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Nachruf auf Inge Troch (1941 – 2026)

Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von Univ.-Prof. i.R. Dr. Inge Troch, die am 20. September 2026 beim tragischen Teileinsturz ihres Wohnhauses im ersten Wiener Gemeindebezirk im Alter von 85 Jahren ums Leben kam.

Inge Troch (1941 – 2026): Portraitbild von einer älteren Dame, die in die Kamera lächelt - in Schwarz-Weiß, da es sich um einen Nachruf handelt.

© epd/Uschmann

Inge Troch (1941 – 2026)

Mit ihr verliert die TU Wien eine Pionierin der angewandten Mathematik, eine ihrer ersten Professorinnen und eine Wissenschaftlerin, die unsere Universität über Jahrzehnte geprägt hat.

Inge Troch wurde am 24. Februar 1941 in Wien geboren. Nach der mit Auszeichnung bestandenen Reifeprüfung begann sie 1959 ihr Studium an der damaligen Technischen Hochschule Wien. Bereits 1962 legte sie die zweite Staatsprüfung in Versicherungsmathematik mit sehr gutem Erfolg ab; 1963 absolvierte sie zusätzlich den Hochschulkurs „Moderne Rechentechnik“. Seit Dezember desselben Jahres war sie am I. Institut für Mathematik der Technischen Hochschule Wien tätig, zunächst als wissenschaftliche Hilfskraft, ab 1966 als Hochschulassistentin. Am 1. Juli 1966 promovierte sie zur Doktorin der technischen Wissenschaften. Ihre Dissertation trug den Titel „Untersuchungen zum Verhalten von algebraischen Nichtlinearitäten in Regelsystemen“.

Für ihre außergewöhnlichen Studienleistungen wurde ihr anlässlich der Promotion die Caroline-und-Guido-Krafft-Medaille verliehen, eine von der damaligen Technischen Hochschule für herausragende Studienleistungen vergebene Auszeichnung. Nach Auskunft des Archivs der TU Wien war Inge Troch die einzige Frau, der diese Medaille jemals verliehen wurde.

1972 habilitierte sich Inge Troch mit der Arbeit „Beiträge zum Problem der n-Steuerbarkeit und n-Beobachtbarkeit“ und erhielt die Lehrbefugnis für das Fachgebiet Regelungsmathematik und Hybridrechentechnik. Damit war sie die erste Frau, die sich in ihrem Fachbereich an der TU Wien habilitierte. Nach mehreren wissenschaftlichen Aufenthalten im Ausland wurde sie 1974 außerordentliche Professorin; 1975 folgte die Ernennung zur Universitätsprofessorin für Regelungsmathematik, Modellbildung und Simulation. In einer Zeit, in der Frauen in der Mathematik und insbesondere an technischen Universitäten noch weit stärker unterrepräsentiert waren als heute, gehörte sie damit zu den Pionierinnen ihrer Generation.

Auch ihre wissenschaftliche Herkunft verband sie mit einer langen mathematischen Tradition. Ihr Doktorvater Erich Bukovics, der erste Vorstand unseres Instituts, hatte selbst bei Nikolaus Hofreiter promoviert. Über Philipp Furtwängler, Felix Klein, Julius Plücker und Christian Gerling führt diese akademische Genealogie bis zu Carl Friedrich Gauß. Bukovics förderte Inge Trochs wissenschaftlichen Weg und ermutigte sie zu einer akademischen Laufbahn.

In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren beschäftigte sich Inge Troch intensiv mit Regelungsmathematik und Hybridrechentechnik. Analog- und Hybridrechner ermöglichten damals die schnelle Behandlung von Differentialgleichungen und spielten insbesondere bei zeitkritischen Steuerungsproblemen eine wichtige Rolle. Inge Troch verband diese neuen rechentechnischen Möglichkeiten mit der mathematischen Beschreibung dynamischer Systeme und mit regelungstechnischen Verfahren. Schon früh arbeitete sie damit an jener Schnittstelle zwischen Mathematik, Rechentechnik und automatischer Steuerung, die später auch für Gebiete wie die Robotik von zentraler Bedeutung werden sollte.

Den Übergang von der analogen in die digitale Welt vollzog sie nicht nur selbst, sondern vermittelte ihn auch ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie ihren Studierenden. Ihre wissenschaftlichen Interessen weiteten sich auf die Angewandte Mathematik insgesamt aus, insbesondere auf mathematische Modellbildung, Simulation und Optimierung. Neben ihrer Lehre an der TU Wien hielt sie auch Lehrveranstaltungen in Linz und Krems.

Inge Troch verstand universitäre Arbeit umfassend: Forschung und Lehre gehörten für sie ebenso dazu wie wissenschaftlicher Austausch, akademische Selbstverwaltung und die Verbindung zu anderen Disziplinen. Sie sprach in diesem Zusammenhang von einer Aufteilung in je ein Drittel Lehre, Forschung und „Networking“ – lange bevor dieser Begriff zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Wissenschaftsbetriebs wurde.

Als akademische Lehrerin begegnete sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wie Studierenden mit großer Gerechtigkeit und Objektivität. Sie förderte Menschen unabhängig von Zeit und Umständen und gab ihren wissenschaftlichen Schülerinnen und Schülern große inhaltliche Freiheiten. Dazu gehörte für sie selbstverständlich auch die Förderung von Frauen zu einer Zeit, in der dies an einer technischen Universität keineswegs selbstverständlich war. Diese Haltung wurde von ihren Schülerinnen und Schülern weitergetragen und wirkt über mehrere wissenschaftliche Generationen bis heute fort.

Viele ehemalige Studierende erinnern sich vor allem an ihre freundliche und zugewandte Art. Unvergessen ist für manche auch ihr ganz eigenes System für mündliche Prüfungen: In einem kleinen Kisterl bewahrte sie zahlreiche Karteikarten mit Prüfungsfragen auf, aus denen die Kandidatinnen und Kandidaten ihre Fragen zogen. Was damals für entsprechende Spannung sorgte, gehört heute zu jenen kleinen Erinnerungen, die ein lebendiges Bild von ihr als Lehrender bewahren.

Auch als Institutsvorständin blieb sie vielen als fair, freundlich und herzlich, zugleich aber bestimmt in Erinnerung. Ab 2003 leitete sie das Institut für Analysis und Technische Mathematik, ab 2004 das daraus hervorgegangene Institut für Analysis und Scientific Computing. Mit 30. September 2006 trat sie in den Ruhestand. Der Wissenschaft, der TU Wien und ihrem Institut blieb sie jedoch weiterhin eng verbunden.

Inge Troch veröffentlichte mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten sowie mehrere Bücher und prägte die internationale Community für mathematische Modellbildung und Simulation nachhaltig. Besonders eng ist ihr Name mit der Fachzeitschrift „Mathematical and Computer Modelling of Dynamical Systems“ verbunden. Sie gehörte zu den maßgeblichen Initiatorinnen der Zeitschrift und war 25 Jahre lang deren Gründungs-Chefredakteurin. Bis heute wird sie vom Journal als „Founding Editor-in-Chief“ geführt.

Darüber hinaus war sie in zahlreichen nationalen und internationalen wissenschaftlichen Gremien und Fachgesellschaften tätig. Sie war Senior Member des IEEE, österreichische Vertreterin in Gremien der International Federation of Automatic Control (IFAC), engagierte sich in VDI/VDE-Gremien sowie über viele Jahre in der Österreichischen Mathematischen Gesellschaft und für deren „Internationale Mathematische Nachrichten“.

Legendär waren die von Inge Troch mitorganisierten Exkursionen für Studierende und Mitarbeitende zu Forschungseinrichtungen und Unternehmen in ganz Europa, die sich mit dem Einsatz von Robotern beschäftigten. Dabei vermittelte sie nicht nur wissenschaftliche Impulse. Ebenso wichtig war ihr das kulturelle Umfeld der besuchten Orte. Wissenschaftlicher Austausch und persönliche Begegnung gehörten für sie zusammen.

Diese Verbindung wurde auch zum Markenzeichen der von ihr begründeten internationalen Konferenzreihe MATHMOD Vienna, die 1990 erstmals stattfand. Seither kommen Fachleute aus aller Welt regelmäßig an der TU Wien zusammen, um sich über mathematische Modellbildung und Simulation auszutauschen. Unvergessen sind ihre Eröffnungsvorträge, in denen sie wissenschaftliche Themen immer wieder mit Wiener und österreichischer Kultur zu verbinden wusste. Dass ausgerechnet am Tag ihres Todes in Genua ein internationales Gremium zur Modellbildung und Simulation die internationale Weiterführung der MATHMOD-Tagung an der TU Wien beschloss, ist eine bemerkenswerte Fügung. Ihr wissenschaftliches Vermächtnis lebt auch in dieser Konferenz weiter.

Für ihre Verdienste um Naturwissenschaft und Technik wurde Inge Troch am 19. Juni 2015 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet.

Ihr Engagement reichte weit über die Universität hinaus. Über Jahrzehnte stellte Inge Troch einen erheblichen Teil ihrer Zeit ehrenamtlich in den Dienst der Evangelischen Kirche. Von 1982 bis 2006 gehörte sie dem Presbyterium ihrer Pfarrgemeinde A.B. Wien-Innere Stadt, der Lutherischen Stadtkirche, an und war dort viele Jahre als Schatzmeisterin tätig. Von 2006 bis 2018 wirkte sie als Superintendentialkuratorin der Superintendenz A.B. Wien und damit in einer der höchsten ehrenamtlichen Leitungsfunktionen der Evangelischen Kirche in Wien.

Auch dort begegnen uns Eigenschaften, an die sich Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter an der TU Wien erinnern: analytisches Denken und Entschlossenheit verband sie mit Herzlichkeit, aufmerksamem Zuhören und großer Wertschätzung für ihr Gegenüber. Wissenschaftliches Denken und ihr christlicher Glaube waren für sie dabei keine Gegensätze. Rückblickend beschrieb sie selbst Glaube und Technik als zwei immer wiederkehrende Themen ihres Lebens.

Neben all diesen Aufgaben bewahrte sich Inge Troch ihre große Freude am Reisen und bereiste zahlreiche Länder und Kontinente. Ihre bemerkenswerte körperliche und geistige Beweglichkeit behielt sie bis zuletzt. Für den Tag nach dem tragischen Unglück wäre bereits die nächste Reise geplant gewesen.

Zugleich blieb sie ein selbstverständlicher Teil des Lebens an ihrem früheren Institut. Sie kam zu Veranstaltungen, hielt Kontakt zu ehemaligen Kolleginnen und Kollegen und pflegte Gemeinschaft auch auf ganz persönliche Weise. Über viele Jahre hinweg machte sie in der Vorweihnachtszeit selbst Rumkugeln und beschenkte damit zahlreiche Menschen am Institut. Es ist eine kleine Geste, aber gerade solche Erinnerungen erzählen viel über den Menschen hinter all den wissenschaftlichen und institutionellen Leistungen.

Besonders in Erinnerung ist vielen von uns die Feier zu ihrem 75. Geburtstag im Kuppelsaal der TU Wien: klassische Musik, gemeinsames Feiern und ein außergewöhnliches Gespräch über zwei Konstanten ihres Lebens. Ein Vertreter der Religion und ein Vertreter der Mathematik stellten ihr – in Anlehnung an Goethes Gretchenfrage – die Fragen: „Inge, wie hältst du es mit der Religion?“ und „Inge, wie hältst du es mit der Mathematik?“ In ihren Antworten erzählte sie aus einem reichen Leben, in dem Wissenschaft, Glaube, Verantwortung für andere, Neugier und persönliches Engagement nie voneinander getrennt waren.

Inge Troch hat die Mathematik an der TU Wien über Jahrzehnte mitgeprägt. Sie war Wissenschaftlerin und akademische Lehrerin, Pionierin und Netzwerkerin, Mentorin und Kollegin. Für Generationen von Studierenden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern war sie aber auch einfach „die Frau Professor“ – eine Bezeichnung, in der sich Respekt und persönliche Verbundenheit gleichermaßen ausdrückten.

Wir vermissen sie sehr. Ihre außergewöhnliche Persönlichkeit und das, was sie uns mitgegeben hat, werden uns in dankbarer Erinnerung bleiben.

Felix Breitenecker, Dirk Praetorius, Frank Rattay

 

Informationen zur Verabschiedung

Aufgrund der tragischen Umstände ihres Todes steht der Termin des Begräbnisses derzeit noch nicht fest. Diese Seite wird ergänzt, sobald nähere Informationen zur Verabschiedung vorliegen.

Kondolenzadresse: wien@evang.at

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