*Das Interview wurde ursprünglich auf Englisch geführt. Für die Originalfassung bitte auf die englische Seite wechseln

1. Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für angewandte Mathematik entdeckt?

Wie die meisten Mathematiker_innen habe ich schon immer die Klarheit der Mathematik faszinierend gefunden. Dennoch habe ich mich erst kurz vor Beginn meines Studiums für dieses Fach entschieden, ohne zu wissen, wie Mathematik auf Universitätsniveau aussehen könnte. Ich habe sehr schnell gemerkt, wie viel Spaß es mir macht, Dinge von Grund auf zu lernen, und mir gefiel auch die Vorstellung, dass solche abstrakten Konzepte mit Fragen aus der realen Welt in Verbindung gebracht werden können. Von da an habe ich, wie die meisten, meine Forschungsthemen aus Neugier und aufgrund von Gelegenheiten ausgewählt. Auch wenn meine aktuelle Forschung überwiegend theoretischer Natur ist, arbeite ich gerne in einem Bereich, in dem Anwendungen immer griffbereit sind.

 

2. Wie würden Sie Ihre Forschung einem Laienpublikum erklären?
Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich derzeit?
 

Ein Großteil meiner Forschung dreht sich um die Frage, wie man „Inferenz nach Modellauswahl” durchführt: In der Statistik betrachten wir oft Daten, wählen ein Modell aus, das gut zu passen scheint, und ziehen dann Schlussfolgerungen daraus. Die mit der Modellauswahl verbundene Unsicherheit wird dabei oft ignoriert, was zu übermäßiger Zuversicht führt. Dies gilt auch für sehr moderne statistische Methoden. Meine Arbeit konzentriert sich darauf, wie man zuverlässige – oder „valide” – Schlussfolgerungen ziehen kann, die diesen Auswahlschritt angemessen berücksichtigen.

 

3. Gab es Menschen, die Sie auf Ihrem Weg zur Professorin unterstützt haben?
Wie wichtig waren sie für Sie?
 

Meine Doktorats-Betreuerin war im Allgemeinen sehr ermutigend und engagiert, und ich habe viel von meinem Postdoc-Betreuer gelernt, der mir viel Zeit gewidmet und sein Wissen großzügig mit mir geteilt hat, wie man Forschungsfragen angeht und vertieft. Das waren die wichtigsten Personen, aber ich lerne weiterhin von Mitarbeiter_innen und Kolleg_innen, indem ich beobachte, wie sie Forschungsfragen durchdenken und andere Herausforderungen in ihrem Arbeitsleben bewältigen.

 

4. Im Laufe Ihrer Karriere sind Sie ziemlich oft umgezogen. Zuerst sind Sie in die USA gezogen, um Ihren Doktortitel zu erwerben, dann sind Sie nach Wien zurückgekehrt. Nach drei Jahren haben Sie eine Juniorprofessur in Deutschland angenommen und sind schließlich wieder nach Wien zurückgekehrt. Können Sie uns einen Einblick geben, inwiefern diese Umzüge für Ihre Forschung wichtig waren?
 

Jeder Umzug war durch eine Kombination verschiedener Faktoren motiviert, darunter Neugier und Abenteuerlust, persönliche Überlegungen und attraktive akademische Möglichkeiten. Insgesamt würde ich sagen, dass ich davon profitiert habe, verschiedene akademische Systeme und Kulturen kennenzulernen, ein Netzwerk aufzubauen und meinen Horizont als Forscherin zu erweitern.
 

5. Auf welche Leistung sind Sie besonders stolz? Erinnern Sie sich an besonders herausfordernde Aspekte bei der Arbeit an diesem Projekt und wie haben Sie diese überwunden?

 

Das stärkste Erfolgserlebnis hatte ich, als ich meine Doktorarbeit abgeschlossen habe, da dies ein klarer Meilenstein ist. Neben dem Verfassen der Dissertation musste ich in die USA umziehen, mich an ein anderes Universitätssystem gewöhnen und Kursarbeiten und Qualifikationsprüfungen absolvieren. Es war viel Arbeit, aber die Kameradschaft unter den Studierenden meines Jahrgangs machte es zu einer großartigen Erfahrung – wir haben gemeinsam Hausaufgaben gelöst, unsere Forschungsfragen diskutiert und auch viel Spaß gehabt.

 

6. Trotz vieler Bemühungen in den letzten Jahren sind Frauen in der Wissenschaft nach wie vor unterrepräsentiert. Wie wichtig ist es Ihrer Erfahrung nach für Studentinnen*, ein weibliches Vorbild zu haben? Hatten Sie eines?
 

Ich hatte in meinem Doktorat eine Betreuerin. Rückblickend glaube ich, dass dies tatsächlich einen großen Einfluss darauf hatte, dass ich eine akademische Laufbahn in Betracht gezogen habe. Bis dahin hatte ich nur männliche Professoren gesehen – aber Identifikation ist wichtig. Meiner Erfahrung nach kann eine solche Repräsentation einen großen Einfluss darauf haben, ob junge Frauen die Wissenschaft als einen Ort für sich sehen.

 

7. Welchen Rat würden Sie jungen Studierenden geben, die eine Karriere in der Wissenschaft anstreben?
 

Ich denke, eine Karriere in der Wissenschaft bietet viele verschiedene Facetten: sich intensiv mit Forschungsfragen auseinandersetzen, selbstständig und mit anderen zusammenarbeiten – lokal und international –, lehren, betreuen, kommunizieren und Ihre Arbeit präsentieren, reisen und vieles mehr. All diese Aspekte kommen Schritt für Schritt, und es wird sicherlich nie langweilig. Wenn Sie das anspricht, dann machen Sie es! :-)

 

--------------------------------------


Weitere Links zu Interviews mit Leila Taghizadeh

Ihre eigene Webseite: 

https://www.tuwien.at/mg/eos/team/ulrike-schneider

Ein Interview aus 2024:"SPME: Ein modernes und attraktives Studium an der TU Wien":

https://www.tuwien.at/alle-news/news/spme-ein-modernes-und-attraktives-studium-an-der-tu-wien