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Computer erkennt Heilige

>Erstmals wird die Infrarotreflektografie bei der kunsthistorischen Untersuchung der österreichischen spätgotischen Malerei eingesetzt. Das gemeinsame Projekt der Technischen Universität und des Bundesdenkmalamtes mit dem beziehungsvollen Namen Casandra geht noch einen Schritt weiter:

Mithilfe computergestützter Mustererkennung will man die Gemäldeskizzen originalgetreu erfassen und wiedergeben. Damit kann in Zukunft erstmals die bisher anonyme Arbeit in der mittelalterlichen Kunstwerkstatt nachvollzogen werden. Außerdem stehen den sonst mit Quellenstudium befassten Kunsthistorikern technische Hilfsmittel für Datierungs- und Zuschreibungsprobleme zur Verfügung.Das Projektteam versammelt sich in der Werkstatt des Bundesdenkmalamtes. Hier wird der letzte Teil des 10seitigen Wiener Neustädter Altars restauriert. Die Anwendung der Infrarottechnik und die neuentwickelte Mustererkennung haben einige Überraschungen für das Kunsthistorikerteam gebracht.

Bisher wurde das dargestellte Allerheiligen Programm des Altars durch akribisches Quellenstudium gedeutet. Einige der heiligen, gekrönten Häupter des Mittelalters waren nicht richtig zugeordnet, wie sich nun in der Infrarotuntersuchung herausstellte.

Mit dieser speziellen Kamera gelingt es, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Mithilfe von langwelligen Strahlen werden die zahlreichen Malschichten durchdrungen. Manche Pigmente bleiben trotzdem undurchsichtig.Unter dem rot gemalten Fries finden sich flüchtig hingeschriebene Werkstattnotizen. Es sind die Namen der dargestellten Kaiser. Erst jetzt lässt sich so mancher Heilige einwandfrei identifizieren. Dr. Ingrid Flor, Kunsthistorikerin: "Bisher hat man geglaubt, dass dieses Wiener Neustädter Retabel, da es stilistisch uneinheitlich ist, aus mehreren Altären willkürlich zusammengestellt ist. Nun hat sich gezeigt, dass es eine einheitliche Unterzeichnung aus einer Hand gibt, die alle zehn Flügelflächen umfasst. Diese einheitliche Unterzeichnung zeigt noch dazu eine enorme Qualität."

Möglich wurde dieses überraschende Ergebnis durch eine neue digitale Erfassung der Unterzeichnung. Basis dafür ist die vorangegangene Infrarotaufnahme. Zu diesem Zweck wird der Computer mit einer riesigen Fülle an verschiedenen Strichen gefüttert. Später sollen Striche und Zeichenwerkzeug durch diese speziell entwickelte Mustererkennung identifiziert werden. Der Computer errechnet in einem weiteren Schritt die reine Zeichnung auf dem Malgrund ohne Umgebung. Damit der Strich elektronisch erfasst wird, werden die Ränder abgetastet. Kohlestriche haben beispielsweise ausgefranste Ränder, Pinselstriche wie im Fall des Wiener Neustädter Altars glatte Ränder.

Die Infrarotaufnahme wird mit der digitalen Mustererkennung weiterverarbeitet. Die Linien der Vorzeichnung von ihrer Umgebung heraus gelöst. Maloberfläche und Sprünge auf der Grundierung werden einfach entfernt. Übrig bleiben zuletzt die klaren Striche einer Pinselzeichnung, die vor 500 Jahren vom Werkstattmeister selbst gesetzt wurden und jetzt mit Parallelwerken verglichen werden können. Mag. Ernestine Zolda: "Die Erkennung von Werkzeugen im Rahmen des Projekts Casandra mit Computerauswertung hilft neben der Erkennung von Zeichenwerkzeug in Zukunft auch Werkstattgepflogenheiten, die künstlerische Zuordnung und Datierungsprobleme neu aufzurollen." Seit 20 Jahren ist die "Notbergung", also die vorrangige Arbeit am Altar im Gang. Der Altar, den Friedrich III. 1444 anlässlich einer Klostergründung stiftete, legitimiert mit einem umfassenden politischen und geistlichen Programm seine Herrscherposition. Die computergestützte Analyse hat ergeben, dass der Meister des Friedrichsaltars nicht nur einen Programmentwurf vor Augen hatte, sondern selbst gezeichnet und gemalt hat. Dort, wo sich Unterzeichnung und Malfläche qualitativ unterscheiden, haben Gesellen gearbeitet. Ihnen wurde mit Notizen über Farbgebung und Schattierung die Ausführung genau vorgegeben. Mit dieser Untersuchung ist es gelungen die Anonymität der mittelalterlichen Kunstwerkstatt aufzuheben. Der Altar ist jetzt eines der am besten dokumentierten Kunstwerke des Mittelalters.