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Pensionssysteme reformieren

Nach dreijähriger Forschung ist das EU-Projekt FutuRes zu Ende gegangen und liefert spannende Einblicke in mögliche Pensionsreformen in der Zukunft.

Herz aus Händen groß im Vordergrund, im Hintergrund unscharf Personen, links ältere Frau, rechts junge Dame

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Längere Lebenserwartung, geringe Fertilitätsraten: Seit Jahren ist Europa von diesem Umstand, der ein starkes Ungleichgewicht zwischen arbeitenden und pensionierten Menschen erzeugt, betroffen. Wie kann Europa gegenüber demografischen und sozioökonomischen Veränderungen im Hinblick auf Pensionssysteme resilient(er) werden?

Unter der Leitung der italienischen Bocconi Universität, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster haben sich Forscher_innen aus Italien, Österreich, England, Deutschland, Polen, Finnland und Belgien in dem EU-Projekt „FutuRes – Towards a resilient future of Europe“ in den letzten drei Jahren mit diesem Thema beschäftigt.  Für Österreich waren Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Miguel Sánchez-Romero sowie der Dissertant David Zettler von der TU Wien am Projekt beteiligt. Im Gespräch zeigen Alexia Fürnkranz-Prskawetz und Miguel Sánchez-Romero, welche Szenarien sie modelliert haben, welche Handlungsaufforderungen sich daraus konkret ableiten lassen und wie es nach Projektende weitergeht.
 

Können Sie das Projekt FutuRes näher beschreiben?

Fürnkranz-Prskawetz:FutuRes hat sich eigentlich mit einem Trend beschäftigt, auf den die Forschung schon seit vielen Jahren aufmerksam gemacht hat, dessen Auswirkungen wir nun aber immer deutlicher zu spüren bekommen. Demografie lässt sich sehr gut prognostizieren und so konnte bereits in den 1980ern der demografische Wandel vorhergesehen werden: eine sehr geringe Geburtenrate führt in Kombination mit einer wachsenden Lebenserwartung zu einem zunehmenden Ungleichgewicht zwischen einer wachsenden Zahl an Pensionist_innen im Verhältnis zu den Erwerbstätigen. Diese Entwicklungen stellen zunehmend eine Belastung für Pensionssysteme dar, in welchen die im Erwerbsleben aktive Bevölkerung durch ihre Beiträge, für die im gleichen Zeitraum von Pensionszahlungen abhängige Bevölkerung aufkommt.

In unserem Projekt konnten wir sehr gut aufzeigen, dass Pensionsreformen neben der finanziellen Nachhaltigkeit von Sozialsystemen auch die Umverteilung zwischen sozialen Gruppen durch das Pensionssystem berücksichtigen müssen. Allgemein bedarf es nicht nur einzelne Parameter dieser Systeme zu ändern, sondern größerer Strukturreformen. 

Was war die Rolle der TU Wien im Projekt?

Fürnkranz-Prskawetz: Wir haben die staatlichen Pensionsreformen mathematisch im Rahmen eines Modells überlappender Generationen, welches sowohl die inter- als auch intragenerationalen Dynamiken berücksichtigt, analysiert. Insbesondere modellieren wir auch die Heterogenität der Lebensverläufe sowie idiosynkratische Schocks (spezifische, unerwartete Ereignisse, die beispielsweise einzelne Unternehmen, eine bestimmte Branchen oder spezifische Regionen betreffen, aber nicht die gesamte Wirtschaft) am Arbeitsmarkt, in der Gesundheit und der Mortalität. In Österreich haben wir bei Pensionen ein sogenanntes Umlageverfahren, das heißt die arbeitenden Personen zahlen für die Menschen, die bereits in Pension sind. Während in den 1960er Jahren auf vier arbeitende Personen ein_e Pensionistin kam, hat sich dieses Verhältnis in den letzten Jahrzehnten durch die demografischen Änderungen von höherer Lebenserwartung und sinkender Fertilität auf 3:1 verschoben, erwartet wird in Zukunft (2050) sogar 2:1. Dieses System ist jedoch langfristig nicht nachhaltig, denn die Ausgaben für Pensionen werden weiter ansteigen.

Was waren konkrete Ergebnisse Ihrer Forschung?

Sánchez-Romero: Wir haben vier mögliche Pensionsreformen mit Fokus auf Nachhaltigkeit und deren Auswirkungen für verschiedene sozioökonomische Gruppen modelliert. Diese Reformen betrachten einerseits ein progressives Pensionssystem, ein Pensionssystem, indem wir die Mindestpension variieren oder alternativ das Pensionsalter erhöhen und ein Pensionssystem, indem wir die Beitragssätze durch eine obere Schranke begrenzen.  

Fürnkranz-Prskawetz: Bevor wir die Ergebnisse erläutern, möchte ich noch betonen, dass es die eine ideale Reform nicht gibt („there is no one size fits all policy“). Langfristig sollte das Pensionssystem auf mehreren Säulen aufbauen, d.h. neben dem Umlageverfahren sind private Kapital basierte Vorsorgen und Betriebspensionen zwei weitere Säulen, welche ein Umlageverfahren ergänzen sollten. 

Sánchez-Romero: Wie meine Kollegin bereits am Anfang erwähnt hat, werden Pensionsreformen sowohl die Nachhaltigkeit des Systems als auch die Umverteilung zwischen sozialen Gruppen beeinflussen. Die Erhöhung der minimalen Pensionssprüche würde sicherlich den sozial schlechter gestellten Gruppen helfen, jedoch die Kosten des Pensionssystems erhöhen. Im Unterschied dazu würde die Einführung eines progressiven Pensionssystems sowohl die Nachhaltigkeit des Systems erhöhen als auch die Umverteilung des Pensionssystems (von Gruppen mit geringerer Lebenserwartung zu jenen mit hoher Lebenserwartung) reduzieren. Konkret würden bei einem progressiven Pensionssystem sozial schlechter gestellte Gruppen eine höhere Pensionsleistung erhalten während sozial besser gestellte Gruppen eine geringere Pension bekommen. 

Fürnkranz-Prskawetz: Zum besseren Verständnis vielleicht noch ein Beispiel dazu. Jemand der viel verdient würde beim Modell der progressiven Pension nur 72% des Lohns als Pension bekommen, jemand der ein weniger hohes Einkommen hatte 86%. Dadurch hätten alle ähnlich wie bei der Erhöhung der Mindestpension ein ähnlich hohes Auskommen. Beide Reformen haben einen positiven Einfluss auf die Verbesserung sozialer Ungerechtigkeit und wirken auch stark der weiblichen Altersarmut entgegen. 

Sánchez-Romero: Nun möchte ich noch kurz auf die beiden Reformen Erhöhung des Pensionsalters und Einführung einer oberen Grenze der Beitragssätze eingehen. Diese beiden Reformen reduzieren die Kosten des Pensionssystem. Wenn wir länger arbeiten, verschiebt sich damit das Pensionsantrittsalter nach hinten. Beziehen wir einen sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor in unsere Überlegungen mit ein, reduzieren wir die Pensionsleistungen, damit der Beitragssatz eine bestimmte Grenze nicht überschreitet.

Fürnkranz-Prskawetz: Abschließend möchte ich noch betonen, dass unsere Modelle verschiedene Handlungsoptionen aufzeigen. Diese können jedoch nur auf politischer Ebene breitenwirksam umgesetzt werden. In der Politik sind Pensionsreformen seit jeher ein Thema, das ungern angegriffen wird. Was oft vergessen wird, solche Reformen erzeugen großen Unmut in der Bevölkerung und führen nicht selten zu Demonstrationen oder Streiks.

Das Projekt FutuRes ist bereits zu Ende. Wie geht es nun weiter?

Fürnkranz-Prskawetz: Die Forschungsergebnisse präsentieren wir derzeit auf verschiedenen Konferenzen bzw. sind diese auch bei verschiedenen fachspezifischen Journals in Begutachtung. Jedes der in diesem Projekt beteiligten Länder hat sich auf unterschiedliche Aspekte in Bezug auf die Auswirkungen der demographischen Veränderungen spezialisiert. Kolleg_innen in Deutschland beispielsweise haben zum Thema Age Discrimination geforscht, während sich die Kolleg_innen in England auf die Rolle von Migration und Digitalisierung zur Bekämpfung des Fachkräftemangels fokussiert haben und die polnischen Kolleg_innen sind insbesondere auf die Themen Fertilität und Familienentwicklung eingegangen, d.h. inwieweit die momentan niedrigen Fertilitätsraten durch ökonomische, institutionelle, aber auch individuelle Einflussfaktoren zu erklären sind. In Kooperation mit den Forschenden der Universität Southampton, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster schreiben wir zurzeit auch an einem Buch, um unsere Modelle und deren Kalibrierung und numerische Lösung einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dieses Buch wird Anfang 2027 im Springer Verlag erscheinen.

Es hat sich außerdem bereits ein Nachfolgeprojekt ergeben, welches durch die Österreichische Nationalbank gefördert wird. Diesmal ist unser Forschungsgegenstand die Frage, wie das Pensionssystem die Umverteilung in unserer Gesellschaft ändert, wenn wir berücksichtigen, dass ein Teil der Bevölkerung Erbschaften von Häusern und Wohnungen zu erwarten hat, während ein großer Teil der Bevölkerung keine finanziellen Möglichkeiten hat, um Häuser oder Wohnungen zu erwerben. 

Danke für das Gespräch.


Weiterführende Information zu FutuRes, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster
Fachartikel, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster von Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Miguel Sánchez-Romero und David Zettler