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Wilfried Sihn im Portrait: optimistisch in die Zukunft

> Mit der Übernahme der Professur am Institut für Managementwissenschaften durch Wilfried Sihn kam auch die deutsche Fraunhofer-Gesellschaft mit der Projektgruppe für Produktionsmanagement und Logistik an die TU Wien. Der ehemalige stellvertretende Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart zieht nach einem halben Jahr Professur an der TU eine vorläufige Bilanz.


Abgesehen von der positiven Neugier, mit der er an der TU Wien von seinen FachkollegInnen aufgenommen wurde, schätzt er am Wirtschaftsstandort Wien die durch die Ostöffnung bedingte Aufbruchstimmung. Wilfried Sihns Ziele als TU-Professor in Kürze: Sowohl Forschung als auch Studierende an der TU Wien sollen durch das bereits bei Fraunhofer Stuttgart aufgebaute Know-how hinsichtlich Produktionsmanagement und Logistik profitieren.



Im Interview beantwortet Wilfried Sihn die Frage, ob er seinen Wechsel vom Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung an die TU Wien bereut habe, mit einem Vergleich: "In Stuttgart ist das Glas halb leer, in Wien halb voll. Die Aufbruchstimmung hier macht einfach Spaß." Die kolportierten Ressentiments der ÖsterreicherInnen Deutschen gegenüber reiht er in die Kategorie "Klischees" ein, die er selbst bis dato nicht bestätigen kann.



Der 49 Jährige bezeichnet sich selbst als Praktiker und nicht als "typischen Prof". Sihn ist "aktiver Pendler", der seit seiner Berufung an die TU Wien vier Tage in Wien und die restliche Woche in Stuttgart verbringt. Ob er sich an der TU Wien wohl fühlt? "Ich wurde an der TU Wien gut aufgenommen und in das Institut für Managementwissenschaften integriert."



Der Vater zweier erwachsener Töchter ist Absolvent der Studienrichtung Wirtschaftsingenieurwesen und war 22 Jahre am Fraunhofer Institut Produktionstechnik und Automatisierung. Da kam ihm das Angebot der TU Wien, mit Herbst 2004 eine Professur am Institut für Managementwissenschaften anzunehmen, gerade recht.

Zur Zeit ist Sihn gerade dabei, bestehende Strukturen kennen zu lernen und neue aufzubauen. Das "Strukturstudium" bezieht sich dabei sowohl auf die österreichische Wirtschaft als auch auf die TU Wien. Sihn sieht der Zukunft an der TU Wien, Seite an Seite mit Fraunhofer, positiv entgegen. Seinen Optimismus begründet er unter anderem damit, dass er mit Fraunhofer und der TU als Türöffner mit einem tollen "branding" arbeiten kann. "Mit diesem Renomee lassen sich in Österreich und in den angrenzenden neuen EU-Staaten gut Projekte akquirieren. Mittelfristig möchte ich hier eine ansehnliche Organisation hinsichtlich Produktmanagement und Logistik auf die Beine stellen", beschreibt Sihn sein Ziel für Wien.


Bevor das Gespräch darauf kommt, inwiefern die TU Wien von der Berufung Sihns profitieren kann, erklärt er kurz das Prinzip von Fraunhofer: ein Fraunhofer-Institut entsteht grundsätzlich nur in Zusammenarbeit mit einer Universität, agiert aber als selbstständige Organisation. Sinn und Zweck der universitären Anbindung ist die Förderung Studierender, um sie bereits während ihres Studiums an anwendungsorientierten Projekten aus Industrie und Wirtschaft mitarbeiten zu lassen. Alleine in Stuttgart arbeiten mehr als 300 Studierende an Fraunhofer-Projekten mit.



Der große Erfolg von Fraunhofer liegt unter anderem in deren Finanzierungsstruktur begründet. Das Fraunhofer Forschungsbudget stammt durchschnittlich zu etwa zwei Drittel aus Aufträgen der Industrie und öffentlich finanzierten Forschungsprojekten. Ein Drittel steuern in Deutschland Bund und Länder bei, um damit den Instituten die Möglichkeit zu geben, Problemlösungen vorzubereiten, die in fünf oder zehn Jahren für Wirtschaft und Gesellschaft aktuell werden. "Wenn man bei Fraunhofer erfolgreich ist, hat man großen Spielraum ? auch in der Verwendung der Finanzmittel um eigene Forschungsthemen voranzutreiben.", erklärt Sihn das Erfolgsrezept Fraunhofers.



Nachdem Fraunhofer Wien gerade erst im Aufbau begriffen und die Situation in Österreich mit jener Deutschlands nur schwer vergleichbar ist, werden hier wesentlich weniger Studierende mitarbeiten können als beispielsweise in Stuttgart. Sihn dazu: "Es wird von den Projekten abhängen, wie viele StudentInnen bei Fraunhofer Wien beschäftigt werden können. Für 2005 strebe ich zwischen 20 und 30 studentische ProjektmitarbeiterInnen an."


Das Ziel für Fraunhofer Wien ist die Entwicklung zu einer eigenständigen Einrichtung. Derzeit ist die Projektgruppe organisatorisch noch an Fraunhofer Stuttgart angehängt. Doch diese Übergangsphase hilft, um auch das nötige Know-how, von Stuttgart nach Wien zu transferieren. Abgesehen vom "erforschten" Wissen, das Sihn an der TU Wien einbringt, profitiert die Universität von den Fraunhofer Investitionen. Eine verbesserte Forschungsausstattung kann auch in der Lehre durch die Studierenden genutzt werden.



Die zukünftigen Forschungsstandbeine Wilfried Sihns werden schwerpunktmäßig auf der Entwicklung intelligenter Standortkonzepte für Unternehmen sowie von Serviceorganisationen liegen. Beispielhaft nennt Sihn ein neues EU-Gesetz, das jedem Mitgliedsland vorschreibt, die Recyclingquote elektronische Teile und Altautos massiv zu erhöhen. Das kann nur durch die intelligente Verbindung unterschiedlicher Wiederverwertungstechnologien in einem Recycling Center sowie einem geeigneten Logistikkonzept für die Stoffströme in Österreich gelingen. Die Realisierung eines solchen Centers in der Region Wien ist derzeit eines der Zukunftsprojekte Sihns.



Die Forschungsvorhaben werden dabei auf zwei Arten initiiert: einerseits nachfrageorientiert, d.h. Firmen haben ein logistisches oder Produktionsmanagement-Problem, das es optimal zu lösen gilt, andererseits wird über Fraunhofer auch Eigenforschung betrieben, von deren Ergebnis potenzielle FirmeninteressentInnen profitieren können.



Wir wünschen viel Erfolg an der und für die TU Wien!