbewegungen dabei spielen. Das Ziel ist ein besseres Verständnis des menschlichen Fahrverhaltens und langfristig mehr Sicherheit auf zwei Rädern.

Herr Baumkirchner, wie hat Ihre Begeisterung für den Sport begonnen?

Eigentlich ganz unspektakulär: Ich habe einmal eine Einradshow gesehen und wollte das selbst ausprobieren. Zuerst habe ich die Grundlagen gelernt, später habe ich mich über YouTube inspirieren lassen und immer neue Disziplinen entdeckt. Seit 2011 nehme ich regelmäßig an Wettbewerben teil. Besonders stolz bin ich auf meine vier Weltmeistertitel im Einrad-Weitsprung sowie meinen Weltmeistertitel im Einrad-Downhill

Sie sind nicht nur Spitzensportler, sondern auch Maschinenbauer. Wie kam es dazu, dass Sie ausgerechnet den Menschen erforschen?

Meine Leidenschaft für Ein- und Zweiräder hat sicher dazu beigetragen. Ich fahre auch Mountainbike und habe mich schon immer gefragt, wie das Radfahren eigentlich funktioniert. Viele glauben, jeder könne Fahrrad fahren und damit sei alles klar. Tatsächlich ist das dynamische Verhalten eines Fahrrads aber erstaunlich komplex. Selbst geübte Radfahrer_innen können meist nicht erklären, wie sie das Gleichgewicht halten. 

Worum geht es in Ihrer Forschung konkret?

Mich interessiert vor allem der Einfluss der Körperbewegungen auf das Fahrradfahren. Gerade beim Einrad ist das besonders spannend, weil es keine Lenkung gibt. Dort kommen alle Korrekturen direkt aus dem Körper. Beim Fahrrad spielt die Lenkung zwar ebenfalls eine Rolle, trotzdem beeinflusst der Mensch das Fahrverhalten ständig durch seine Bewegungen. Genau diesen Anteil möchte ich besser verstehen. 

Warum ist dieses Wissen so wichtig?

Heute gibt es bereits mathematische Modelle, mit denen sich das Verhalten von Zweirädern beschreiben lässt. Der Mensch wird darin allerdings oft stark vereinfacht dargestellt. Wenn wir den_die Fahrer_in realistischer modellieren können, lassen sich auch Zweiräder besser entwickeln. Das kann etwa über eine veränderte Fahrzeuggeometrie geschehen oder durch intelligente Fahrassistenzsysteme, die kritische Situationen erkennen und unterstützen. 

Wie untersuchen Sie diese Zusammenhänge?

Wir kombinieren Simulationen und mathematische Modelle mit Messungen. Dafür werden sowohl das Fahrrad als auch die Testperson mit Sensoren ausgestattet. So können wir die Körperbewegungen während der Fahrt erfassen und mit den Bewegungen des Fahrrads in Beziehung setzen. Der Mensch bringt nicht nur seine Masse ins System ein, sondern liefert mit seinem Gehirn auch die Steuerimpulse. Genau dieses Zusammenspiel macht die Forschung so spannend. 

Welche praktischen Anwendungen könnten daraus entstehen?

Ein besseres Verständnis des Fahrverhaltens kann auf mehreren Ebenen helfen. Denkbar sind neue Assistenzsysteme, die beispielsweise Bremsvorgänge optimieren oder in kritischen Situationen unterstützen. Ebenso könnten die Erkenntnisse in Fahrsicherheitstrainings einfließen und zeigen, welche Reaktionen in bestimmten Situationen besonders sicher sind. 

Lassen sich Ihre Ergebnisse auf unterschiedliche Fahrzeuge übertragen?

Das ist eine der offenen Fragen meiner Dissertation. Mechanisch sind viele Zweiräder ähnlich aufgebaut, gleichzeitig unterscheiden sie sich deutlich, etwa bei Gewicht oder Geschwindigkeit. Deshalb untersuchen wir, welche Aspekte des menschlichen Fahrverhaltens universell sind und wo sich Unterschiede zwischen verschiedenen Fahrzeugen zeigen. 

Welche Rolle spielt Ihre Erfahrung als Einradfahrer für Ihre Forschung?

Der Sport bringt mich immer wieder auf neue Fragen. Beim Einradfahren laufen unglaublich viele Bewegungen gleichzeitig ab. Man reagiert intuitiv, ohne bewusst darüber nachzudenken. Das Muskelgedächtnis übernimmt. Gerade deshalb interessiert mich, welche Prozesse dahinterstecken. Die Methoden, mit denen wir Modelle für das Fahrrad entwickeln, könnten langfristig auch helfen, das Einradfahren wissenschaftlich besser zu beschreiben. 

Was möchten Sie mit Ihrer Forschung langfristig erreichen?

Ich möchte besser verstehen, wie Menschen Zweiräder tatsächlich fahren und wie sie ihre Körperbewegungen zur Stabilisierung einsetzen. Daraus soll ein Modell entstehen, das den Menschen möglichst realistisch abbildet. Dieses Grundlagenwissen kann später dazu beitragen, Fahrzeuge sicherer zu machen und neue Technologien zu entwickeln. 

Das Interview führte Sarah Link.