Die jüngste Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen zur verstärkten Verwendung flächentreuer Weltkartenprojektionen hat eine grundlegende kartographische Fragestellung erneut in die internationale öffentliche Diskussion gerückt. Die Darstellung der gekrümmten Erdoberfläche in einer Ebene ist grundsätzlich mit Verzerrungen verbunden. Keine Kartenprojektion kann Flächen, Winkel, Distanzen und Formen gleichzeitig und überall unverzerrt wiedergeben.
Die UN-Resolution empfiehlt daher die Verwendung flächentreuer Projektionen, darunter Equal Earth, insbesondere für Weltkarten, bei denen die korrekte Wiedergabe der relativen Flächengrößen von Ländern und Kontinenten von Bedeutung ist.
Besondere Aufmerksamkeit gilt in diesem Zusammenhang der Mercator-Projektion. Sie wurde 1569 von Gerhard Mercator entwickelt und besitzt aufgrund ihrer Winkeltreue wichtige Eigenschaften für die Navigation. Gleichzeitig führt ihre mathematische Konstruktion zu einer erheblichen Vergrößerung von Flächen in hohen geografischen Breiten. Für thematische Weltkarten oder Darstellungen, bei denen Flächengrößen miteinander verglichen werden sollen, ist sie daher in der Regel nicht geeignet.
Aus kartographischer Sicht sollte die Diskussion jedoch nicht auf einen Gegensatz zwischen „richtigen“ und „falschen“ Projektionen reduziert werden. Die Eignung einer Kartenprojektion ist immer in Bezug auf den jeweiligen Darstellungszweck zu beurteilen. Die Wahl hängt unter anderem vom geografischen Ausschnitt, dem Maßstab, der beabsichtigten Nutzung sowie davon ab, welche geometrischen Eigenschaften für die jeweilige Darstellung erhalten werden sollen.
Auf diesen Zusammenhang verweist auch die International Cartographic Association (ICA) in ihrem Fact Sheet Choosing World Map Projections – When Equal-Area Is Appropriate (and Why There Is No Single “Correct” Projection). Das Fact Sheet erläutert die Eigenschaften unterschiedlicher Weltkartenprojektionen und bietet eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für deren sachgerechte Auswahl.
Die UN-Resolution ist damit auch für die kartographische Ausbildung und die Vermittlung von Map Literacy von Bedeutung. Sie macht deutlich, dass Karten keine unmittelbaren Abbilder der geografischen Realität sind, sondern modellhafte Repräsentationen, deren Aussage wesentlich von methodischen und gestalterischen Entscheidungen beeinflusst wird. Die bewusste und zweckorientierte Wahl einer Kartenprojektion gehört zu diesen grundlegenden kartographischen Entscheidungen.
Fragen wie diese sind Teil von Forschung und Lehre im Bereich Kartographie an der TU Wien, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster. Studierende beschäftigen sich dabei nicht nur mit klassischen Themen wie Kartenprojektionen, kartographischer Gestaltung und Geovisualisierung, sondern auch mit aktuellen Entwicklungen wie interaktiven und mobilen Karten, Location Based Services, GeoAI und der Rolle von Karten als Schnittstelle zwischen Geoinformation und menschlicher Wahrnehmung.
Kartographie kann an der TU Wien im Rahmen des Studiums Geodäsie und Geoinformation, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster sowie auf internationaler Ebene im International Master in Cartography, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster vertieft studiert werden. Damit verbindet die Ausbildung grundlegende kartographische Konzepte mit aktuellen technologischen und gesellschaftlichen Fragestellungen.
Fernseh-Tipp: Unsere Kartographin Ester Scheck wurde am 07.09.2026 in der ORF-Sendung Studio 2 zum Thema interviewed: ORFon – UNO berät über neue Weltkarte, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster