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Nachlese zum Workshop "Soziale Lage gesundheitlich beeinträchtigter Studierender" an der TU Wien

erstmals präsentiert wurden. Fazit: Hohe Barrieren für 12% der Studierenden an Österreichs Universitäten und Fachhochschulen.

Im Rahmen der Erhebungen zum "Bericht der sozialen Lage der Studierenden in Osterreich" haben die Studienautoren Angela Wroblewski und Martin Unger vom IHS, 2002 erstmals seit 1995 (letzte Studie: Wetzel und Fuchs) auf Initiative des bm:bwk eine erweiterte Erhebung im Hinblick auf Studierende mit gesundheitlicher Beeinträchtigung durchgeführt und diese vorgestellt.



Insgesamt weisen auf der Basis einer Selbsteinschätzung 12% aller Studierenden gesundheitliche Beeinträchtigungen auf, das sind in Österreich an die 24.000 Personen. Lediglich 1% dieser Gruppe bezeichnet sich selbst als behindert. 7,6% definieren sich als chronisch krank und 3,3% weisen sonstige gesundheitliche Beeinträchtigungen auf. Neben der hohen Anzahl von Studierenden mit Beeinträchtigungen lässt die Studie mit Ergebnissen über die Heterogenitätder untersuchten Gruppe aufhorchen: die Studierenden geben Allergien und Atemwegserkrankungen an, 22% eine chronische Krankheit, 15% eine psychische Beeinträchtigung. Eine Sehbeeinträchtigung liegt bei 14,6%, eine körperliche Beeinträchtigung oder Beeinträchtigung der Mobilität bei 9,7% eine Hörbeeinträchtigung bei 5,5% und andere Beeinträchtigungen bei 6,9% der Studierenden vor. Ein Drittel der Studierenden gibt mehrfache Beeinträchtigungen an.

 

 

 

 

 

 

 

 


Insgesamt sind Studierende mit Beeinträchtigung im Vergleich zu anderen Studierenden etwas älter, beginnen ihr Studium später, leben häufiger bei ihren Eltern, kommen langsamer im Studium voran, haben öfter das Studium gewechselt, haben durch ihre Beeinträchtigung höhere Kosten und brechen häufiger ihr Studium wieder ab.



Als häufigste Problembereiche werden die eingeschränkte Studienwahl, organisatorische Aspekte, überfüllte Lehrveranstaltungen und ein allgemeiner Mangel an Information genannt. Studierende mit psychischen Beeinträchtigungen weisen eine hohe Neigung auf, ihr Studium abzubrechen und geben Schwierigkeiten bei Lern- und Prüfungssituation sowie im Umgang mit Vortragenden an. Nach wie vor stellt neben unzureichenden baulichen Gegebenheiten und einer mangelnden Flexibilität seitens der Universität in Bezug auf Studienabwicklung auch ein mangelndes Verständnis von Seiten der Lehrenden einen großen Problembereich dar.



Die Studienautoren skizzierten Verbesserungsvorschläge in den Bereichen Lehre und allgemeiner Rahmenbedingungen. Für Studierende mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen reduzierte Anwesenheitspflichten durch Fernstudienelemente, eine Verbesserung der baulichen Gegebenheiten; ein verstärktes Serviceangebot wie persönliche Assistenz, Mitschreibservice und der Einsatz von Gebärdensprache, ein unbürokratischer Umgang mit Beurlaubung und eine verbesserte Studienbeihilfe zu einer geringeren Abbruchsrate, zu kürzerer Studiendauer sowie zu einem vermehrten Interesse für ein Studium an einer Universität oder Fachhochschule.

 

 

 


Eine erste Arbeitsgruppe beschäftigte sich unter Mitwirkung von a.o.Univ.Prof. Dr. Volker Schönwiese, Universität Innsbruck, mit Methodik und Didaktik der universitären Lehre. Festgestellt wurde, dass im Bereich der Vermittlung von Lehrinhalten durch neue Kommunikationstechnologien und e-learning ausgezeichnete Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die allerdings zu wenig genützt werden. "Gute Didaktik ist immer integrativ? meinte Prof. Dr. Volker Schönwiese, damit Vorstellungen entkräftend, dass Studierende beispielsweise mit Seh- und Hörbeeinträchtigung eine spezielle Didaktik brauchten, Sonderregelungen fördern Ausgrenzung. Werden hingegen unterschiedliche Personen als Ressourcen genutzt, komme das Lernprinzip der Heterogenität und der Methodenvielfalt zum Tragen. Eine Hilfestellung seitens der Universitäten und Fachhochschulen für Lehrende wurde als notwendig erachtet.



Eine zweite Arbeitsgruppe unter Mitwirkung von ao.Univ.Prof. Dr. Klaus Miesenberger vom Institut "Integriert Studieren? der Uni Linz untersuchte bestehende Strukturen und Unterstützungen im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen. Dass mit der Schaffung von Behindertenbeauftragten zwar ein erster Schritt gesetzt wurde, der aber bei weitem nicht ausreicht, darüber waren sich die Teilnehmer/innnen der Arbeitsgruppen unisono einig.

 

 

 

 

 

 

 

 


Die präsentierte Forschungsarbeit wurde auch insofern begrüßt, da sich die Erfahrungen der Behindertenbeauftragten mit vielen Aspekten der Studie in Einklang bringen lassen. Dass die hohe Zahl der Studierenden mit Beeinträchtigungen Servicestellen rechtfertigen, die über ein eigenes Budget sowie eine großzügige personelle und räumliche Ausstattung verfügen, um Beratung und Hilfestellung für Studierende und Lehrende anbieten zu können, wurde von allen Teilnehmern/innen. bestätigt. Die jetzige Situation käme häufig de facto einem Ausschluss vom Studium gleich.

Ein Serviceangebot kann qualitativ hochwertig angeboten werden, wenn an allen Universitäten gleiche Standards implementiert werden und zwischen den Universitäten eine enge thematische und strukturelle Vernetzung vorliegt. Standards zu setzen, die internationalen Vergleichen standhalten, war eine wichtige Forderung der Arbeitsgruppe. Die Entwicklung dieser Standards sollte einer laufenden Evaluation im Hinblick auf deren Verwirklichung unterzogen werden, damit das Prinzip der Chancengleichheit an den Universitäten und Fachhochschulen erfüllt wird. Aktionen und Projekte guten Willens werden von den Teilnehmern/innen zurückgewiesen; stattdessen wird ein Gleichstellungsgesetz gefordert. Ein Recht auf persönliche Assistenz, die Anerkennung der Gebärdensprache sowie die Ausweitung der finanziellen Förderungen und exzellente Serviceeinrichtungen sollten Barrierefreiheit, im weitesten Sinne gemeint, ermöglichen, von der letztlich alle Studierenden und Lehrenden profitieren.

 

 

 


Stimmung und Klima dieses Workshops waren gut. Der Rektor der Technischen Universität Wien o.Univ.Prof. Dr. Peter Skalicky eröffnete den Workshop mit Worten, die man gerne öfter so klar hören möchte: "Durch unsere guten Erfahrungen bestätigt, wollen wir nicht auf Studierende mit Beeinträchtigungen verzichten." Deutlich spürbar war einerseits die Betroffenheit über die Ist-Situation; andererseits zeigten die meisten Teilnehmer/innen den Ausdruck einer positiven Grundhaltung zukünftige Entwicklungen betreffend.



Dr. Hans Hirnsperger verfasste im Auftrag des bm:bwk diesen Bericht über Workshop und Präsentation der Studie ?Die soziale ?Lage gesundheitlich beeinträchtigter Studierender in Österreich. TU Wien am 28.5.2003, Veranstalter: bm:bwk

Die gesamte Studie ist unter

http://www.bmbwk.gv.at/start.asp?bereich=1&OID=9051#H2, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster

auf der Homepage des bm:bwk veröffentlicht.

Quelle:

betrifft:integration ? Zeitschrift von INTEGRATION:ÖSTERREICH, Nummer 2, 2003, pp. 8-9