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Social Distancing: Jetzt wohnen wir im Internet

Tragen IT-Firmen in Corona-Zeiten eine gesellschaftliche Verantwortung? Microsoft, Google & Co sollten nun großzügig sein, findet Hilda Tellioglu im Interview.

Links: Portrait Hilda Tellioglu. Rechts davon ein scheinbar im Weltraum schwebender aufgeklappter Laptop mit Daten und vergrößerten Corona-Viren im Hintergrund.

Das Internet in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen: Noch wichtiger als sonst, links im Bild Hilda Tellioglu

Der Computer ist für viele Menschen ein wichtiges Fenster zur Welt – und in Zeiten von Social Distancing und Corona-Quarantäne gilt das erst recht. Damit sind auch neue Probleme verbunden, erklärt Prof. Hilda Tellioglu, die an der TU Wien das „Center for Technology and Society“ wissenschaftlich leitet.

Sie plädiert für Großzügigkeit in schwierigen Situationen: Software sollte jetzt nicht wegen abgelaufener Lizenzen unbenutzbar werden. Aber auch andere Probleme gilt es im Home-Office zu beachten.

Interview

Wenn man andere Leute nicht persönlich treffen kann, dann spielt IT eine noch viel größere Rolle in unserem Leben als sonst. Sollte Breitband-Internet für alle gratis sein?

Hilda Tellioglu: Das ist gar nicht das Problem. Die Bandbreiten reichen für die meisten Leute aus – wenn sie nicht gerade im Medienbereich arbeiten und hochauflösende Videos brauchen oder als Systemadministrator_innen ständig eine gute Verbindung zu Servern im Netz haben müssen, und die Kosten fürs Internet sind auch überschaubar.

Schwieriger wird es in anderen Bereichen: Viele Leute müssen ihre privaten Geräte verwenden, um im Home-Office arbeiten zu können. Sie müssen also für die Arbeit ihre eigenen Ressourcen zur Verfügung stellen. Das ist teuer. Und ganz besonders die Software-Lizenzen sind oft ein Problem: Wenn man nun in der Heim-Quarantäne Software benötigt, die man sonst nur im Büro benutzt, dann kann das schnell sehr viel Geld kosten.

Wie sollten sich Software-Firmen da verhalten?

Hilda Tellioglu: Firmen wie Microsoft sollten jetzt großzügig sein. Wenn Lizenzen abgelaufen sind, sollte es trotzdem möglich sein, die Programme weiterzuverwenden – ähnlich wie man jetzt auch nicht sofort delogiert werden sollte, wenn man die Miete nicht bezahlen kann.

Es gibt aber auch Gefahren, die vielen Leuten nicht bewusst sind: Wer den ganzen Tag im Internet ist, erlaubt Firmen wie Google auch den ganzen Tag, auf viele Daten auf dem eigenen Rechner zuzugreifen. Wir untersuchen an der TU Wien immer wieder, welche Daten unbemerkt abgegriffen und weitergegeben werden – und das Ergebnis ist jedes Mal ernüchternd: Man kann im Internet fast nichts tun, ohne verschiedenen Firmen die Erlaubnis zu erteilen, auf unsere Daten zuzugreifen. Man kann nicht einmal nach einem einzigen Begriff googeln.

Das ist aber nicht nur in Zeiten des Social Distancing so.

Hilda Tellioglu: Nein, aber wenn man sich den ganzen Tag in privaten Räumen aufhält, spielt das Bewahren der Privatsphäre eine besondere Rolle. Wir stellen das nun etwa auch bei Videokonferenzen fest: Man muss im Home-Office anderen Leuten quasi einen Blick ins eigene Schlafzimmer erlauben. Wenn einem das nicht recht ist, dann ist es gar nicht einfach, sich dagegen zu wehren. Unser privater Wohnraum ist plötzlich im Internet.

Die Leute, die das stört, könnten möglicherweise ohne Bild an einer Konferenz teilnehmen – nur mit Sprache?

Hilda Tellioglu: Das halte ich nicht für eine gute Lösung, weil das sofort zum Thema wird: Warum sehe ich den einen und die andere nicht? Entweder zeigen sich alle – oder gar niemand. Ich empfehle auch im Home-Office eine Trennung von Privatem und Beruflichen, so weit es möglich ist. Das reicht vom Computer und der Software über den Blick der Webcam in meine Privatsphäre bis hin zur Frage, ob man nun auch am Wochenende erreichbar sein kann. Die alten Fragen der Teleworking sind jetzt auf einmal sehr aktuell geworden, und sogar mit viel besser entwickelten, nicht transparenten und halb-automatisierten Anwendungen. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser gesellschaftlichen Situation ist gerade auch der Fokus unseres Forschungszentrums.