Studying abroad - blogs

Lund, Winter Semester 2020/21

Michael Wetterauer

(This blog is available in German language only)

August / September 2020

Lange stand für mich nicht fest ob ich meinen Erasmus Aufenthalt in Schweden antreten werde. Die Planungen liefen zwar kontinuierlich weiter und der Start-Termin rückte immer näher, aber vor allem das Infektionsgeschehen in Schweden ließ mich lange an der Reise zweifeln. Doch nachdem der Flug gebucht war gingen die letzten Wochen in Mitteleuropa schneller vorbei als gedacht und ich fand mich, zusammen mit meiner Freundin, mit der ich noch ein paar Tage Urlaub in der neuen Heimat machen wollte, am Flughafen Kopenhagen wieder.

Beim Kaufen des Zug Tickets für die Öresund Brücke nach Schweden und weiter nach Lund wies uns ein Angestellter des Flughafens, einfach so auf einen Trick hin, um etwas Geld zu sparen. Wir waren einigermaßen überrascht und dachten uns das wäre in Wien wohl nicht passiert. Der Einzug in die von der Lund University zur Verfügung gestellten, traditionell schwedisch (von Ikea) eingerichteten Wohnung, lief sehr professionell ab. Nachdem wir von unserem Mittagsschlaf aufwachten stellte sich heraus, dass mein Mitbewohner ebenfalls Maschinenbau an der TU Wien studiert. Das kennenlernen war dementsprechend einfach und wir wurden am Abend in eine der von Studenten organisierten Nations-Bars mitgenommen.

Grundsätzlich wird das Studentenleben, außerhalb der Universität, in Schweden von den Nations organisiert. Diese kann man sich ähnlich der Fachschaft vorstellen, nur das die Events in der Regel deutlich größer und häufiger sind und sich die Mitglieder der Nations unabhängig von der Studienrichtung zusammensetzen. Lediglich die Erstsemester-Wochen werden unabhängig von den Nations organisiert.

Diese sind übrigens Grund genug sich für das Wintersemester zu entscheiden, denn wenn man erzählt, dass man im Wintersemester in Schweden studiert bezieht sich die erste Reaktion oft auf die erwartete Temperatur und die Sonnenstunden. Die Erstsemester- Wochen verbringst du zwar am Campus aber nicht mit Lernen. Du wirst gefühlt jeden Tag mit teilweise ziemlich witzigen Challenges gegen andere Gruppen und sonstigen Aktivitäten (Bier-Wanderung, Slip&Slide …) beschäftigt und die Korridor-Partys, die dich an den Film Project-X erinnern werden, geben dir das Gefühl wieder 16 zu sein. Wie das mit der Corona Pandemie zusammenpasst und was die roten Overalls zu bedeuten haben erkläre ich euch im nächsten Beitrag.

[Translate to English:] Menschen auf dem Strand
[Translate to English:] Menschen im Meer
[Translate to English:] Gesichter
[Translate to English:] Leute auf einer Rutsche
[Translate to English:] Leute vor einem Gebäude

Oktober 2020

Die roten Overalls werden an alle Studenten der LTH vergeben. Sprich alle Studierenden der Technischen Hochschule der Universität Lund. Das bedeutet, dass in den Erstsemester- Wochen, die abhängig von deiner Studienrichtung zwischen zwei und sechs Wochen dauern, sich auf dem ganzen Campus Studenten in Overalls verschiedener Farben herumtreiben und sich eine Art Festival-Stimmung einstellt. Es läuft überall Musik, es wird zu Markus Becker und den Mallorca Cowboys getanzt und eigentlich geltende Regeln zum öffentlichen Alkoholkonsum in Schweden kollektiv ignoriert. Die meisten Overalls sind rot, die Farbe der Maschinenbauer und je nachdem wie viele Patches auf dem Overall aufgeklebt sind kann man erkennen wie lange oder intensiv der jeweilige Träger bereits studiert, denn nach  jedem Event erhält man einen liebevoll designten Patch.

Was dabei nicht zu kurz kommt sind die Corona Maßnahmen, die es auch hier gibt, nur eben etwas anders. Masken müssen nicht getragen werden, dafür werden Gruppen konsequent bei allen Veranstaltungen getrennt. Das Prinzip scheint bis jetzt gut aufzugehen, wobei die schwedische Disziplin, ein grundsätzlich größeres Vertrauen in den Staat sowie flächenmäßig mehr Platz und die Angewohnheit die meisten Strecken mit dem Fahrrad zu fahren dem Ganzen zu Gute kommen.

Im Oktober geht es dann auch schon mit den Prüfungen los, nachdem das Semester in Schweden schon rund einen Monat früher startet. Das Semester ist in zwei Perioden aufgeteilt und im Normalfall hast du in jeder Periode zwei Kurse a 7,5 ECTS. Die Arbeiten, die du für einen Kurs zu erledigen hast sind deutlich praktischer ausgerichtet. Zumindest die Kurse, für die ich mich interessiert habe, hatten eine praktische Komponente, die nicht unerheblich für die Notenfindung war, oder bestanden gänzlich aus einem Projekt. Auch für Aktivitäten wie Engagement bei der Formula Student gibt es hier Kurse und dementsprechend ein paar Zähler auf dein ECTS-Konto. Ich selbst habe mich in der ersten Periode für den Kurs: Product Innovation (MMKN35) und einen schwedischen Sprachkurs (EXTA24) entschieden. Der Product Innovation Kurs bestand aus einem Projekt, bei dem wir in Gruppen von 5-6 Studenten für ein schwedisches Unternehmen eine ergänzende Lösung zum bestehenden Produktportfolio entwickeln, präsentieren und rechtfertigen sollten. Auf jeden Fall zu empfehlen, falls du dich für einen Aufenthalt in Lund bewirbst.

Gerade auch in der Lernphase von Vorteil, weil du deinen Tag nie danach planen musst, sind die Öffnungszeiten der Supermärkte. Diese haben meistens von 7:00 bis 22:00 Uhr oder länger offen und das Montag bis Sonntag. Das Einkaufen gehen ist also einfach. Das nach Hause kommen danach ist allerdings oftmals ernüchternd, wenn man überlegt was man für die Euros bekommen hat, die man gerade ausgegeben hat. Mich überkommt dann öfters das Gefühl betrogen oder ausgeraubt worden zu sein. Es ist aber durchaus möglich, wenn man sich etwas anpasst, sich ohne drohende Privatinsolvenz ausgewogen zu ernähren. Angebote sind nämlich wirklich Angebote. Man bekommt z.B. ein Kilo frischen Lachs für 99 SEK, was ungefähr 10€ entspricht und womit du genug Lachsnudeln machen kannst für dich und deine spanischen, italienischen oder niederländischen Freunde im Student Housing.

Im nächsten Eintrag erfahrt Ihr mehr über die Sehenswürdigkeiten und Sightseeing- Möglichkeiten in und um Lund/Schweden. Ein paar erste Bilder dazu und zum Abschluss-
 
Event der Erstsemester-Wochen, weshalb du ein Abendkleid oder Anzug mitnehmen solltest, kannst du dir jetzt schon ansehen.

[Translate to English:] Studierende vor einem Gebäude
[Translate to English:] Man in einer Veranstaltung
[Translate to English:] Meer mit Himmel
[Translate to English:] Gebäude
[Translate to English:] Kleinstadt am Meer

November 2020

Spätestens im November haben sich die meisten Austausch-Studenten in mehr oder weniger großen Freundesgruppen zusammengefunden und bereits den einen oder anderen Ausflug unternommen. Wir (ca. 15-20 Studenten aus Schweden, Spanien, Holland, Italien, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich) waren bis jetzt in unterschiedlichen Konstellationen in Stockholm, Kopenhagen, Helsingborg, Malmö, Torekov, Mölle, Falsterbo und Ystad. Für Städte-Trips wie Stockholm oder Kopenhagen bietet es sich an mit dem Zug anzureisen, da die Tickets sehr günstig sind (30€ Stockholm hin und zurück – jeweils 5h Fahrtzeit) und in der Regel bequem mit der Skånetrafiken App gebucht werden können.
Tipp: buchst du ein Ticket in der App für mindestens zwei Personen gibt es immer 25% Preisnachlass. Alles zusammen zu fassen würde etwas den Rahmen sprengen. Eines der Highlights für mich war auf jeden Fall Stockholm, obwohl ich mit Handschuhen, zwei Pullis, zwei Jacken und Schaal bei 5 Grad Plus gefroren habe zwei Tage. Es gibt einige coole View- Points z.B. Skinnarviksberget, wo du dir teilweise vor 15:00 anschauen kannst wie die Sonne untergeht. Die Sonne senkt sich schon vor 12:00 wieder und steigt bis dahin auch nicht wirklich hoch. Die Farben beim Sonnenuntergang sind deutlich weniger rötlich und mehr lila
- lohnt sich. Eine Boottour um die Insel Södermalm solltest du einplanen und das Fotografiska Museum ist einen Besuch wert. Badesachen nicht vergessen und immer wetten abschließen. Du bist auch nicht der einzige, falls es dich trifft. Vom Boot aus wirst du auch im November noch ein paar Schwimmer sehen. Die von ESN angebotenen Trips solltest du dir auf Facebook anschauen und die Kanutour buchen - absoluter Hit. Falsterbo ist auch ein lohnenswertes Ziel. Wenn ihr früh da seid seht ihr Robben, als wir da waren war es so leise wie in der Wüste – kein Wind, weniger Wellen als in der alten Donau und absolute Menschenleere.

Zum Abschluss noch ein paar aus dem Kontext gerissene Tipps: Mach dir keine Sorgen über den elitären Ruf der LTH, wenn du die TU Wien überstehst solltest du hier im Normalfall keine Probleme haben. Die Kursbücher, die du brauchen wirst solltest du dir gleich zu Beginn bei der Bibliothek holen, sonst wird’s eventuell teuer. Auch dein Fahrrad brauchst du im Prinzip ab Tag 1. Die besten Deals schießt du über Facebook-Gruppen. Das Pendant zu Willhaben heißt Blocket wird aber deutlich weniger benutzt.

[Translate to English:] Stadt
[Translate to English:] Gebäude
[Translate to English:] Fluss und Bäume
[Translate to English:] Strand
[Translate to English:] Leute auf einem Berg

Dezember 2020

Im Dezember ist es ruhiger geworden in Lund. Ein Großteil der Studenten hat die Stadt in Richtung Heimat verlassen und in diesem Jahr – ohne einen Vergleich zu haben – wegen Corona und Quarantänebestimmungen gefühlt auch relativ früh. Die Stadt wirkt vor Weihnachten wie ausgestorben. Davor wurde viel zusammen gekocht, gegessen und gelernt (schon auch getrunken natürlich). Auch ich war über die Feiertage kurz zu Besuch zu Hause. Die Ausreise stellte sich im Vergleich zu den angekündigten weitreichenden  Einschränkungen als relativ entspannt heraus an der Grenze. Jetzt sitze ich gerade am Flughafen und hoffe in zwei Stunden problemlos wieder nach Schweden einreisen zu können.

Begrüßt worden bin ich von Polizisten mit Gasmasken, die den Zug kontrolliert haben an der Grenze zu Dänemark. Es hat aber alles geklappt. Der Unterschied zwischen Lund und Wien was Sonnenstunden und die Helligkeit tagsüber angeht war erdrückend. Die meisten Abgaben waren schon vor den Feiertagen einzureichen, die Prüfungen sind fast ausschließlich in der zweiten Januarwoche und da du hier im Normalfall nur zwei Prüfungen hast ist das auch sehr angenehm und die Feiertage bieten wirklich Erholung. Auch weil Corona-bedingt die Öffnungszeiten für Bars etc. weiter eingeschränkt wurden (der König hat in der Zwischenzeit seinem Unmut Luft gemacht und ein Scheitern des schwedischen Corona-Sonderwegs bekanntgegeben), wurde viel Zeit im Dezember in der Bücherei verbracht und für Fußball schauen aufgewendet. Der einzig nennenswerte Ausflug war in den Nationalpark Stenshuvud. Wie die Bilder vermuten lassen zeichnet sich der Besuch in wärmeren Monaten neben einem angenehmen Spaziergang auch durch eine gute Badegelegenheit aus. Ein Miet-Auto ist empfehlenswert, weil die Verbindung öffentlich relativ lange dauert. Die letzten Erlebnisse und ein paar abschließende Tipps aus Lund warten im nächsten Eintrag auf euch.

[Translate to English:] Stadt
[Translate to English:] Baum
[Translate to English:] Wald
[Translate to English:] Strand
[Translate to English:] Himmel über Dächern

Januar 2021

Abschließend lässt sich sagen, dass es sich auf jeden Fall lohnt sich für ein Semester in Lund zu bewerben, wenn du glaubst, dass dir ein bisschen Abwechslung ganz guttut. Du wirst hier ein anderes Studieren als in Wien erleben, dass eher von Gruppenarbeiten, Projekten und dem lesen von Artikeln und Büchern geprägt ist als von Skripten, Berechnungen und Altprüfungen. Reflexion und kritisches Hinterfragen von Wissen wird in Lund schwerer gewichtet als das Berechnen von Beispielen. Lehrende kümmern sich hier sehr gut um dich und du wirst auch sonst bei allen Formalitäten von Wohnungssuche bis Kursanmeldung unterstützt von den Koordinatoren in Wien und Schweden. Problematisch kann die Versicherungssituation sein, wenn Schweden weiterhin als Risikogebiet geführt wird.

Dein Fahrrad, um das du nicht herumkommen wirst kriegst du am günstigsten über Facebook-Gruppen. Facebook und Whatsapp bieten auch ein gutes Angebot, wenn es ums Organisieren von Sportgruppen unter Studenten geht. Volleyball, Fussball, Bouldern oder Kiten es gibt für alles eine Gruppe. Das coolste Student Housing ist meiner Meinung nach Sofieberg. Spoletorp oder Sparta sind auch top. Die günstigste Bar ist die Ericssons Bar, teuer ists im Inferno. Falls die Nations im nächsten Semester wieder aufmachen werden hier Parties gefeiert, es gibt Lunch und Dinner oder es werden Pub Quiz organisiert. Ein TDC oder
„Tour de Champ“ ist ein Event, bei dem in jedem Zimmer eines Apartments von den Bewohnern ein Drink oder Landestypisches Essen konsumiert wird. Danach werden meistens Leute aus anderen Apartments eingeladen und es wird gemeinsam im Wohnzimmer  gefeiert. Englisch kannst du besser als die Kommilitonen aus Frankreich oder Italien also mach dir diesbezüglich keine Sorgen. Die angenehmsten Plätze zum Lernen sind das LUX und das Alpha, welches 24 Stunden offen hat. Willys ist der günstigere Supermarkt als ICA.

Die übrigen Tipps finden sich in den älteren Einträgen. Wir haben uns schon für das nächste Jahr zu einer Zusammenkunft in Schweden vereinbart. Es hat sich gelohnt. Die Bilder aus diesem Monat zeigen: Göteborg, Söderåsens Nationalpark, Sandhammaren.

[Translate to English:] Kathedrale
[Translate to English:] Hafen
[Translate to English:] Wald im Winter
[Translate to English:] Strand
[Translate to English:] Kirche
[Translate to English:] Leute im Wald