*Das Interview wurde ursprünglich auf Englisch geführt. Für die Originalfassung bitte auf die englische Seite wechseln

1. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie Mathematiker werden wollten? Erinnern Sie sich an ein bestimmtes Erlebnis, das Ihre Begeisterung für Mathematik geweckt hat?

Ich habe Mathematik schon immer gemocht, aber zunächst dachte ich, dass es etwas ist, das nur „Genies“ studieren, und ich hatte nicht das Gefühl, dass ich zu dieser Kategorie gehören würde. Aus diesem Grund habe ich einen Bachelor in Computertechnik und Automatisierung gemacht. Während meines Ingenieurstudiums wurde mir jedoch klar, dass ich zwar gut darin war, aber nicht wirklich begeistert davon. Ich wollte nicht nur lernen, wie Dinge funktionieren, sondern auch verstehen, warum. Meine ersten Vorlesungen in Mathematischer Analysis an der Universität überzeugten mich davon, dass dies das Fach war, das ich wirklich studieren wollte. Ich war fasziniert von der Schönheit der Beweise und davon, dass alles klar und korrekt war. Mein Professor für Analysis 1 erkannte das und bat mich in meiner mündlichen Prüfung in Analysis 1, eine kleine Aussage zu beweisen. Das gefiel mir sehr gut, und ich beschloss, dass ich genau das in meinem Studium lernen wollte. Aus diesem Grund wechselte ich für meinen Master dann zur Mathematik.

2. Wie würden Sie Ihre Forschung einer Nicht-Fachperson erklären?

Meine Forschung basiert auf der Beobachtung, dass viele Naturphänomene und viele Probleme in den angewandten Wissenschaften durch Abfolgen von möglicherweise zeitabhängigen Minimal- oder Maximalproblemen beschrieben werden können. Die typischen Fragen, die ich in meiner Forschung zu beantworten versuche, lauten: Gibt es ein Minimum? Wie können wir es charakterisieren? Und wie hängt es von den Daten des spezifischen Problems ab? Diese Fragen werden in der Regel mit Hilfe der Variationsrechnung angegangen - die mein Forschungsgebiet ist.

3. Was war die größte Herausforderung, der Sie in Ihrer Karriere begegnet sind? Wie haben Sie diese bewältigt? Wer hat Sie in Ihrer Karriere am meisten unterstützt?

Eine der größten Herausforderungen, denen ich mich stellen musste, war, dass ich irgendwie den falschen Bachelor-Studiengang begonnen hatte und dies erst im zweiten Studienjahr bemerkte. Hinzu kam, dass es in meiner Stadt keine Universität mit einem Mathematikstudium gab und ich meiner Familie nicht zumuten wollte, in eine andere Stadt zu ziehen und sie zu bitten, mein Studium zu finanzieren.  Ich konnte diese Schwierigkeit nur überwinden, weil mir einer meiner Mathematikprofessoren während des Bachelorstudiums erzählte, dass es in Triest einige Stipendien für Masterstudierende gab. Nach Bestehen einer Aufnahmeprüfung hatten die Studierenden die Möglichkeit, an einem speziellen Lehrplan teilzunehmen, mit Kursen sowohl von Professoren der Universität Triest als auch von Professoren der Internationalen Hochschule für fortgeschrittene Studien (SISSA/ISAS). In diesem Jahr gab es nur 6 Master-Stipendien: Um eines zu erhalten, mussten die Studierenden eine schriftliche Aufnahmeprüfung mit einer Mindestpunktzahl bestehen und sich anschließend einer mündlichen Prüfung unterziehen. Die Kandidaten, die genügend Punkte erreichten, wurden dann in eine endgültige Rangliste aufgenommen, und die ersten 6 erhielten das Stipendium. Darüber hinaus mussten diese 6 Studenten in jeder Prüfung mindestens die italienische Entsprechung einer 2 erreichen und einen Notendurchschnitt von 1 halten. Ich hatte das große Glück, dass mir 3 verschiedene Mathematiker an meiner Bachelor-Universität halfen, indem sie mir vorschlugen, was ich lesen und lernen sollte, um meine Lücken zu schließen und mich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur drei Vorlesungen in Real- und Vektoranalysis für Ingenieure, eine Vorlesung in grundlegender komplexer Analysis und eine Grundvorlesung in linearer Algebra besucht. Ich musste mir Algebra und Topologie selbst beibringen und alle Lücken in Analysis und grundlegender Funktionsanalyse selbst schließen. Und das tat ich, während ich gleichzeitig für meinen Bachelorabschluss lernte. Glücklicherweise schaffte ich das und erhielt eines der sechs Stipendien. Trotzdem war mein erstes Jahr als Masterstudent der Mathematik sehr schwer: Ich musste eine neue Herangehensweise an Probleme lernen und viel mehr Prüfungen ablegen als meine Kommilitonen, um die notwendigen ECTS-Punkte zu erreichen, die ich in meinem Bachelorstudium nicht erreicht hatte. Auch in diesem Fall erhielt ich viel Unterstützung, sowohl von meinen Lehrern als auch von meinen Freunden in Triest: Wir lernten zusammen, tauschten Notizen aus und halfen uns gegenseitig sehr.

4. Nach Abschluss Ihrer Promotion sind Sie für ein dreijähriges Postdoktorat in die Vereinigten Staaten gezogen und dann nach Europa zurückgekehrt, wo Sie sich in Österreich niedergelassen haben. Wie haben Sie Ihren Auslandsaufenthalt erlebt? Wie wichtig war diese Erfahrung für Ihre Forschung?

Meiner Erfahrung nach ist ein Auslandsaufenthalt immer eine Herausforderung, vor allem für einen selbst: Man ist gezwungen, seine Paradigmen zu überdenken und sich mit neuen Kulturen und neuen Ansätzen auseinanderzusetzen. Aus diesen Gründen ist es auch eine äußerst bereichernde Erfahrung: Nach einem Auslandsaufenthalt sieht man seine Arbeit und auch sein Leben aus einer ganz anderen Perspektive. In meinem Fall war es insgesamt eine sehr positive und auch eine äußerst wichtige Erfahrung. Ich hatte das Glück, zwei großartige Postdoktoranden-Mentoren zu finden, die mich als Forscherin wirklich geprägt haben. Meine Mentorin in den USA ist ein Vulkan voller Ideen: Sie ist immer voller Energie und bereit, sich mit einem neuen Problem zu beschäftigen, während sie gleichzeitig die Literatur genau im Auge behält. Von ihr habe ich gelernt, dass wir manchmal unsere Komfortzone verlassen und uns trauen müssen, uns auf ein neues Projekt einzulassen oder mit Kollegen zu sprechen, mit denen wir noch nie gesprochen haben. Mein Mentor in Wien ist ein wirklich begeisterter Forscher: Die Zusammenarbeit mit ihm hat mich daran erinnert, dass wir diesen Beruf gewählt haben, weil er uns Spaß macht und wir ihn mit Leidenschaft ausüben.

5. Würden Sie empfehlen, für eine Weile ins Ausland zu gehen? Wie lässt sich der Auslandsaufenthalt mit der Work-Life-Balance vereinbaren?

Ich würde einen Auslandsaufenthalt empfehlen, wenn dies gut zu Ihren anderen persönlichen Entscheidungen passt. Meiner Erfahrung nach gibt es keine Patentlösung für das Problem der Doppelbelastung: Manchmal kann ein Auslandsaufenthalt schwierig sein, zahlt sich aber in Bezug auf zukünftige Beschäftigungsmöglichkeiten aus. Es ist eine komplexe und wichtige Entscheidung, und nur jede*r Forschende kann individuell entscheiden, ob dies das Richtige für sich ist.

6. Welchen Rat würden Sie Menschen geben, die eine akademische Karriere anstreben?

Ich würde empfehlen, über den Tellerrand hinauszuschauen und mit vielen Menschen zu sprechen, die bereits in der Wissenschaft tätig sind, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie dieses Leben aussehen könnte und ob es für Sie geeignet ist. Ich würde auch empfehlen, bei Schwierigkeiten nicht aufzugeben und sich nicht zu scheuen, bei Bedarf um Hilfe oder Feedback zu bitten. 
 

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