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Softwareentwicklung und Informatikforschung: Unterwegs nach Bangalore?

Fragen der Zukunft der europäischen IT-Industrie und der Informatik-Forschung angesichts der Konkurrenz aus Niedriglohnländern standen beim jährlichen Treffen des Informatik Netzwerks der Fakultät für Informatik [IN:N] am 3. November im Festsaal der TU Wien im Mittelpunkt von zwei Vorträgen und der anschließenden Podiumsdiskussion.

Nach der Begrüßung der mehr als 150 TeilnehmerInnen durch den Rektor der TU Wien Peter Skalicky und den Dekan der Fakultät für Informatik Gerald Steinhardt stellte Eva Kühn, Professorin am Institut für Computersprechen der TU Wien und wissenschaftliche Koordinatorin des [IN:N], die Ziele des Netzwerks vor: Intensivierung des Kontakts zwischen der TU Wien und AbsolventInnen sowie ehemaligen Studierenden, verstärkte Kooperation mit Firmen sowie ein PostDoc Angebot zur Weiterbildung im Sinne eines ?life long learning? - siehe http://inn.tuwien.ac.at, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster. Anschließend berichteten die auch den USA bzw. China angereisten Dr. Karl Kleissner und Rudolf Siebenhofer von ihren Erfahrungen aus USA/Indien respektive Österreich/China.



Die wichtigsten Beiträge der Vortragenden und Podiumssprecher



Dr. Karl Kleissner, President of KD Cura Corporation, Vice President of KL Felicitas Foundation, and Former Senior Vice President of Ariba Inc.

Outsourcing ist eine globale Realität. Die einzige Chance, bei diesem Spiel zu gewinnen ist für Regierungen, in die Zukunftsindustrien zu investieren; für Universitäten, sich auf globales Leadership und Problemlösen zu fokussieren und für jede/n Einzelne/n, sich zu einem Leben mit dauernder Weiterbildung zu bekennen.

 

 



Rudolf Siebenhofer, CEO of Siemens PSE China

Die Veränderungen in China sind in allen Lebensbereichen eingeleitet und voll in Umsetzung begriffen (Bildung / Infrastruktur / Märkte...). Das Potenzial junger Chinesischer Ingenieure wird mehr und mehr auch in innovativen Bereichen Ergebnisse zeigen: Eine Welle von Patenten zu neuesten Technologien rollt auf uns zu. Dadurch werden auch Intellectual Property Rights plötzlich viel ernster genommen. Länder wie China werden in Zukunft wesentlich mehr Gewicht in der Standardisierung verlangen.

 

 



Univ.-Doz. Dr. Jörg Flecker, Wissenschaftlicher Leiter der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt FORBA

Outsourcing ist heute etablierte Praxis. Das Argument, dass ohnehin nur einfache und lohnkostensensible Tätigkeiten verlagert werden würden und die anspruchsvolle Arbeit in Österreich bzw. den anderen (alten) EU-Ländern verbliebe, stimmte sehr rasch nicht mehr. Insgesamt zeigt sich, dass ohne die spezifischen Rahmenbedingungen in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre und ohne die oft überzogenen Klagen über den IT-Fachkräftemangel sich vermutlich die internationale Arbeitsteilung nicht so schnell verschoben hätte und der Arbeitsmarkt in Österreich heute von der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der IT-Dienstleistungen stärker profitieren könnte.

 

 



Univ.-Prof. Dr. Georg Gottlob, TU Wien, Institut für Informationssysteme und Gründer von liXto Software GmbH

Die Informatikausbildung in China ist gut ausgerichtet auf Programmierung und Verwendungvon Tools. Defizite finden sich bei Innovation in höheren Studien wie etwa dem Doktorat. Dieses Defizit wird jedoch schätzungsweise in ca. sieben Jahren aufgeholt sein. Unsere Chance liegt in hoch-innovativen Produktentwicklungen und darin, dass Dienstleistungen wegen des hohen Hintergrundwissens vor Ort nicht leicht ins Ausland verlagert werden können. Das Kodieren und Testen von Software lässt sich hingegen leicht auslagern. Die Umsetzung von Innovationen mittels Gründung von Spin-Offs leidet darunter, dass es in Österreich schwer ist, entsprechendes Venture-Kapital zu bekommen.

 

 



Georg Obermeier, Geschäftsführer T-Systems Austria GesmbH

Ein Rechenzentrum nach Indien outzusourcen ist heute kein Problem mehr. Die Herausforderung besteht in einer weltweiten Betreuung von Kunden, die nur vor Ort durchgeführt werden kann. Die Kosteneinsparung hat Grenzen und hängt in erster Linie von der Größe eines Projektes ab. Generell gilt: je größer das Projekt, umso höher der Vorteil sowohl für den Kunden als auch den Outsourcer. Das Einsparungspotential hängt weiters davon ab, inwieweit die IT und die Prozesse beim Kunden bereits optimiert sind, sowie natürlich auch von den Preisentwicklungen bei Lohnkosten und Infrastruktur. Zentraler Erfolgsfaktor sind ein gutes Service und ein gutes Projektmanagement.

 

 



Univ.-Doz. Dr. Stefan Poledna, Geschäftsführer TTTech Computertechnik AG

Europa wird in Zukunft in der Informatik nur dann eine Rolle spielen können, wenn Ideen und Know-how systematisch gesichert und industriell umgesetzt werden. Wichtig ist für kleinere Firmen aus Europa, dass sie sich durch technischen Vorsprung differenzieren und diesen z.B. durch Patente absichern können.

 

 



Ehrung eines Absolventen der Fakultät für Informatik

Erstmals wurde heuer auch im Rahmen der [IN:N] Veranstaltung der Ehrentitel ?Distinguished Alumnus of the Faculty of Informatics? verliehen. Den Titel erhielt Dr. Karl ?Charly? Kleissner. Nach Informatikstudium, Dissertation und Tätigkeit als Universitätsassistent an der TU Wien ging Kleissner in die USA und machte dort Karriere: Beginnend als Softwareentwickler bei großen amerikanischen Konzernen entwickelte er sich zum Experten für Projektmanagement und Teamleadership. Er trug maßgeblich zum Erfolg von namhaften Start-Ups wie Ariba, NeXT und RightPoint bei. Sein heutiges Engagement betrifft Projekte im Umfeld des sozialen Unternehmertums.