Gerrit Spitzbart

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Januar 2026

Vor meiner Anreise zum DTU Campus nördlich des Polarkreises in Sisimiut, Grönland, gab es für alle Teilnehmer des „Arctic Semester“ bereits mehrere Online-Meetings zur Einführung und Ablauf des Semesters, um sicherzustellen, dass auch jeder weiß, worauf er sich einlässt. Sisimiut ist zwar die zweitgrößte Stadt Grönlands, dennoch wohnen hier nur rund 5.500 Einwohner, welche einer ganz anderen Lebensweise folgen.

Anfang Januar gab es einen verpflichtenden Online-Sicherheitskurs als kurze Einführung, wie man sich in der Arktis verhält, welche Risiken und Gefahren auf einen warten und wie man sich am besten darauf vorbereitet, bei bis zu –25 °C jeden Tag zur Uni zu gehen.

Abflug war Mitte Januar. Über Kopenhagen kommt man nach Nuuk, Hauptstadt Grönlands, von wo es schließlich mit einem kleineren Flugzeug nach Sisimiut weitergeht. In Nuuk wartete bereits die erste Überraschung: „Der Anschlussflug nach Sisimiut ist aufgrund zugefrorener Landebahn gestrichen.“ Zu acht, ich und sieben Kollegen, die denselben Flieger nahmen, haben also einen Zwischenstopp in Nuuk gewonnen. Eine Nacht, einen Stadtspaziergang, einen Besuch im Greenland National Museum and Archive und 30 Stunden später kamen wir dann doch in Sisimiut an, wo wir um 9 Uhr abends von den ersten Polarlichtern begrüßt wurden.

Die erste Woche bestand aus einem Einführungskurs mit Vorträgen über die Kultur, Geschichte und das Leben in Grönland, sowie einem abgespeckten Lawinenkurs, welcher die Basics abdeckt. Abgeschlossen wurde die Einführungswoche mit einer 6km- Wanderung und Übernachtung in Sisimiuts „Backcountry“, bevor es im Februar mit der ersten Lehrveranstaltung losgeht. Mit Zelt, Gaskocher und Lawinenausrüstung wurde für einen Schlafplatz und Essen gesorgt, während zwischendurch die Theorie des Lawinenkurses mit Praxisübungen geübt wurde. 

Kommt man in Grönland mit einem Flug über die endlos scheinende Eisdecke an, merkt man sofort, man ist in einer anderen Kultur.  Die Städte sind extrem weitläufig und die Straßen werden sowohl mit Autos als auch mit ATVs und Fahrzeugen mit Kettenantrieb befahren. Außerhalb der Stadt gibt es einen eigenen Stadtteil, wo sämtliche Schlitten- und Jagdhunde gehalten werden, genannt „Dog Town“. Rund 2000 Hunde nennen diesen Stadtteil Sisimiuts ihr Zuhause.

Polarlicht
Winterlandschaft
Flugzeug
Hundeschlitten
Winterlandschaft
Zelten im Schnee

Februar 2026

Im Februar hat nun die erste Lehrveranstaltung begonnen. Aufgrund der abgelegenen Lage ist die Uni hier ganz anders organisiert. Da die Professor_innen alle vom DTU-Campus in Lyngby (nördlich von Kopenhagen) nach Sisimiut eingeflogen werden, sind die Lehrveranstaltungen sind in 3-wöchige Kurse geblockt. Dementsprechend wird der Lehrplan auch im Vorhinein festgelegt. Macht bei 30-40 Student_innen auch keinen Sinn eine riesige Auswahl an Kursen zur Verfügung zu stellen. In Form von Gruppenarbeiten werden Projekte ausgearbeitet und am Ende präsentiert, dabei durfte sich meine Gruppe zum Beispiel mit Bergbau und Minen in arktischen Regionen beschäftigen. Auch Exkursionen und Feldarbeit bei Minusgraden, wie etwa Probebohrungen im Eis, stehen am Programm. Es heißt also stets „warm anziehen“, denn egal ob strahlend blauer Himmel oder wie Ende Februar bei Blizzard ähnlichen Wetterverhältnissen mit Schneefall, Windböen bis 70km/h und -38°C geht’s zu Fuß zur Uni.

Natürlich gibt es außerhalb der Uni auch stets was zu tun. Mit nur rund 40 Kolleg_innen an der Uni lernt man alle schnell kennen und wächst wie eine große Familie zusammen. Aufgeteilt sind wir alle auf zwei Studierendenheime mit großen Gemeinschaftsräumen für abendliche Zusammenkünfte nach der Uni und Balkonen mit Blick auf Grönlands Berge, Buchten und Fjorde zum Entspannen.

An Angeboten für freizeitliche Aktivitäten mangelt es ebenfalls nicht. Zwei große Sporthallen für lokale Sportvereine wie Fußball, Tischtennis, Crossfit und mehr bieten zusätzlich zu den etlichen Crosscountry Skitracks (Langlaufloipen) in und um die Stadt herum für ausreichend Programm unter der Woche, während am Wochenende Mehrtageswanderungen in Grönland Backcountry angepeilt werden. Die umliegenden Gipfel, Palasip Qaqqaa und Nasaasaaq, wurden natürlich die ersten Opfer unseres Gipfelfiebers. Der Ausblick über die Fjorde und endlosen schneebedeckten Bergketten ist unvergesslich, unvergleichbar und atemberaubend. Ski und Snowboard sind ebenfalls regelmäßig Teil der Ausrüstung, denn die weißen Hänge bieten die perfekten Pistenverhältnisse, um schneller in ins Tal hinunterzukommen.

Die unzähligen öffentlich zugänglichen Hütten, verstreut in den Tälern und Jagdgebieten der Inuit werden ebenfalls schnell zu beliebten Wanderzielen. Als erstes haben wir die UFO-Hut in Visier genommen. Ausgerüstet mit Steigeisen, Schlafsäcken für Temperaturen bis zu -22°C und Campingkocher geht es durch Schneelandschaften und über zugefrorene Seen zum First Fjord. Überholt werden wir am Weg dorthin natürlich von etlichen Schneemobilen und Hundeschlitten. Die Polarlichter lassen nachts ebenfalls nicht lange auf sich warten.

All die Anstrengungen und Errungenschaften müssen selbstverständlich auch gebürtig gefeiert werden. Mit einer bunten Mischung an Nationalitäten gibt es auch stets Feiertage und Events, die nach Partys rufen. Nach Tradition mit Jello Shots und BBQ zum Superbowl und handgemachten Dumplings zum chinesischen Neujahr werden die Wochenenden abgerundet. Ist nach all dem Feiern spätabends noch Zeit geht es auch öfters in die DIY-Hot-Tub mit anschließender Abkühlung im Schnee.

Hafen

Sisimiuts Hafen im Winter

Schneebedecke Landschaft, Studierende

Probebohrungen im Eis

Schneebedeckte Berge

Blick auf die endlosen schneebedeckten Gipfel Grönlands

Berggipfel, Fahne

Ausblick vom Gipfel des Palasip Qaqqaa

Berge

Luftaufnahme vom Nasaasaaq Bluff Trail

Berge

Bergsteigen am Nasaasaaq Bluff trail

Berge, Snowborder

Snowboarding am Nasaasaaq

Fjord, Leute

Wandern entlang Grönlands Fjorden

UFO-Hut, Polarlicht

Übernachtung in Grönlands Backcountry in der UFO-Hut

Studierede am Tisch

Dumplings zum chinesischen Neujahr

Leute im Hot-Tub

Selbstgebastelte Hot-Tub bei -20°C

März 2026

Weiter geht es direkt mit den KTI Wintergames, einer Sportveranstaltung bei der alle Schüler_innen und Studenten_innen Sisimiuts, sei es Volkschule oder Uni, in verschiedenen Disziplinen antreten. Dabei steht Human Dogsledging, Schneeturm bauen, Schlittenbowling und weitere Sportarten am Plan.  Am Abend wird alles natürlich wieder abgerundet mit einer kleinen Party, die im Culture Center mit Karaoke endet.

In der Uni geht es dann mit etwas Meteorologie und Lawinen Risiko Analysen weiter. Sämtliche Theorie wird schließlich wieder mit Praxisübungen im Freien vervollständigt. Jetzt heißt es also Schneegrube schaufeln. Um größere Gebiete auf Lawinenrisiko untersuchen zu können, wird mit Drohnen das Areal abfotografiert und später mit Photogrammmetrie modelliert um mögliche Strategien zur Schadensminderung wie Rückhaltedämme oder Lawinenverbauungen zu simulieren.

Jedes Jahr gibt es von der Uni auch kleiner Communityprojekte rund um Sisimiut. Dieses Jahr wird eine runde Picknick-area mit Platz für ein Lagerfeuer in der Mitte und Blick auf den Fjord errichtet. Material und Arbeitskräfte müssen natürlich auch irgendwie über Eis und Schnee zum Zielort gelangen. Hier kommt der ATV zum Einsatz. Mit Schlitten angehängt wird Material und Mannschaft transportiert. Bei der Rückfahrt wird das Steuer für den ATV dann an uns übergeben.

Jedes freie Wochenende wird selbstverständlich wieder mit Camping Trips verplant. Im Norden darf ein Schneemobil ebenfalls nicht fehlen, weshalb sich auch einige schon eines zugelegt haben. Kürzere Schneemobil Ausflüge und Fahrten schaffen es dann auch schnell auf die To-Do-List.

Gegen Ende März beginnen schließlich erste Vorbereitungen für eines der größten Events in Sisimiut. Am letzten März Wochenende steht das Arctic-Circle-Race (ACR) am Plan. 160km Langlaufen über 3 Tage in Grönlands Backcountry. Etliche Volunteers, darunter auch Kollegen aus der Uni, werden mobilisiert, um das Basecamp in den Bergen zu errichten. Gestartet wird in Sisimiut und dann geht es am ersten Tag 50 km Inland bevor man in der Abenddämmerung im Camp ankommt, auf Gaskochern sein Abendessen zubereitet und nach einer kurzen Massage sich ins Zelt verkriecht und versucht ein paar Stunden Schlaf zu ergattern. An Tag 2 wird schließlich alles wiederholt nur mit 60 km, bevor man an Tag 3 schließlich wieder Richtung Sisimiut aufbricht. Insgesamt war ich über 20 Stunden auf den Ski und hab rund 4000 Höhenmeter auf und ab überwunden, um schlussendlich stolz im Ziel anzukommen und meine Urkunde als Teilnehmer des „world’s toughest skirace“ abholen zu dürfen. Für alle Teilnehmer und Volunteers wartete am nächsten Tag dafür noch ein Gala Dinner mit Caribou Steak und Moschusochsen Medallions.

Winterspiele

KTI Wintergames, Human Dogsledging

Winterspiele

KTI Wintergames, Schlittenbowling

Menschen in einer schneebedeckten Landschaft

Fieldwork im Schnee

Leute, Probebohrungen im Eis

Probebohrungen im Eis

Schneemobilfahrt

Schneemobilfahrten

Snowboarden

Snowboarden in Grönland

Basecamp im Schnee

ACR Basecamp

Bergtour im Schnee

ACR Track

Leute, schneebedeckte Landschaft

ACR Trinkstation

April 2026

In den Osterferien ging es gleich Schlag auf Schlag weiter mit einem „großen“ Event. Das vier Tage lang andauernde Arctic Sounds Festival wird jährlich in Sisimiut gehalten. Auf zwei Bühnen wurde Musiker_innen aus Alaska, Kanada und Skandinavien eine Bühne geboten. Neben Konzerten gab es auch noch einige Workshops mit Künstler_innen sowie ein atemberaubendes Freiluftkonzert in den Bergen. Um dorthin zu kommen, brauchten wir jedoch Schneemobile oder ATVs, sollte man nicht die zweistündige Wanderung hin und zurück auf sich nehmen wollen. Zusätzlich gab es die Möglichkeit für uns als Volunteers zu arbeiten. Ich verbrachte zwei Abende/Nächte hinter der Bar und durfte mit Sicht auf die Bühne Bier ausschenken. Als „Bezahlung“ erhielten alle Volunteers freien Eintritt zum Festival sowie gratis Merch und ein weiters Abschlussdinner mit Buffet á la Grönland.

Die Uni darf natürlich auch nicht vergessen werden. Mit Projekten aus der Gegend haben wir mit Wetterdaten und topografischen Landschaftsmerkmalen Lawinenrisikozonen ermittelt und mögliche Mitigationsstrategien entwickelt.

Als nächstes stand dann Permafrost auf der Kursliste. Für diese Lehrveranstaltung erhielten wir wieder Zuwachs aus aller Welt, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben oder wollen. Nach einer kurzen Einführungswoche in das Thema stand dann auch schon eine große Exkursion auf dem Plan. Freitags machten wir uns auf dem Weg zum Flieger nach Kangerlussuaq, einem Ort mit rund 400 Einwohner_innen, welcher vor der Eröffnung des Flughafens in Nuuk Grönlands internationaler Flughafen war und bis in die 90er als Militärstützpunkt und Flughafen des US-Militärs diente. Unsere Aufgaben waren hier mittels Bohrlöcher die Permafrostverhältnisse und den Temperaturgradienten des Bodens zu untersuchen. Nach zwei Tagen Feldarbeit am Flughafen selbst ging es dann aber auch weiter ins Inland, bis zum Eisschild Grönlands, um genau zu sein. Über eine Schotterstraße ging es zwei Stunden an Caribous (wilde Rentiere), Polarhasen und Moschusochsen vorbei zu den Gletscherfronten, wo wir dann rund 20 Minuten hatten, um den Eisschild zu erkunden, bevor es wieder mit Zwischenstopps an geologischen Landschaftsformen zurück nach Hause ging.

Mittlerweile zeigten sich auch Vorboten des Sommers in Grönland. Temperaturen erreichen die Plusgrade und die Schneedecken werden dünner mit jedem Tag. Demnach wurde jetzt nochmal jeder schöne Tag ausgenutzt, um Wintersport jeder Art nachzugehen. Nochmal schnell Skitouren gehen in den Bergen, Eisklettern an kleineren Eiswasserfällen, Schneemobil fahren und Hundeschlitten fahren, bevor es zu spät ist.

Ist man aber nicht die oder der größte Wintersportler_in kann man natürlich auch, sobald der Hafen nicht mehr eingefroren ist, Bootstrips machen, oder einfach bei Sonnenschein ins arktische Meer auf eine kurze Abkühlung springen. Mit dem Boot ging es dann raus aufs Meer und hinein in die Fjorde rund um Sisimiut. Eisberge inmitten von kleineren Inseln, atemberaubende Küstenformationen und ein kleines verlassenes Fischerdorf waren die Ziele der Bootsfahrt. Am Rückweg gab es dann spontan noch einen weiteren Stopp als sich plötzlich ein Buckelwal in der Ferne zeigte. Ein gelungener Ausflug, um einmal dem Festland zu entwischen.

Leute, schneebedeckte Landschaft

Arctic Sounds Open Air Konzert

Permafrost Bohrungen

Permafrost Bohrungen am Flughafen Kangerlussuaq

Landschaft

Kangerlussuaq

Rentiere

Caribou

Eisschild, Mensch

Grönlands Eisschild

Leute, schneebedeckte Landschaft

Luftaufnahme vom Eisschild

Schneebedeckte Landschaft

Gletscherfronten von Grönlands Eisschild

Eisberg

Eisberg

Eisklettern

Eisklettern

Hundeschlitten

Hundeschlitten fahren in Grönland

Verlassenes Fischerdorf

Assaqutaq - verlassenes Fischerdorf

Mai 2026

Nach und nach taut Grönland auf und es zeigen sich erste Blumen und Gräser. Mit der Schneeschmelze kommt jetzt erstmal die Frühlingsflut. Sämtliche Straßen im Ort sind geflutet und beim Wandern ist der Boden ebenfalls voll mit Wasser. Vom Campen hält das einen trotzdem nicht ab. 

Kommt der Frühling erstmal an folgt auch die Fauna. Polarfüchse, Hasen, Adler und Wale sieht man überall rund um Sisimiut. Wirklich grün ist Grönland zwar immer noch nicht, aber es ist dennoch eine willkommene Abwechslung zu all dem Schnee. 

Mit 20 Stunden Sonnenschein bieten sich jetzt neue Möglichkeiten seine Zeit zu verbringen. Entlang der felsigen Küste sind Klettersteige zum Felsklettern montiert an denen man bis tief in die Nacht mit Tageslicht die Natur genießen kann. 

Auch die Angelsaison ist endlich da. Mit etwas wärmeren Wassertemperaturen kommen die Fische näher zur Küste und die Seen im Inland tauen auch auf. Mit dem Bike, Angel   und Bier im Gepäck geht’s Richtung Wasser, um für Abendessen zu sorgen. 

Die Uni läuft nebenbei ebenfalls immer mit. In Gruppen wird der Permafrost in Grönland untersucht und anhand verschiedener Projekte die Auswirkungen auf Infrastruktur dargestellt. Präsentiert werden die Projekte, welche von Stromversorgung bis Tsunamis, verursacht durch Erdrutsche, reichen, im Kulturcenter („Taseralik“).

Nach und nach reisen aber auch schon die ersten Kollegen ab, die nicht alle Lehrveranstaltungen des Arctic Semesters besuchen. Um gebürtig Abschied zu feiern, gibt’s Beachpartys an einem der Sandstrände mit Lagerfeuer und frisch gefangenem Fisch. 

Die Lichtverhältnisse sind zwar großartig für Outdoor-Aktivitäten. Will man dann aber doch mal schlafen gehen wird’s doch irgendwann nervig, wenn dir um drei Uhr in der Früh die Sonne ins Gesicht lacht. Nicht mehr lange und die Sonne kreist 24 Stunden 7 Tage die Woche über den Himmel.

Landschaft

Wanderrouten in Grönland

Landschaft, Touristen

Noch mehr campen in Grönland

Felsklettern

Felsklettern bis 2 Uhr in der Früh

Küste

Grönland Küste im Sommer

Fischer, Küste

Fischen entlang Görnlands Küste

Strand

Sandstrand in Sisimiut