Mit Professor Drobir verliert die TU Wien eine Persönlichkeit, die die Brücke zwischen Praxis und akademischer Exzellenz auf besondere Weise verkörperte. Sein Werdegang und sein Wirken waren geprägt von tiefem Fachwissen, Tatkraft und einem unermüdlichen Einsatz für die Fakultät für Bauingenieurwesen (heute: Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwesen).
Ein Leben für den Wasserbau
Helmut Drobir wurde am 22. April 1936 in Graz geboren. Nach Abschluss seines Bauingenieurstudiums (Dipl.-Ing.) an der Technischen Hochschule Graz im Jahr 1962 war er bis 1965 bei den Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerken AG (VÖEST) in Linz tätig. Dort befasste er sich mit der statischen Berechnung und Konstruktion von Stahlwasserbauten für Projekte in Österreich, Deutschland, Pakistan, Indien und weiteren Ländern.
1965 kehrte er als Hochschulassistent und Forschungsingenieur an die Technische Hochschule Graz zurück. Am Institut für Wassermanagement und Konstruktiven Ingenieurbau (unter der Leitung von o.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Helmut Simmler) führte er hydraulische Modelltests und Berechnungen für Flusskraftwerke durch, unter anderem an der Drau und der Mur. 1971 promovierte er mit einer Dissertation zum Thema „Der Ausfluss aus einem Speicher beim Bruch einer Talsperre“ summa cum laude zum Doktor der technischen Wissenschaften.
Von 1971 bis 1993 arbeitete er bei der Tiroler Wasserkraftwerke AG (TIWAG) in Innsbruck. Als Projektingenieur, später als autorisierter Vertreter und Leiter der Hydraulikabteilung, verantwortete er die hydraulischen Berechnungen und den Entwurf hydraulischer Strukturen bis zur Ausführung. Zu seinen Tätigkeitsbereichen zählten zudem Wassermanagement, Umweltschutz, Wasserqualität, Grundwasserhydraulik, Geohydrologie sowie die Abwicklung von Vergabeverfahren und die Präsentation von Projekten in Genehmigungsverfahren. Er war an zahlreichen namhaften Projekten maßgeblich beteiligt, darunter die Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz mit dem Schachtkraftwerk Kühtai, die Kraftwerke Langkampfen, Martina-Prutz, Kirchbichl am Inn, Strassen-Amlach, Oberlienz (Drau), Tassenbach (Drau), Kalserbach, Heinfels am Villgratenbach und Mandling an der Enns.
Lehre und Forschung an der TU Wien
1993 folgte er dem Ruf als ordentlicher Universitätsprofessor für Konstruktiven Wasserbau, Landschaftswasserbau und Binnenschifffahrt an das Institut für Wasserbau der TU Wien, das er von 1998 bis 2004 als Vorstand leitete. Seine Erfahrung aus der freien Wirtschaft prägte sein Profil als Experte, der komplexe technische Fragestellungen stets mit dem Blick auf die praktische Umsetzbarkeit löste.
Professor Drobir vermittelte den Studierenden nicht nur die theoretischen Grundlagen der Hydraulik, sondern auch die Faszination für die Gestaltung von Wasserbauwerken und den nachhaltigen Umgang mit der Ressource Wasser. Seine Vorlesungen – unter anderem über Konstruktiven Wasserbau, Stahlwasserbau, Verkehrswasserbau, Landschaftswasserbau, Talsperren und hydraulische Modellversuche – bereicherte er stets durch zahlreiche Praxisbeispiele. Besonders beliebt waren seine Exkursionen zu verschiedensten Kraftwerksanlagen und Hochwasserrückhaltebecken, die den Austausch zwischen Lehre und Praxis aktiv förderten.
Wissenschaftliche Schwerpunkte seiner Arbeit waren unter anderem strömungsinduzierte Schwingungen, hydrodynamische Kräfte bei Verschlüssen, Wasserfassungen, Hochwasserschutz sowie HYDROMATRIX-Module zur Stromerzeugung. Hierüber wurde in zahlreichen Publikationen, Diplomarbeiten, Dissertationen und Habilitationen sowie in Fachseminaren und bei internationalen Vorträgen berichtet.
Von 1998 bis 2004 war er zudem Direktor des großen Wasserbaulaboratoriums auf den Aspanggründen. Unter seiner Führung wurden dort bedeutende Projekte realisiert, wie beispielsweise die Untersuchung der eingewölbten Wienflussstrecke (Pilgrambrücke bis Stadtpark), die Schadensanalysen für die Sperrtore der Schleuse Freudenau (Donau) nach einem Extremhochwasser, Modellversuche zur Nachrüstung von Wehranlagen am Ohio River (USA) mittels HYDROMATRIX-Modulen zur Energienutzung sowie die Entwicklung von Designkriterien für Tiefverschlüsse. Zudem war er ein gefragter Experte bei Fragen zum Hochwasserschutz, zur Sicherheit von Talsperren und bei der Bemessung von Überlaufkanälen und Bodenausläufen von Stauanlagen in Österreich.
Sein hohes Ansehen in der internationalen Fachwelt dokumentierte sich durch seine Mitgliedschaft und Beratertätigkeit in Gremien wie dem ÖWAV, der Österreichischen Kommission für Talsperren (Staubeckenkommission), der Internationalen Vereinigung für Wasserbau und Forschung (IAHR), dem Österreichischen Nationalkomitee für große Talsperren (ATCOLD/ICOLD) und der Österreichischen TECHNION-Gesellschaft. Gelegentlich war er zudem als gerichtlich beeideter Sachverständiger tätig.
Universitäre Selbstverwaltung und internationale Vernetzung
Helmut Drobir engagierte sich aktiv in der akademischen Selbstverwaltung der Fakultät für Bauingenieurwesen: Von 1999 bis 2000 als Vizestudiendekan und von 2001 bis 2003 als Studiendekan setzte er sich maßgeblich für die Qualität der Lehre und die Belange der Studierenden ein.
Besondere Bedeutung maß er der internationalen Vernetzung bei, etwa als Koordinator des Doppelstudiums zwischen der TU Wien und der UACEG Sofia sowie als CEEPUS-Koordinator. Im Rahmen des Doppelstudiums hielt er als Gastprofessor Vorlesungen in Sofia. Sein Wirken wurde 2006 durch die Verleihung des Ehrentitels Doctor Honoris Causa durch die Universität für Architektur, Bauingenieurwesen und Geodäsie (UACEG) in Sofia gewürdigt. Diese Auszeichnung unterstrich seine Bedeutung für den wissenschaftlichen Austausch und die Zusammenarbeit im südosteuropäischen Raum.
Im Jahr 2005 gründete und leitete er einige Jahre das postgraduale Masterstudienprogramm „Erneuerbare Energien in Zentral- und Osteuropa“ der TU Wien Academy for Continuing Education. Darüber hinaus war er von 1996 bis 1999 Mitglied des Exekutivvorstandes des Technischen Instituts für Experimentelle Studien und Forschung (TVFA) der TU Wien.
Ein bleibendes Erbe
Helmut Drobir wird der TU Wien als fachlich hochangesehener Professor und menschlich integrer Kollege in Erinnerung bleiben. Sein Wirken am Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie hat Spuren hinterlassen, die in den von ihm betreuten Projekten und in den Karrieren seiner zahlreichen Absolvent_innen fortleben.
Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Angehörigen.
Die Mitarbeiter_innen des Institutes für Wasserbau und Ingenieurhydrologie der TU Wien.
