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"Schlechte Presse"

Die Berichterstattung der letzten Woche gewährt Einblicke in die Funktionsweise von Medien. Aus gegebenem Anlass daher eine kurze Nachlese.

"Die Presse" ließ am 17. August aufhorchen. In einer Liste von

"Orchideenfächern" finden sich u.a. "Chemie (inkl. UF)" und "Physik (inkl.

UF)" an der TU. Tatsache ist, dass die Lehramtsstudien Chemie und Physik

natürlich nur betrachtet werden können, wenn man die Diplomstudien Technische

Chemie und Technische Physik in Betracht zieht. Am nächsten Tag das

halbherzige Demento: "TU-Dekan über Statistik empört".



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Am selben Tag eine Meldung der nationalen Nachrichtenagentur APA

"Uni-Rektorate bis zu drei Mal so teuer wie 2002". Zitat "Am dritten Platz

liegt die Technische Universität Wien mit 572.995 Euro für das vierköpfige

Rektorat (0,29 Prozent der Erlöse) - das ist mehr als doppelt so viel als 2002

(282.753 Euro)." Diese Darstellung legt nahe, die vier Rektoren der TU hätten

2004 mehr als doppelt so viel Geld erhalten als 2002. Dem ist natürlich nicht

so. Die Krux an der Sache: Früher bezogen die Vizerektoren ihr

Professorengehalt und eine Funktionszulage. Als Kosten fürs Rektorat schien

also lediglich die Funktionszulage auf. Jetzt scheinen die gesamten Bezüge

unter "Rektorat" auf. Daher die künstliche Verdoppelung. Eine

Milchmädchenrechnung.



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18. August, 8:47 Uhr Anruf vom ORF. In einem Hintergrundgespräch wäre

behauptet worden, die Ansiedlung der TU Wien auf dem Flugfeld Aspern wäre fix.

Ich dementiere und stelle klar: "Aspern ist eine Standortoption von mehreren.

Die relevanten Informationen werden gerade recherchiert. Auf Basis dieser

Daten und unter Beiziehung von Experten wird man zu einer Entscheidung

kommen."
19. August, 13:42 Uhr Anruf vom Standard. Die Presse berichtet, die

Ansiedlung der TU Wien auf dem Flugfeld Aspern wäre gescheitert. Man beachte:

Es handelt sich um das Gegenteil vom Vortag! Selber Wahrheitsgehalt, selbes

Demento.

Die drei Beispiele werfen die Frage auf, warum sich die mediale Realität so

weit von der Wirklichkeit entfernt. Die "saure Gurken-Zeit" ist sicher ein

Teil des Phänomens. In der heißen Jahreszeit klammert man sich an einen

Strohhalm, um eine Geschichte auf die Welt (ins Blatt) zu bringen. Da sind an

den Haaren herbeigezogene "explodierende Rektorengehälter" freilich ein

attraktives Fressen. Ein weiterer Faktor mag die ökonomische Verfasstheit der

Medien sein: hat man wenige Redakteur/inn/e/n, stehen diese unter Druck und es

bleibt wenig Zeit zum Recherchieren. Da kann man schon mal "Chemie" und

"Technische Chemie" durcheinander bringen. Bleibt noch - als dritter

Erklärungsversuch - die medial-politische Inszenierung, die genehme

Schlagzeilen (auch falsche) gezielt lanciert und den Rest verschweigt. Alles

in allem kein Beinbruch, aber ärgerlich, wenn die TU dadurch zu Unrecht in ein

schiefes Licht gerät.