Marken mit Wiedererkennungswert, internationaler Handel, völkerübergreifende Designtrends – all das klingt sehr modern. Doch all das gab es bereits vor Jahrtausenden, an der Schwelle von Bronzezeit zur Eisenzeit. Teams der Universität Wien und der TU Wien untersuchten gemeinsam die „Qurayyah Painted Ware“, bemalte Keramik aus Nordwestarabien. In vielen weit voneinander entfernten Fundstätten stieß man auf auffällig ähnliche Keramikprodukte. Mehrere Archäologie-Teams untersuchten und klassifizierten diese Funde, am Kernreaktor der TU Wien wurden zahlreiche Proben mit Hilfe von Neutronenaktivierungsanalyse untersucht.
Dadurch gelangte man zu dem Schluss: Es handelt sich tatsächlich um Keramiken aus derselben Stadt. In Qurayyah wurde Keramik ganz bewusst und gezielt in großem Stil für den Export hergestellt – auf eine charakteristische, leicht wiedererkennbare Weise. Man könnte sagen: Die Qurayyah-Keramik war vielleicht der erste internationale „Markenartikel“.
Nachgemacht oder original?
Qurayyah ist eine Oase in der arabischen Wüste, wo über mehr als ein Jahrtausend Keramik produziert wurde – von der mittleren und späten Bronzezeit bis in die frühe Eisenzeit, vom 17. Jhdt. v. Chr. bis ins 6. Jhdt. v. Chr. Man fand dort nicht nur alte Gefäße, sondern auch einen Töpferofen, Produktionsabfälle und unfertige Stücke. All diese Funde helfen dabei, eine umfassende Vorstellung der damaligen Keramikproduktion zu erhalten.
Keramik aus Qurayyah ist leicht wiederzuerkennen, sie hat einige ganz charakteristische Eigenheiten: Ganz bestimmte Formen, wiederkehrende Motive wie Vögel, Kamele oder auch geometrische Ornamente, und vor allem eine typische zweifarbige Bemalung. Solche Keramikfunde kennt man aus vielen Orten im arabischen Raum und im östlichen Mittelmeerraum. Dadurch stellt sich die Frage: Sind das Kopien der Qurayyah-Keramik, oder kommen diese Stücke tatsächlich aus den Keramiköfen von Qurayyah?
Dieser Frage ging man einerseits durch sorgfältige kunsthistorische Analysen nach, andererseits auch durch physikalische Messungen: Kleine Keramikproben wurden entnommen und zu Pulver verarbeitet. Dieses Pulver wurde dann im Kernreaktor der TU Wien bestrahlt. „Das führt dazu, dass manche Atomkerne in der Probe Neutronen einfangen und dadurch selbst radioaktiv werden“, erklärt Johannes Sterba (Atominstitut, TU Wien). „Danach zerfallen diese Atome und setzen charakteristische Strahlung frei, die wir messen können. Das sagt uns ganz genau, wie sich die Probe zusammensetzt, welchen Anteil von welchen Isotopen sie enthält.“
Man erstellt auf diese Weise so etwas wie einen chemisch-physikalischen „Fingerabdruck“ der Probe: Material aus unterschiedlichen Gegenden hat immer eine leicht unterschiedliche Zusammensetzung. Stimmt der Isotopen-Fingerabdruck zweier Proben überein, kann man davon ausgehen, dass sie am selben Ort nach derselben Rezeptur produziert wurden.
Die atomaren Fingerabdrücke stimmen überein
„Tatsächlich konnten wir zeigen: Die charakteristisch bemalten Keramikfunde kommen aus Qurayyah. Sie wurden nicht bloß imitiert, sondern tatsächlich über weite Strecken transportiert und gehandelt“, sagt Johannes Sterba. „Andere Proben, die wir zu Vergleichszwecken auch untersuchten, lassen sich hingegen eindeutig von den Qurayyah-Proben unterscheiden.“
Die Untersuchungen zeigen: Qurayyah war ein Keramik-Zentrum, in dem ganz gezielt Keramikgefäße in großer Zahl für den Export hergestellt wurden – und zwar offenbar bewusst auf eine Weise, die man heute in Marketing-Schulungen lernt: Das Design war leicht wiedererkennbar, man konzentrierte sich auf simple, gut reproduzierbare Motive, man lieferte der Kundschaft das, was sie bereits kennt.
In dieser Hinsicht unterschied sich die Verkaufsstrategie der Bronzezeit offenbar gar nicht so stark von heutigen Verkaufsstrategien. Qurayyah-Keramik war damals eine Marke, aufgebaut über Jahrhunderte, und offenbar von unterschiedlichen Völkern geschätzt.
Rückfragehinweis
Dr. Johannes Sterba
TRIGA Center Atominstitut
Technische Universität Wien
+43 1 58801 141357
johannes.sterba@tuwien.ac.at
Text: Florian Aigner
