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Familie und Job: Alles unter einem Hut

Für die letzte Ausgabe des TUfreihaus wurden zwei Väter in Karenz interviewt. Die steigende Zahl der Väter, die eine Elternkarenz beanspruchen, weist auf das langsame Aufbrechen der stereotypen Rollenaufteilungen hin. Mit dieser, sich im Wandel befindenden Rollenaufteilungen gewinnt die Frage nach der Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Tätigkeit/Beruf/Studium und Familien(Betreuungs-)pflichten an geschlechterübergreifender Bedeutung.

Bernhard Seiboth, Juliana Seiboth, Verena Seidl-Seiboth (v.l.n.r.)

Bernhard Seiboth, Juliana Seiboth, Verena Seidl-Seiboth (v.l.n.r.)

Für die letzte Ausgabe des TUfreihaus wurden zwei Väter in Karenz interviewt. Die steigende Zahl der Väter, die eine Elternkarenz beanspruchen, weist auf das langsame Aufbrechen der stereotypen Rollenaufteilungen hin. Mit dieser, sich im Wandel befindenden Rollenaufteilungen gewinnt die Frage nach der Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Tätigkeit/Beruf/Studium und Familien(Betreuungs-)pflichten an geschlechterübergreifender Bedeutung.

Nachdem in der österreichischen Wissenschaftslandschaft die Zahl der Dual Career Couples (DCC) zunimmt – sie treffen gemeinsam Entscheidungen, verfolgen gemeinsam (oder einzeln) Karriereziele und entscheiden sich nur manchmal für den Nachwuchs - flammt die Frage nach Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Tätigkeit und Familie erneut auf. Viele europäische Hochschulen (z.B. ETH Zürich oder TU München) haben den Wettbewerbsvorteil von DCC-unterstützender Maßnahmen erkannt.

TU|frei.haus ging der Frage nach: Lässt sich Familie und wissenschaftliche Tätigkeit an der TU Wien für Forscherelternpaare vereinbaren? Wir baten ein DCC- und Elternpaar an der TU Wien zum Gespräch: DI Dr.techn. Verena Seidl-Seiboth und Privatdozent Mag. Dr. rer.nat. Bernhard Seiboth.

Ewa Vesely

Verena Seidl-Seiboth (VS) hat an der TU Wien studiert. Sie forscht nach einem Postdoc-Aufenthalt an der University of Edinburgh, UK, seit 2008 wieder an der TU Wien (Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und Technische Biowissenschaften) und wird bald auf dem Gebiet der Biochemie habilitieren. Sie wurde 2010 mit dem Preis ÖGMBT (Österreichischen Gesellschaft für Molekulare Biowissenschaften und Biotechnologie) für Innovationen in angewandter Forschung ausgezeichnet.

Bernhard Seiboth (BS) forscht seit 1991 mit zwischenzeitlichen Auslandsaufenthalten in Finnland und den Niederlanden an der TU Wien und leitet ab Juli 2012 den Bereich Molekulare Biotechnologie am Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und Technische Biowissenschaften. Zusätzlich arbeitet er als Projektmanager für das Austrian Center of Biotechnology (ACIB).

Ihre gemeinsame Tochter, Juliana Seiboth, ist zweieinhalb Jahre alt.

Herr Seiboth, Ihre Tochter Juliana ist zweieinhalb Jahre alt. Haben Sie die Karenzzeit mit Ihrer Frau geteilt und wenn ja, wie lange waren Sie jeweils zu Hause?
BS: In den ersten elf Monaten war meine Frau in Karenz, dann fing sie an, Teilzeit zu arbeiten. Um ihr den Wiedereinstieg in den Beruf zu erleichtern, war ich fünf Monate zu Hause. Streng genommen war ich aber nicht in Karenz, sondern in Elternteilzeit. Ich habe während dieser Zeit trotzdem versucht noch Vorlesungen abzuhalten und mich um die wichtigsten Termine gekümmert.
Aber abgesehen davon merkt man erst, wenn man diese Verpflichtung eingeht, dass es ein anstrengender Full-Time-Job ist, auf ein kleines Kind den ganzen Tag aufzupassen. Es war eine spannende und wichtige Erfahrung für mich, die ich nur jedem Vater empfehlen kann.

Frau Seiboth, Ihre Karenzzeit dauerte etwas länger. Haben Sie in dieser Zeit pausiert, d.h. eine 100-prozentige Auszeit von der Wissenschaft genommen?
VS: Nein, eine 100-prozentige Auszeit war leider bis auf wenige Wochen nach der Geburt nicht möglich, da man ja immer einige Dinge am Laufen hat wie z.B internationale Projekte und Kooperationen, Publikationen, die man nicht einfach aufschieben kann. Außerdem arbeiten auch DiplomandInnen und DissertantInnen an meinen Forschungsprojekten. Die machen ja nicht einfach ein Jahr lang Pause, während ich in Karenz bin. Sie brauchen in regelmäßigen Abständen Feedback oder auch spontan eine Arbeitsbesprechung, wenn ein Experiment nicht funktioniert. Diese Pflichten kann mir leider keiner abnehmen. Ich habe sie daher auch während meiner Karenzierung wahrgenommen.

Und wie war das bei Ihnen, Herr Seiboth?
BS: Bei mir war das ganz ähnlich: Es ist zwar durchaus möglich, die Arbeit für einige Zeit zu reduzieren, aber eine komplette Pause war eigentlich nicht möglich.

Sie arbeiten beide am gleichen Institut. Wirkt sich diese Tatsache positiv auf die Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Tätigkeit aus oder ist das eher störend?
VS: Wir haben das eher als Vorteil empfunden, da wir uns sehr spontan absprechen können, wenn einer von uns einen wichtigen Termin hat oder noch etwas fertigmachen will und dann der/die andere Juliana vom Kindergarten abholt.

BS: Unsere Tochter besucht den Betriebskindergarten der TU Wien und sowohl die Nähe zum Arbeitsplatz als auch das flexible Betreuungsmodell hat es uns sehr erleichtert, eine Balance zwischen Beruf und Familie zu finden.

VS: Außerdem verbringen wir aufgrund unserer beruflichen Nähe öfter die Mittagspause gemeinsam. Das ist ein sehr netter Vorteil. Die Zeit für ein ruhiges Gespräch hat man zu Hause mit einem Kleinkind oft gar nicht.

BS: Wir möchten aber auch betonen, dass unser gesamtes Arbeitsumfeld sehr positiv auf unsere Entscheidungen bezüglich Karenzzeiten und Elternteilzeit von Vater und Mutter reagiert haben. Wir haben in jeder Phase sowohl von unseren Vorgesetzten (Abteilungsleiter, Institutsvorstand) als auch von der Personalabteilung volle Unterstützung erhalten. Das Hin und Her mit Karenz und Elternteilzeit, mit Zuverdienstgrenzen bzw. Kindergeld ist nicht immer ganz einfach.

Sie kehrten beide an Ihr Arbeitsplatz zurück, nachdem Ihre Tochter etwas älter als ein Jahr alt wurde. War das aus heutiger Sicht der ideale Rückkehrzeitpunkt?
VS: Ja, es war ein sehr guter Zeitpunkt, weil unsere Tochter vom ersten Tag an sehr gern in den Kindergarten ging und dort viel mehr Spass hatte als mit Mama oder Papa allein zu Hause. Allerdings sind auch schon wenige Stunden Kindergarten für ein so kleines Kind sehr anstrengend. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht für jedes Kind passt. Die Eltern haben dann natürlich auch kein gutes Gefühl dabei, wieder arbeiten zu gehen. Leider kann so etwas nicht vorhersagt werden, und daher ist es schwierig schon vor der Geburt des Kindes alle Karenzzeiten zu planen, sowie es teilweise verlangt wird.
Zudem gibt es in Wien im Moment so wenige Betreuungsplätze für kleine Kinder. Die wenigen freien Plätze werden fast immer nur ab Herbst vergeben. Das heißt, oft bestimmen diese Umstände den Wiedereinstieg in den Beruf, auch wenn das von Kindergeld und Karenzzeit her anders geplant war.
Wir hatten diesbezüglich auch ein wenig Glück, dass bei uns alles so gut funktioniert und zusammengepasst hat.

Werden Sie im Alltag bei der Kinderbetreuung von Großeltern bzw. Ihrem Umfeld unterstützt?
BS: Da „unsere“ Großeltern nicht in Wien wohnen, ist das leider nicht so einfach. Ein Abliefern der Tochter bei terminlichen Problemen oder für einen Tag am Wochenende funktioniert daher leider nicht. Nichtsdestotrotz unterstützten sie uns immer nach besten Kräften, wenn einer von uns beiden zum Beispiel im Ausland ist, oder Juliana für längere Zeit einmal krank ist.

Wissenschaftliche Tätigkeit bietet wesentlich mehr Flexibilität als viele andere Berufe, was eigentlich die Vereinbarkeit erleichtern müsste. Dennoch sind viele WissenschaftlerInnen kinderlos. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?
VS: Also zumindest in unserem internationalen wissenschaftlichen Umfeld haben doch viele KollegInnen Kinder, aber generell habe ich folgende Erklärung dafür: WissenschaftlerInnen werden von Neugier und Faszination angetrieben. Mit einer 40 Stunden Woche kommt man daher normalerweise nicht aus. Dieses Engagement wird in unserer Berufsgruppe ja oft auch erwartet und als normal empfunden. Dieses Berufsbild - das aber sicher auch für viele WissenschaftlerInnen tatsächlich zutrifft - macht es vielleicht ein wenig schwierig, eine Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie zu finden und trotzdem erfolgreich in der Wissenschaft tätig zu sein.
Es ist einfach eine Tatsache, dass sich mit einem kleinen Kind ein unflexibleres Zeitmanagement ergibt. Als junge Mutter kann ich meine Tochter nicht einfach drei Stunden später vom Kindergarten abholen, weil es heute gerade so „spannend“ im Labor ist. Das hat in der Vergangenheit vielleicht dazu geführt, dass insbesondere Frauen es schwierig hatten, sich neben ihrer Rolle als Mutter in der Wissenschaft zu behaupten. In den letzten Jahren hat aber ein Umdenken eingesetzt. Die öffentlichen Berichte und Diskussionen über Kinderbetreuungsplätze, Väterkarenz und Elternteilzeit sind sehr wichtig, um die bestehenden Rollenbilder aufzubrechen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern.
Das wird sich auch auf die Berufsgruppe der WissenschaftlerInnen auswirken, da bin ich mir sicher.

Welche Faktoren waren für Sie wichtig, um überhaupt wieder in der Wissenschaft tätig zu sein?
BS: Nun ja, wir haben ja nie aufgehört, wir sind nur zeitweise ein wenig kürzergetreten. Es gibt viele gute Gründe dafür in der Wissenschaft zu arbeiten. Wissenschaft ist spannend und abwechslungsreich, bei unserer Arbeit wird einem sicher nie langweilig, denn kein Tag ist wie der andere und es gibt immer wieder neue Herausforderungen, die man sich selbst aussuchen und denen man sich dann stellen kann.

VS: Aber auch die vielen internationalen Kontakte auf Konferenzen und bei wissenschaftlichen Auslandsaufenthalten und daraus entstehende Freundschaften mit Leuten auf der ganzen Welt sind sicher ein Pluspunkt, den man nicht unerwähnt lassen sollte.

Wenn Sie drei Wünsche in Bezug auf die Erleichterung der Vereinbarkeit von Wissenschaft/Beruf/Studium und Familie an der TU Wien frei hätten...
VS: Ich würde mir mehr Karrierelaufbahnmodelle für junge WissenschaftlerInnen wünschen, damit man beruflich die Zukunft etwas besser planen kann.

BS: Die Kapazität für Kinderbetreuungsplätze sollte außerdem so hoch sein, dass man sich sicher sein kann, genau dann einen guten Platz zu bekommen, wenn man wieder in das Berufsleben einsteigen will.

VS: Ich wünsche mir außerdem, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch weiterhin immer wieder an der TU Wien thematisiert wird, um noch mehr Väter dazu zu bewegen, sich aktiv an der Kinderbetreuung zu beteiligen und vor allem um jungen Frauen zu zeigen, dass es möglich ist, Wissenschaftlerin und Mutter zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

TU Freihaus Nummer 23,

Link: http://www.tuwien.ac.at/dle/pr/publishing_web_print/tufreihaus/tufreihaus23/campus/