Straßen sind mehr als Asphalt und Fahrbahnmarkierungen. Sie sind Lebensräume, Begegnungszonen, Handelsplätze – und oft auch Problemzonen. Wer über nachhaltige Städte spricht, sollte daher auch über Mobilitätsräume neu nachdenken: nicht als Durchfahrtsstrecken, sondern als Orte, an denen Menschen sich gerne aufhalten.
Die Verkehrsplaner Martin Berger und Jonathan Fetka im Interview
Wie dieser Wandel in der Praxis gelingt und was es braucht, um aus autodominierten Flächen lebendige Stadträume zu machen, darüber geben Martin Berger und Jonathan Fetka Auskunft. Die beiden Experten vom Forschungsbereich Verkehrssystemplanung (MOVE) der TU Wien setzen sich in Theorie und Praxis mit Ansprüchen an den Straßenraum und deren Aushandlung auseinander und haben anlässlich der Veröffentlichung eines Bandes zum Thema Mobilitätsräume einige Fragen beantwortet. Es zeigt sich: Die Transformation von Mobilitätsräumen ist keine technische Frage, sondern ein Diskurs, der die gesamte Gesellschaft betrifft.
Herr Berger, Herr Fetka, was ist überhaupt ein Mobilitätsraum?
Unter einem Mobilitätsraum verstehen wir zum Beispiel eine Straße oder einen Platz, wo nicht nur Autos möglichst effizient und schnell von A nach B fahren, sondern weitaus mehr Bedürfnisse ihren Platz finden. Vom Kind am Weg zur Schule, der Rollstuhlfahrerin unterwegs zum Einkaufen, von den tratschenden Nachbar_innen über die Auslage für den Einzelhandel: Straßen und Plätze müssen vielfältige, teils widersprüchliche Nutzungsansprüche unter einen Hut bekommen. Kurz: So wie Städte vor der Dominanz des Autos bereits funktioniert haben, soll ein Mobilitätsraum einer Vielfalt an Bedürfnissen Platz geben.
Was wünschen Sie sich als Verkehrsplaner und was die Menschen von solchen Räumen?
Früher war die Umwidmung von Parkplätzen ein häufiger Konfliktpunkt, das ist heute kaum mehr der Fall. Menschen wollen – etwa aufgrund der Hitze – mehr Grün, mehr Bäume, mehr Wasser und mehr Flächen für Aufenthalt. Das zeigen viele Umfragen gleichermaßen unter Anwohner_innen wie unter Gewerbetreibenden. Die Zustimmung steigt sogar über die Jahre durch das Erleben an: Nach Fertigstellung des Umbaus ist normalerweise eine überwältigende Mehrheit davon überzeugt.
Wir zeigen in unserem Buch Beispiele, wie die Umgestaltung des öffentlichen Raums mit dem Ziel, aktive Mobilitätsformen zu stärken und die räumliche Qualität zu verbessern, gelingen kann. Dazu braucht die Politik Mut, da diese Prozesse vielfältig und einzigartig sind und oft auch Widerstände auftreten. Genau diesen Mut, neben Offenheit und Beharrlichkeit, wünschen wir uns für transformative Prozesse.
Wo hat die Transformation Ihrer Meinung nach am besten funktioniert und warum?
Es gibt dafür kein Kochrezept und keine einfache Formel, weil viele Fragen zu beantworten sind: Wo befindet sich das Projekt? Wie ist der räumliche, gestalterische und verkehrliche Status quo? Welche Mittel stehen zur Verfügung? Wer ist alles beteiligt und betroffen? Welche Unterstützung und welche Widerstände gibt es? All diese und weitere Fragen machen ein Projekt einzigartig. Unser Buch zeigt, wie in verschiedenen Situationen innovative und kreative Lösungen gefunden werden konnten.
Und in Zeiten knapper Budgets, wie geht das mit wenig Geld?
Der Goldstandard ist oft gar nicht nötig! Mit Tactical Urbanism können auch bei knapperen Budgets bereits temporäre und experimentelle Umsetzungen sukzessive erfolgen, zum Beispiel durch Pop-up-Radwege, Pflanztröge, Bänke, begrünte Parklets oder provisorische Markierungen. Die Bevölkerung erfährt dadurch schnell erste Qualitätsgewinne. So können Projekte initiiert sowie Ideen getestet und sogar verstetigt werden. Weiters können Kooperationen mit lokalen Initiativen, Anwohner_innen oder Gewerbetreibenden dabei helfen, etwa Möblierungen zu schaffen oder Bäume zu gießen.
Welcher Ort sollte als nächster angegangen werden?
Heute geht es nicht mehr um das nächste Einzelprojekt, sondern um den großen Wurf: Die zunehmende Hitzebelastung erfordert großflächiges Handeln und schnelle Umsetzungen, und auch nicht immer im Goldstandard. Hierfür fehlen teils noch passende, übergreifende Planungsstrategien.
Wenn wir uns ein Einzelprojekt aussuchen sollen: Wien ist in der Umgestaltung bereits sehr aktiv, wie etwa die Argentinierstraße zeigt. Besonders spannend wäre die Umgestaltung des Gürtels als ein mutiger, aber notwendiger Schritt, da hier auch viele hitzevulnerable Menschen leben. Hier besteht eine echte Chance für ein weiteres Vorzeigeprojekt.
Jonathan Fetka forscht und lehrt im Forschungsbereich Verkehrssystemplanung (MOVE) an der TU Wien.
Martin Berger ist Professor am Forschungsbereich Verkehrssystemplanung (MOVE) der TU Wien sowie Leiter des Verkehrsplanungsbüros „yVerkehrsplanung, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster“.
Interview: Edith Wildmann, TUW-Redaktion
redaktion@tuwien.ac.at
Links
- FFG Projekt Transformator:in: Leitprojekt zur Pilotierung übertragbarer Ansätze zur integrierten Transformation öffentlicher Mobilitätsräume (Link FFG-Projektbeschreibung)
- Transformator:in (Link Webseite)
Buchtipps
- aktuell: Aglaée Degros / Martin Berger / Eva Schwab / Sabine Bauer / Jonathan Fetka / Dominik Hölzl / Barbara Russo (Hg.): COURAGE Transformation von Mobilitätsräumen. Prozesse, Akteure und Gestaltung /Transformation of Mobility Spaces. Process, Actors, and Design. Mit Beiträgen von Sabine Bauer, Stefan Bendiks, Martin Berger, Johannes Bernsteiner, Aglaée Degros, Jonathan Fetka, Gunnar Grandel, Dominik Hölzl, Christopher Mavrič, Markus Monsberger, Barbara Russo, Eva Schwab, Mimi Sheller, Filip Watteeuw.Analysierte Projekte: Gemeindezentrum (Göfis, AT), Piazze Aperte (Mailand, IT), Lyssplus (Lyss, CH), ÖRMI (Karlsruhe, DE), Kiezblock Bergmannkiez (Berlin, DE), Promenadenring (St. Pölten, AT), Park Belle-Vue (Leuven, BE), Südlicher Lendplatz (Graz, AT), Catharijnesingel (Utrecht, NL), Argentinierstraße (Wien, AT), Good Move Pentagon (Brüssel, BE), Car-Free City Center (Ljubljana, SLO).
- Jonathan Fetka & Martin Berger: Praxishandbuch Transformation öffentlicher Mobilitätsräume (open access Link)

