News

Wohnen als Massen-Eremiten

Wie wohnen Studierende in Wien? Wie haben sie früher gewohnt, und wie würden sie gerne wohnen? Am 14. Mai startet die TU Wien eine Ausstellung über Architektur und Geschichte von Studentenheimen.

Das Studentenheim: für viele Studierende das erste eigene Zuhause - aber ist es auch ein guter Ort für neue soziale Kontakte?

Das Studentenheim: für viele Studierende das erste eigene Zuhause - aber ist es auch ein guter Ort für neue soziale Kontakte?

Das Studentenheim: für viele Studierende das erste eigene Zuhause - aber ist es auch ein guter Ort für neue soziale Kontakte?

Das Studentenheim: für viele Studierende das erste eigene Zuhause - aber ist es auch ein guter Ort für neue soziale Kontakte?

Elisabeth Wernig (l) und Marina Döring

Elisabeth Wernig (l) und Marina Döring

Elisabeth Wernig (l) und Marina Döring

Elisabeth Wernig (l) und Marina Döring

Verkohlte Pizzareste in der Stockwerksküche und mitternächtliche Radaumusik – oder doch eher lebensprägende Gemeinschaft im ersten eigenen Zuhause? Über das Leben in Studentenheimen gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen. Das studentische Leben wurde im Lauf der Geschichte privater und individueller, heute ist aber durchaus wieder ein Gegentrend zu mehr Gemeinschaftsleben zu beobachten.

Die Abteilung Baugeschichte und Bauforschung an der TU Wien hat sich Geschichte, Trends und Perspektiven des studentischen Wohnens genauer angesehen und Studierende nach ihren Vorlieben befragt. Von 14. Mai bis 6. Juni gibt es im „ausstellungsraum.at“ in der Gumpendorferstraße 23 eine Ausstellung dazu, mit Themenabenden und diversen Events zum Thema Studentenheime und Leben im Studentenheim in Wien.

Vom Massenschlafsaal zum Einzelzimmer
„Die Studentenheime spiegeln immer auch die sozialpolitische Entwicklungen ihrer Zeit wider“, sagt Elisabeth Wernig, die in der Forschungsgruppe von Prof. Marina Döring seit 2011 Geschichte und Gegenwart der Wiener Studentenheime untersucht. Im Mittelalter lebten viele Studenten in den Bursen im alten Wiener Universitätsviertel, im 18. und 19. Jh. dann auch in den entsprechenden Verbindungshäusern und – oft sehr individuell - in diversen „Studentenbuden“.

In den 1920erjahren wurden schließlich die ersten Heimträgerorganisationen gegründet, der Trend zum organisierten Bauen für Studierende setzte ein. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es in der Entwicklung zunächst zu einem massiven Einbruch aufgrund der großen Wohnungsnot in Wien, viele Studierende der Nachkriegszeit mussten in Notunterkünften mit großen Schlafsälen wohnen.

Die Sechzigerjahre zeichnen sich schließlich durch  einen wirtschaftlichen Aufschwung, verbunden mit neuen Konzepten im Studentenheimbau aus. „Damals war die Idee sehr verbreitet, Studentenheime im Sommer als Hotels zu nutzen, die so genannten Saisonhotels“, erzählt Marina Döring. Großzügige Frühstücksräume, geräumige Kantinen und repräsentative Foyers wurden gebaut, das damals errichtete Heim in der Pfeilgasse wurde in den Sommermonaten sogar als Vier-Sterne-Hotel geführt. „Dieser als übertrieben empfundene Luxus in den Studentenheimen stieß damals auch auf heftige Kritik“, berichtet Döring. Obwohl heute dieser Prunk ziemlich bröckelt, stehen aber gerade die Heime dieser Generation bemerkenswerterweise immer noch an der Spitze, was das funktionierende Gemeinschaftsleben betrifft.

Privatraum als Gemeinschafts-Killer?
In den darauffolgenden Jahrzehnten gab es aufgrund der steigenden Studentenzahlen einen Bauboom, gepaart mit einem stetigen Trend zur Individualisierung im studentischen Wohnen: Große Heime mit den immer stärker favorisierten Einzelzimmern, dafür recht charakterlose  Gemeinschaftsküchen, oft ohne natürliches Licht und Partyräume im Kellergeschoss. In der Folge lässt sich eine Art Kompromiss ablesen: das Einzelzimmer bleibt, das „Miteinander“ reduziert sich oft auf das Wohnen zu zweit oder zu dritt mit gemeinsam genutzten Sanitärräumen und Kochnische (so genannte Duplex-oder Triplex-Einheiten). Die „größere“ Gemeinschaft muss aktiv gesucht werden, sie ist nicht mehr allgegenwärtiger Bestandteil des Heimwohnens. „Bei den Extremformen dieses Heimtyps  können die Bewohner unfreiwillig zu „Massen-Eremiten“ werden“, sagt Marina Döring. „Die studentische Wohn-Gemeinschaft geht verloren, wenn gemeinsam benutzbare Orte in den Heimen architektonisch und funktional bereits in Planung und Entwurf vernachlässigt werden und ihre Bedeutung für die Nutzer  ignoriert wird.“

Erlachplatz: Wohnen wie in der Dorfgemeinschaft
Allerdings gibt es dazu auch Gegenentwürfe – etwa das Studentenheim am Erlachplatz, das in den Neunzigerjahren von Anton Schweighofer entworfen wurde. „Dieses Heim war damals ein Einzelfall, indem es das kollektive Wohnen provokant in den Mittelpunkt stellte. Studierende, denen das Gemeinschaftswohnen wichtig ist, sind davon alle begeistert“, erzählt Elisabeth Wernig. Die privaten Zimmer sind nicht wie sonst üblich entlang eines langen Ganges aufgefädelt, sie stehen als separate Wohnboxen in einem kollektiv genutzten Gemeinschaftsraum, ähnlich wie einzelne Häuser in einer Dorfgemeinschaft. Die Studierenden haben ein kleines privates Rückzugsgebiet und viel Platz zum gemeinschaftlichen Lernen, Kochen und Diskutieren.

„Auch heute ist eindeutig wieder ein Trend in Richtung „mehr Gemeinschaft“ im Studentenheimbau zu erkennen, aber auf neue Weise“, sagt Marina Döring. Loftartige Gemeinschaftsküchen mit variablen Nutzungsangeboten werden geplant, Aufenthaltsbereiche draußen und drinnen laden dazu ein, sich nicht immer bloß im eigenen Zimmer zurückzuziehen.

Für Studierende, die auf der Suche nach ihrem ersten Heimzimmer sind, ist es aber oft nicht einfach, das Richtige zu finden, kritisieren die TU-Forscherinnen. Auf den Homepages der Heimträgerorganisationen sind vermeintlich viele Infos zu finden, auch Fotos von den Zimmern, von Küchen und Gemeinschaftsräumen. Die Zimmer lassen zwar die Mode der jeweiligen Einrichtungszeit erkennen, in ihrer prinzipiellen Wohnqualität unterscheiden sie sich von Wohnheim zu Wohnheim aber erstaunlich wenig. Entscheidend für Atmosphäre, Wohncharakter und Lebendigkeit im gesamten Haus ist aber das komplexe Zusammenspiel der Privatzimmer mit den Orten und Räumen des gemeinsamen Wohnens – und das ist auf Fotos kaum abzubilden. Die Wiener Studentenheime bieten hier ein weites Spektrum an Möglichkeiten, doch der individuelle Charakter des Hauses wird online und auf den Werbefoldern der Heimträger nur selten vermittelt. Er lässt sich meist nur bei einer Besichtigung des Heimes erahnen.

Ausstellung: Studenten(da)Heim
Vom 14. Mai bis zum 6. Juni kann man im ausstellungsraum.at in der Gumpendorferstraße 23 mehr über den Studentenheimbau in Wien erfahren: Drei Wochen lang wird dort mit Original-Möbeln Studentenheimatmosphäre geschaffen, Forschungsergebnisse werden präsentiert, es wird Themenabende, Events und hoffentlich viel Diskussion geben.

Studenten(da)Heim
Geschichte, Trends und Perspektiven des Studentenheimbaus in Wien
http://baugeschichte.tuwien.ac.at/site/2013/04/16/ausstellung-studenten-daheim/

Programm (Auswahl):
14.5. Eröffnung Studenten(da)Heim, 19.00 Uhr
23.5. Werkvortrag  Arch. Peter Lorenz – Projekt Base 11, 19.00 Uhr
27.5. Preisverleihung Fotowettbewerb  Studenten(da)Heim, 19.00 Uhr
4.6. Themenabend – Studentenhaus Erlachplatz mit Arch. Anton Schweighofer, 18.00 Uhr
5.6. Themenabend – Trends und Perspektiven, 19.00 Uhr
6.6. Finissage mit „improvisiertem“ Heimfest, 19.00 Uhr


Nähere Informationen:
Prof. Marina Döring-Williams
Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege
Technische Universität Wien
Karlsplatz 13, 1040 Wien
T: +43-1-58801-25110

Dipl.-Ing. Elisabeth Wernig
Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege
Technische Universität Wien
Karlsplatz 13, 1040 Wien
T: +43-1-58801-25131
elisabeth.wernig@tuwien.ac.at