CANISIUS heißt das neue Spin-Echo-Neutroneninterferometer, das an der TU Wien entwickelt wurde. Es ermöglicht eine präzise Kontrolle von Neutronenwellen, wie sie bisher nicht möglich war.
Schematischer Aufbau des Neutronen-Interferometers
Schematischer Aufbau des Neutronen-Interferometers
Neutronen kann man sich nicht wie winzige Kügelchen vorstellen, sie haben Welleneigenschaften, ähnlich wie Licht. Bewiesen wurde das auf spektakuläre Weise 1974 am Kernreaktor des Atominstituts – und genau hier gelang es nun, diese Wellennatur der Neutronen auf neuartige Weise auszunutzen: Ein Messgerät wurde entwickelt, das den Drehimpuls der Neutronen auf besonders clevere Art für Experimente verwenden kann. Nicht nur der Eigendrehimpuls – der Spin – sondern auch der Bahndrehimpuls, der mit der Wellenform des Neutrons zusammenhängt, kann hier angepasst werden.
Spin-Echo-Interferometer
Der Spin von Neutronen kann sich in einem Magnetfeld ändern, ein bisschen so, wie sich auch die Drehachse der Erde im Lauf der Zeit langsam ändert. Dieses Phänomen der Spin-Präzession nutzt man in bestimmten Messgeräten aus – in sogenannten Spin-Echo-Interferometern. Dabei wird ein Neutronenstrahl in zwei Teile aufgespalten, die beiden Teilstrahlen reagieren unterschiedlich auf ein Magnetfeld und werden am Ende wieder miteinander kombiniert. Ob sich die beiden Teilstrahlen dann wieder perfekt zu einem gemeinsamen Neutronenstrahl vereinen lassen, oder ob sie sich dann möglicherweise sogar gegenseitig auslöschen, hängt ganz empfindlich davon ab, was mit den Neutronen unterwegs geschehen ist. Selbst winzige Wechselwirkungen haben eine starke, deutlich messbare Auswirkung auf das Endergebnis. „Das gibt uns völlig neue Möglichkeiten für Präzisionsexperimente“, sagt Prof. Hartmut Abele, Leiter der Neutonen- und Quantenphysik Gruppe am Atominstitut.
Ein weiterer entscheidender Vorteil der neuen Methode: Bisher war man oft darauf angewiesen, dass die eingesetzten Neutronen alle möglichst genau dieselbe Geschwindigkeit haben. Das bedeutet: Man muss alle Neutronen entfernen, deren Geschwindigkeit nicht genau passt, somit bleiben nur wenige Neutronen für die Messung übrig. Das neue Gerät arbeitet mit Neutronenstrahlen, die ganz uneinheitlich aus Neutronen unterschiedlicher Geschwindigkeit zusammengesetzt sind – man spricht in diesem Fall von „weißen“ Neutronenstrahlen. „Das erhöht die Messeffizienz ganz deutlich“, sagt Niels Geerits, Erstautor der vorliegenden Studie. „Das bedeutet: Wir brauchen für dieses neue Gerät keine Hochleistungsneutronenquelle, wir können es an unserem eigenen Forschungsreaktor am Atominstitut verwenden.“
Wellen, die sich drehen: „Orbital Angular Momentum“ (OAM) - Zustände
An der TU Wien ging man nun allerdings einen großen Schritt weiter: „Unser neues Gerät CANISIUS kann die Neutronenwellen nicht nur messen, sondern auch gezielt formen“, sagt Stephan Sponar vom Atominstitut der TU Wien, federführender Forscher bei der Entwicklung und Aufbau des neuen Spin-Echo Instruments. Man nützt die Wellennatur der Neutronen aus, um nicht den Neutronenspin, sondern eine andere Sorte von Drehimpuls zu manipulieren. Wenn man die beiden Teilstrahlen auf geeignete Weise trennt und wieder zusammenfügt, kann man eine Neutronenwelle erzeugen, die eine räumliche Drehung hat, so ähnlich wie der Wasserstrom, der in den Abfluss fließt. In diesem Fall spricht man von einem „Bahndrehimpuls“ der Neutronen.
Abbildung 1: Die spezielle Konstruktion des Interferometers erlaubt besondere Bahndrehimpuls Zustände, oder vielmehr eine Überlagerung oder Superposition, von unterschiedlichen Bahndrehimpuls Zuständen der Neutronen. Aus einer Kombination von…
Abbildung 1: Die spezielle Konstruktion des Interferometers erlaubt besondere Bahndrehimpuls Zustände, oder vielmehr eine Überlagerung oder Superposition, von unterschiedlichen Bahndrehimpuls Zuständen der Neutronen. Aus einer Kombination von Wellen (im Uhrzeigersinn und gegen den Uhrzeigersinn) ergibt sich eine linear polarisierte Welle.
Große Pläne
Das neue Interferometer soll nun einerseits für die Materialforschung, der typischen Forschungsanwendung von Spin-Echo Instrumenten, eingesetzt werden, andererseits eignet es sich auch hervorragend für Experimente über grundlegende Fragen der Quantentheorie. „Es gibt eine ganze Reihe fundamentaler Fragen, etwa zu den grundlegenden Wechselwirkungen in der Quantenmechanik oder aus der Quanteninformationstheorie, für die diese neue Methode hervorragend geeignet ist“, sagt Stephan Sponar.
Die Technik, die in CANISIUS steckt
Das neue Neutronen Instrument CANISIUS (Coherent Averaging Neutron Instrument for Spin-echo Interferometry and fUnda-mental Science) am Atominstitut ist ein Spin Echo Interferometer, genauer gesagt ein sogenanntes SESANS (Spin-Echo Small-Angle Neutron Scattering) Instrument. Es gibt weltweit aktuell nur eine Hand voll aktiv operativer SESANS Instrumente, zu finden beispielsweise am TU Delft Reactor Institute (Niederlande), ISIS Neutron and Muon Source (Großbritannien), Oak Ridge National Laboratory (ORNL) (USA) oder in China am Mianyang Research Reactor. „Damit verfügen das Atominstitut und das TRIGA Center nun über ein weiteres state-of-the art Instrument an unserem intensiv genutzten 250 kW Forschungsreaktor“, sagt Andreas Musilek, Leiter des TRIGA Centers, das den Reaktor der TU Wien betreibt.
Will man eine hohe Auflösung erreichen, braucht man Neutronen, die exakt in dieselbe Richtung fliegen: Je größer der Öffnungswinkel des Neutronenstrahls, umso unexakter wird die Messung. Daher muss man für hohe Auflösung winzige Blenden verwenden, die nur Neutronen mit einem ganz bestimmten Winkel passieren lassen. Das reduziert die Anzahl der Neutronen drastisch.
Der fundamentale physikalischer Vorteil von SESANS liegt in der Entkopplung von Längenauflösung und geometrischer Strahldivergenz. Als Folge können Strahlablenkungen – und damit Strukturen – aufgelöst werden, die deutlich kleiner als die Strahldivergenz sind. Da die Orts- und Winkelinformationen in der Phase des Neutronenspins codiert sind, ist die geometrische Flugbahn der Neutronen vor der Probe sekundär.
Abbildung 3: Schematische Darstellung des SESANS Prinzips: Der Spin (grün) wird durch das blaue Magnetfeld im Uhrzeigersinn gedreht und im roten Feld wieder zurückgedreht. Wenn die Neutronen jedoch gestreut werden ändert sich der Pfad und damit auch die Aufenthaltszeit im roten Magnetfeld, wodurch der Spin nicht vollständig zurückgedreht wird. Diese winzige Änderung lässt sich messen und dadurch kann die Struktur der Probe bestimmt werden.
Originalpublikation
N. Geerits, S. Hack, L. Brukner, A. van Well, S. R. Parnell, H. Abele, S. Sponar, A white beam spin echo interferometer for neutron orbital angular momentum generation, Review of Scientific Instruments97, 065211 (2026); doi: 10.1063/5.0321755, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster
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