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Von der Forschung in den Markt: Das neue Spin-off-Ökosystem der TU Wien

Die TU Wien hat in kurzer Zeit zentrale Bausteine für ein leistungsfähiges Gründungsökosystem geschaffen. Eine aktuelle Prozessanalyse beschäftigt sich mit der Wirksamkeit dieser Maßnahmen.

Zeichnung auf blauem Hintergrund. Person auf einer Raktete fliegt Richtung Mond. Leicht transparent. Dahinter ist ein Drohnenbild der TU Wien mit Umgebung zu sehen.

© stock.adobe.com 221287471, radoma, TU Wien/M. Heisler

Österreich investiert jährlich über 12 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Trotz dieses hohen Betrags entstehen an allen österreichischen Universitäten zusammen durchschnittlich nur rund 20 Spin-offs pro Jahr. Eine bescheidene Anzahl, denn allein die Ausgründungen der ETH Zürich übersteigen 25. Die österreichische FTI-Strategie 2030 hat daher das Ziel, eine Verdoppelung akademischer Ausgründungen zu erreichen. Für die TU Wien als eine der führenden technischen Hochschulen des Landes bedeutet das einen institutionellen Transformationsprozess weit über einzelne Fördermaßnahmen hinaus.

Eine studentische Analyse am Institut für Managementwissenschaften hat diesen Prozess im Rahmen der Lehrveranstaltung „Leading Strategic Change“ systematisch untersucht. Die Basis ihrer Arbeit sind Expert_inneninterviews mit Schlüsselakteur_innen des Ökosystems sowie eine komparative Analyse führender europäischer Forschungsuniversitäten. Hier die wichtigsten Ergebnisse:

Drei Säulen: Noctua, Spinoff Factory und i²c

Die TU Wien hat in nur zwei Jahren, von 2023 bis 2025, drei zentrale Initiativen auf den Weg gebracht, die gemeinsam die institutionelle Infrastruktur für Ausgründungen bilden.

Noctua Science Ventures, ein Joint Venture mit dem Risikokapitalgeber Speedinvest, schließt eine kritische Finanzierungslücke: den Übergang zwischen früher Forschungsphase und späteren Finanzierungsrunden – das sogenannte „Valley of Death“. Der Fonds ist bewusst als pan-österreichisches Instrument konzipiert und bindet weitere Partneruniversitäten ein.

Die Spinoff FACTORY fungiert als 100-prozentige Tochtergesellschaft der TU Wien und bietet Gründer_innen eine zentrale Anlaufstelle – einen One-Stop-Shop für operative Gründungsunterstützung, der das Problem fragmentierter Zuständigkeiten adressiert.

Das Innovation Incubation Center (i²c) wurde innerhalb dieses Gesamtsystems strategisch neu positioniert und bildet zusammen mit Noctua und der Spinoff Factory das Gründungsökosystem der TU Wien.

Die Geschwindigkeit dieser Umsetzung ist bemerkenswert: Laut der Analyse entspricht die rasche Implementierung der neuen Strukturen dem Muster internationaler „schneller Strukturbauer“ – Universitäten wie die ETH Zürich, die mit professionellen Transferstrukturen ihr Gründungspotenzial unmittelbar aktivieren konnten. Gleichzeitig ordnet die Studie die TU Wien insgesamt als „Kulturbauerin mit Elementen eines schnellen Strukturbauers“ ein: Die Strukturen stehen, doch die kulturelle Verankerung wird – vergleichbar mit den Erfahrungen des KIT oder der EPFL – noch vier bis sieben Jahre in Anspruch nehmen.

Was die Analyse zeigt: Kulturwandel als Schlüssel

Die Untersuchung macht deutlich, dass die strukturellen Grundlagen gelegt sind – der entscheidende nächste Schritt betrifft die Kultur. Die TU Wien hat begonnen, Innovation und Entrepreneurship nicht als optionale Ergänzung, sondern als zentrale Dimension einer technischen Universität im globalen Wettbewerb zu verstehen. An die Stelle eines reinen „Wissenstransfers“ tritt zunehmend ein bidirektionales Konzept des „Exchange“ – ein Austausch, bei dem auch Unternehmen Wissen und Technologien in die akademische Forschung zurückbringen.

Diesen Kulturwandel aktiv voranzutreiben, ist eine der Aufgaben der sogenannten Innovation Ambassadors: erfahrene Professor_innen mit eigener Gründungserfahrung, die als Multiplikator_innen in ihren Fakultäten wirken und vielversprechende Gründungsvorhaben identifizieren. Die Analyse zeigt, dass persönliche Vorbilder und vertrauensbasierte Beziehungen in der Überzeugungsarbeit deutlich wirksamer sind als formale Vorgaben.

Spannungsfelder als Teil des Prozesses

Ein solch intensiver Prozess führt erfahrungsgemäß zu Spannungen, da er in gewachsene Strukturen und Kulturen eingreift. Die Analyse identifiziert vier zentrale Spannungsfelder:

Das Temporalitätsproblem: Deep-Tech-Entwicklungszyklen erstrecken sich über sieben bis dreizehn Jahre und stehen damit in Konflikt mit politischen Erwartungshorizonten und typischen Investorenerwartungen. Die Beteiligten rahmen die Transformation daher explizit als Generationenprojekt, das über mehrere Rektoratsperioden hinweg angelegt sein muss.

Das Autonomie-Integrations-Paradox: Die historisch gewachsene Eigenständigkeit der Fakultäten ist Innovationsquelle und Koordinationsbarriere zugleich. Gründungswillige Forschende sehen sich mit unterschiedlichen Anlaufstellen konfrontiert – ein Problem, das die Spinoff Factory gezielt adressiert.

Der Kultur-Kommerz-Konflikt: Teile der wissenschaftlichen Community betrachten Kommerzialisierung als Widerspruch zu akademischen Idealen. Die Analyse zeigt, dass die Erweiterung des Entrepreneurship-Begriffs um eine gesellschaftliche Verantwortungsdimension – Social Entrepreneurship – eine kulturelle Brücke schaffen kann, die auch für kommerzialisierungsskeptische Akteur_innen anschlussfähig ist.

Die Qualität-Quantität-Dichotomie: Das politische Ziel einer Verdoppelung der Spin-off-Zahlen trifft auf den universitären Anspruch, ausschließlich wissenschaftlich fundierte Ausgründungen zu unterstützen. Die Analyse empfiehlt ein differenziertes Erfolgsmesssystem, das quantitative Kennzahlen und qualitative Wirkungsindikatoren verbindet.

Perspektive: Produktive Unabgeschlossenheit

Die Analyse zeichnet das Bild eines Ökosystems in „produktiver Unabgeschlossenheit“: Die Vision ist artikuliert, die zentralen Strukturen sind aufgebaut – die kulturelle Verankerung und systemische Reifung erfordern jedoch Arbeit über mehrere Jahre. Bemerkenswert ist, wie nüchtern und zugleich optimistisch die befragten Stakeholder die Entwicklung der kommenden zwei bis drei Jahre betrachten. 
Denn die TU Wien hat einen strategischen Vorteil: sie lernt von den Erfahrungen etablierter Ökosysteme, ohne deren pfadabhängige Altlasten übernehmen zu müssen. Das Ziel, innerhalb von zehn Jahren ein vergleichbares Niveau an Ausgründungen wie etwa die TU München zu erreichen, ist durch die geschaffene Infrastruktur durchaus realistisch.

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E-Mail: Niklas Hammouda