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Köpfchen statt Handarbeit

Können Produktionsbetriebe auch in Ländern mit hohen Lohnkosten wirtschaftlich sein? Ja, wenn man die Technologieführerschaft übernimmt. Ein Beispiel dafür ist eine neue Faserkunststoff-Technologie, entwickelt an der TU Wien.

Eine Trommel aus Carbonfasern

Eine Trommel aus Carbonfasern

Eine Trommel aus Carbonfasern

Eine Trommel aus Carbonfasern

Die T-Shirts, die wir tragen, werden großteils in fernen Ländern genäht, und auch die Handys in unseren Hosentaschen werden nicht in Österreich produziert. Man könnte beinahe versucht sein, die Abwanderung von Produktionsbetrieben in Länder mit niedrigeren Lohnkosten für ein unverrückbares ökonomisches Gesetz zu halten, doch das stimmt nicht.

„Gerade im Produktionsbereich ist es für uns in Europa wichtig, die Technologieführerschaft zu übernehmen. Dann ist es wirtschaftlich, hier bei uns zu produzieren“, sagt Richard Zemann vom Institut für Fertigungstechnik und Hochleistungslasertechnik der TU Wien. Ein Beispiel dafür ist eine neue Faserkunststoff-Technologie, die er mit österreichischen Firmenpartnern entwickelt hat.

Trommeln aus Hochleistungskunststoff
Das Unternehmen Alto Beat Drums stellt seit 16 Jahren nach Kundenwunsch Schlag- und Perkussionsinstrumente in Österreich her. Wie in vielen anderen Branchen spielen Hochtechnologiewerkstoffe auch im Instrumentenbau eine immer größere Rolle. „Kohlenstofffaser-Kunststoff-Verbunde haben ausgezeichnete akustische Eigenschaften, wenn man sie richtig einsetzt“, sagt Richard Zemann. Dünne, aber gleichzeitig steife Strukturen lassen sich damit herstellen, die ganz neue Möglichkeiten für den Instrumentenbau eröffnen.

Ein Problem war bisher allerdings, dass die Verarbeitungsmethoden extrem arbeitsintensiv waren. Der mit Kohlenstofffasern verstärkte Kunststoff muss in großen Druckbehältern bei hohen Temperaturen in Form gebracht werden. Damit sind viele aufwändige Arbeitsschritte verbunden, und das ist der Grund, warum auch die Faserverbundtechnik mittlerweile intensiv in Billiglohnländern zur Anwendung kommt.

Einfacheres, energiesparendes Herstellungsverfahren

„Unsere Chance ist die stetige Verbesserung der bekannten Verfahren und damit die Aufrechterhaltung der Technologieführerschaft“, ist Richard Zemann überzeugt. Mit dem Herstellungsverfahren, das er mit seinem Team entwickelt hat, kann man in Österreich zu Preisen produzieren, die weltweit konkurrenzfähig sind.
 
Es gelang, aus einer speziellen Kombination von Werkstoffen Formen herzustellen, in denen die Faserkunststoffe gepresst und ausgehärtet werden können. Dadurch ist kein Druckbehälter mehr nötig, der gesamte Herstellungsprozess wird viel einfacher. Das neue Verfahren basiert auf einer Technik, die von der Firma APEX entwickelt worden war – einem Spin-off der TU Wien. „Wir reduzieren nicht nur Personal- und Energiekosten, sondern können auch auf Hilfsstoffe wie Vakuumfolien, Dichtbänder und Absaugvliese verzichten“, sagt Zemann.

Mehr Technologie für europäische Arbeitsplätze
Dass mit solchen technologischen Fortschritten bloß Arbeit vom Menschen zu Maschinen verlagert wird, glaubt Zemann nicht: „Neue Produktionstechnologien nehmen uns nicht bloß Arbeit ab, sie schaffen auch neue Arbeitsplätze“, ist Zemann überzeugt. „Wer mit Blick auf die zunehmende Automatisierung der Industrie vor steigender Arbeitslosigkeit warnt, hat etwas Wichtiges übersehen: Unsere Chance in Europa ist mehr Technologie – nicht weniger.“

Nähere Informationen:
Dipl.-Ing. Richard Zemann
Institut für Fertigungstechnik und Hochleistungslasertechnik
Technische Universität Wien
Adolf Blamauerg. 1-3, 1030 Wien
T: +43-1-58801-31165
richard.zemann@tuwien.ac.at