Heuer feiert der Fachbereich Responsible Research Practices nicht nur sein vierjähriges Bestehen, sondern auch eine Reihe bemerkenswerter Meilensteine. Angesiedelt im Vizerektorat Forschung, Innovation und Internationales trägt der Fachbereich maßgeblich zur Förderung exzellenter Wissenschaft bei und stärkt die forschungsethische Kompetenz der Forschenden an der TU Wien. Eine zentrale Rolle in dieser Erfolgsgeschichte spielt Marjo Rauhala, Leitung des Fachbereichs Responsible Research Practices und Senior Advisor für Forschungsethik im Vizerektorat Forschung, Innovation und Internationales.
Von der One-Person-Show zum Komitee
„In der Mai-Sitzung des Research Ethics Committee haben wir den 100. Ethikantrag begutachtet“, freut sich Marjo Rauhala. Dass es an der TU Wien ein Research Ethics Committee (REC) gibt, ist kein Zufall. Der Grundstein hierfür wurde bereits vor knapp einem Jahrzehnt gelegt.
Mit einem Hintergrund in Philosophie und Biomedizinischer Ethik kam Marjo Rauhala vor 25 Jahren an die TU Wien und war langjährig als Embedded Ethicist in Forschungsteams an der Fakultät für Informatik tätig. 2016 wechselte Rauhala zur damaligen Genderkompetenz – dort beginnt die Beratung von Forschenden zu forschungsethischen Fragestellungen. 2019 erfolgte der Wechsel ans damalige Vizerektorat Forschung und Innovation, wo Marjo Rauhala als Research Ethics Coordinator einen dialogbasierten, beratenden Ansatz zwischen Forschenden und Mitgliedern der neu konstituierten Ethikkommission entwickelte und einführte.
„Von dem Dialog profieren nicht nur die Forschenden, die mit ihren Fragestellungen zu uns kommen, sondern auch die Mitglieder der Ethikkommission selbst. Daran hat sich bis heute nichts geändert“, weiß Rauhala.
Kurze Zeit später – im Jahr 2020 – startet die Pilotphase des TU Wien REC. Das Gremium wächst von drei auf zehn Mitglieder. 2023 wird das Komitee formal etabliert und die Zahl der Einreichungen steigt deutlich an. „Dass wir bereits 100 Ethikanträge begutachtet haben, zeigt, dass der Bedarf an ethischen Diskussionen groß ist und auch gerade technische Universitäten mit forschungsethischen Fragestellungen konfrontiert sind“, sagt Marjo Rauhala.
Neue Themen rücken in den Fokus
Nicht nur die Forschungsthemen wandeln sich mit der Zeit, auch die damit verbundenen ethischen Fragestellungen. Neue Herausforderungen zeigen sich derzeit vor allem im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Ethikexperte Helmut Hönigmayer reagiert darauf mit der Integration des Themas AI in die Review Arbeit des RECs. „Es ist wichtig, frühzeitig auf technische Neuerungen und damit verbundene, ethische Herausforderungen zu reagieren, um weiterhin an der Spitze zu bleiben und eine Vorreiterrolle einzunehmen“, sagt Marjo Rauhala.
Ethics-by-Design statt starren Vorgaben
Die Begutachtung durch eine Ethikkommission stellt für viele Forschende oftmals eher eine erzwungene Notwendigkeit dar als ein wertvoller Teil des Forschungsprozesses. Häufig werden mit Ethikkommissionen Bürokratie, übermäßiger Verwaltungsaufwand und lange Wartezeiten verbunden. Das TU Wien REC möchte dies gezielt vermeiden und geht einen anderen Weg: „Unser Ziel ist es, Forschende zu ‚Ethics-by-Design‘ zu begleiten und Forschungsergebnisse zu verbessern, indem ethische Fragestellungen bereits zu Beginn eines Projekts reflektiert werden“, erklärt Marjo Rauhala. „Da dies im Dialog gemeinsam mit den Mitgliedern des REC geschieht, können offene Fragen direkt in den Sitzungen geklärt werden, während gleichzeitig ein gemeinsames Verständnis sowohl des wissenschaftlichen Vorhabens als auch der ethischen Fragestellungen entsteht.“
Mittlerweile bietet das sechsköpfige Team auch Trainings, Beratung, sowie Empowerment-Initiativen für Stakeholder_innen innerhalb und außerhalb der TU Wien an. Durch das von Lisa Sigl koordinierte „Mentors of Responsible Research Program“ baut der Fachbereich ein Netzwerk von Multiplikator_innen auf, die Forschungsethik und Forschungsintegrität in den Fakultäten fördern.
Das Leitprinzip des Fachbereichs – „Research ethics beyond compliance“ – ist weit mehr als nur ein Slogan: Es ist ein gelebtes Bekenntnis, das sich unter anderem im Horizon Europe Projekt „CHANGER“ zeigt. Dort entwickeln Marjo Rauhala und Jonas Pfister gemeinsam neue, maßgeschneiderte Formen der Ethikreviews, die den spezifischen institutionellen Bedürfnissen entsprechen, wie etwa dem Ansatz des TU Wien REC.
Nationale und internationale Sichtbarkeit
Dass der Fachbereich Responsible Research Practices entstehen und Ethikreviews eine so zentrale Rolle an der TU Wien einnehmen konnten, ist nicht nur Marjo Rauhala zu verdanken. „Ohne die institutionelle Unterstützung hätte aus meiner Vision kein eigener Fachbereich entstehen können, der international als Best-Practice-Beispiel wahrgenommen wird“, betont Rauhala.
Heute ist die TU Wien in zahlreichen hochrangigen europäischen und nationalen Arbeitsgruppen und Netzwerken vertreten. Dadurch kann Marjo Rauhala aktiv an aktuellen internationalen Diskussionen zu Forschungsethik und Forschungsintegrität mitwirken.
Eines dieser erst kürzlich gegründeten Netzwerke ist das TU Austria+ Research Ethics and Integrity Network, das aus allen Universitäten der TU Austria sowie assoziierten Partnern besteht. Der Fachbereich Responsible Research Practices wird die gemeinsamen Aktivitäten im ersten Jahr koordinieren.
„Zuletzt erwarten wir, dass die neue Richtlinie für verantwortungsbewusste Forschungspraktiken, die im Mai im Rektorat präsentiert wurde, noch im Sommer verabschiedet und den Code of Conduct aus dem Jahr 2007 ersetzen wird“, blickt Rauhala in die nähere Zukunft.
Rückfragehinweis
Marjo Rauhala
Technische Universität Wien
Fachbereich Responsible Research Practices
+43 1 58801 406 630
ethics@tuwien.ac.at
Text:Sarah Link


