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Die Grenzen in den Köpfen

Beatrix Haselsberger von der TU Wien wurde mit einem Hertha-Firnberg-Stipendium ausgezeichnet. Sie untersucht, wie Kultur, Tradition und Identität Planungsentscheidungen mitbestimmen und das Zusammenleben in Grenzregionen beeinflussen.

Beatrix Haselsberger. Foto: Wilke

Beatrix Haselsberger. Foto: Wilke

Beatrix Haselsberger. Foto: Wilke

Beatrix Haselsberger. Foto: Wilke

Welche Geschichten erzählen wir über unsere Nachbarn jenseits einer Staatsgrenze? Welche Bilder setzen sich in unseren Köpfen fest, wie entstehen sie und wie lassen sie sich hinterfragen? Der Erfolg von grenzüberschreitender Zusammenarbeit hängt von ganz persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen mit „den Anderen hinter der Grenze“ ab. Beatrix Haselsberger vom Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung der TU Wien möchte in ihrer Forschung aufzeigen, in welchem Ausmaß Planungsentscheidungen durch subjektive Empfindungen beeinflusst werden und welche Auswirkungen das auf den sozialen Zusammenhalt und die Lebensqualität in Grenzräumen hat.

Inwieweit werden vorgefasste Bilder durch Politik und Medien beeinflusst? Welche Rolle spielen sie bei grenzüberschreitenden Planungsprozessen? Diese Fragen stehen im Zentrum des dreijährigen Forschungsprojektes (COMPASS Collective Memory & Planning: Across Social Separation), für das Beatrix Haselsberger das Hertha-Firnberg-Stipendium des österreichischen Forschungsförderungsfonds FWF erhielt. Projektstart ist der 1. Oktober 2012.

Das Phänomen Staatsgrenze
„Staatsgrenzen haben nicht nur eine raumpolitische Dimension, auf die man sie im planerischen Diskurs sehr gerne beschränkt“, sagt Beatrix Haselsberger. „Ganz im Gegenteil: Staatsgrenzen sind multidimensional und müssen auch als solches verstanden werden. Sprachliche, kulturelle, historische, wirtschaftliche und administrative Aspekte sind nur einige dieser Layers aus welchen sich Staatsgrenzen zusammensetzen.“ Für das Bild, das wir von „denen da drüben“ jenseits der Staatsgrenze in den Köpfen haben, können in der Familie überlieferte Erzählungen und Erfahrungen genauso prägend sein wie Tourismusströme vom einem Land ins andere oder die Ansiedelung eines Unternehmens aus dem Nachbarland, das neue Arbeitsplätze schafft.

Grenzbalken können zwar per Gesetzesbeschluss entfernt werden – doch das bedeutet noch lange nicht, dass damit auch automatisch unsere gedanklichen Grenzzäune der Vergangenheit angehören. Diese bestehen nämlich aus einem weitverzweigten Netz an Assoziationen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird und mit denen wir tagtäglich bewusst und unbewusst konfrontiert werden. Die Vielfalt all dieser Bilder ergibt ein kollektives Gedächtnis, das einerseits die eigene Identität definiert und andererseits auch ein kollektives Bild vom Nachbarland erzeugt.

Wissenschaftlich erforscht ist das allerdings kaum. „In der Literatur wird zwar oft festgestellt, dass gesellschaftlich und kulturell geprägte Werte und Einstellungen einen Einfluß auf unser Tun und Lassen haben“, sagt Haselsberger, „doch es wird in der Raumplanung fast nie hinterfragt, wie und warum sich diese Werte und Einstellungen entwickelt haben oder wie man die darin verankerten negativen Stereotypbilder und Vorurteile über die „Anderen hinter der Grenze“ abbauen kann, um so die Menschen auf beiden Seiten der Grenze einander näher bringen zu können.“.

Grenzregionen im Blickfeld: Holland-Deutschland, Österreich-Italien
Beatrix Haselsberger möchte solche Mosaiksteinchen des Kollektiven Gedächtnisses und der Identität in den nächsten drei Jahren untersuchen. Sie hat dafür zwei innereuropäische Grenzräume ausgewählt: Das niederländisch-deutsche Grenzgebiet zwischen Nijmegen und Kleve und das österreichisch-italienische Grenzgebiet zwischen Spittal an der Drau und Udine. Zu diesem Zweck wird sie in jedem der vier Länder jeweils drei Monate lang leben und versuchen, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. In allen vier Ländern hat sie wissenschaftliche KooperationspartnerInnen, die sie bei der Arbeit beraten und unterstützen werden.

Grenzregionen verstehen: Gespräche und Geschichten – nicht bloß Statistik
„Ich werde nicht einfach mit standardisierten Fragebögen an die Sache herangehen können“, sagt Beatrix Haselsberger. „Es geht darum, subjektive Gedanken und Emotionen einzufangen, mit den unterschiedlichsten Leuten zu reden – mit dem Eisverkäufer, mit der Hausbesitzerin, mit dem Zeltfestbesucher aber auch mit dem Bürgermeister und mit der Planungsreferentin.“ Aus einem möglichst großen Schatz an Meinungen, Geschichten und Bildern soll sich dann ein tieferes, geschlosseneres Bild ergeben.

Die Beschäftigung mit Staatsgrenzen ist für Beatrix Haselsberger nichts Neues: Sie wuchs in Kärnten, nahe der italienischen Grenze auf und spricht italienisch. „Man gibt sich gerne der Illusion hin, alles über eine Grenzregion verstanden zu haben, besonders wenn man selbst dort wohnt“, meint sie. „Man fährt vielleicht sogar öfter über die Grenze, um einzukaufen oder essen zu gehen, man glaubt, genau zu wissen, wie grenzüberschreitender Dialog funktionieren muss. Man übersieht dabei aber, dass man in Wirklichkeit das Nachbarland nur mit den Augen eines Touristen betrachtet.“

Als sie selbst dann aber eineinhalb Jahre in Udine (Italien) lebte, änderte sich ihre Sichtweise. Sie fühlte sich trotz allem fremd – und damals begann sie darüber nachzudenken, woran das liegen mag. Warum nehmen wir Staatsgrenzen in unseren Köpfen überallhin mit? Warum begegnet man uns im Ausland oft mit so großer Distanz? Aufgrund dieser Erfahrung hat Beatrix Haselsberger das Thema „Grenze“ in seiner Mulitdimensionalität im Rahmen Ihrer Dissertation genau unter die Lupe genommen. Nun möchte sie in ihrer Forschung noch einmal deutlich tiefer gehen.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit bedeutet nicht das Auflösen von Grenzen
Haselsberger sieht Grenzen nicht grundsätzlich als etwas Negatives: „Wie kann man für einen Raum planen, der nicht durch irgendeine Art von Grenzen definiert ist? Ohne Abgrenzung kann sich auch keine Identität entwickeln“, meint sie. Doch diese Grenzen sollten keine harten, festen Mauern sein. Die Europäische Union sieht Haselsberger in diesem Zusammenhang jedenfalls sehr positiv – sie warnt aber vor überzogenen kurzfristigen Erwartungen: „In der Politik herrscht oft die Auffassung, dass sich positive Effekte in Grenzregionen ganz von selbst erzeugen lassen, wenn man nur ausreichend viel Geld in die Entwicklung von Grenzregionen steckt – etwa in Euroregionen oder Interreg-Projekten.“ Man unterschätzt dabei allerdings, wie lange solche Prozesse dauern und wie vielschichtig sie sind.

Beatrix Haselsberger wird ihre Erfahrungen und Erkenntnisse schließlich in einem Handbuch zusammenstellen. „Dieses Buch wird viele Fallbeispiele und subjektive Sichtweisen abbilden“, sagt Haselsberger. „Es soll dazu beitragen, stereotype Sichtweisen zu hinterfragen, ein transkulturelles Verständnis zu entwickeln und in der wissenschaftlichen Community das Verständnis von kollektivem Gedächtnis und Identitäten in Grenzgebieten zu vertiefen.“ Haselsberger wird in der Schlussphase ihres Forschungsprojektes in einer „Roadshow“ ihr Wissen im Rahmen von Vorträgen und Gastvorlesungen an verschiedenen Universitäten einer breiten Öffentlichkeit näher bringen.

Nähere Informationen:
Dr. Beatrix Haselsberger
Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung
Technische Universität Wien
Operngasse 11, 1040 Wien
T: +43 1-58801-280712
beatrix.haselsberger@tuwien.ac.at