Der LCA-Talk am 16. Juni 2026 am Campus Getreidemarkt brachte Forschende und Praktiker_innen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen zusammen – mit Themen von der Kreislaufwirtschaft über das Produktdesign bis zum Hochschulbetrieb. Was sie verbindet, ist die Methode der Ökobilanzierung – zunehmend getrieben von neuen EU-Vorgaben wie der Ökodesign-Verordnung mit dem Digitalen Produktpass, verschärften Berichtspflichten und Kriterien für nachhaltige Beschaffung usw...
Die TU Wien versteht ihre Arbeit dazu nicht als Insellösung, sondern als Beitrag zu einer hochschulübergreifenden Methoden- und Datenbasis – z.B. innerhalb der Allianz Nachhaltiger Universitäten, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster. Dass dieses Anliegen auf fruchtbaren Boden fällt, zeigte die Resonanz: über 70 Anmeldungen, nicht nur aus zahlreichen Instituten der TU Wien, sondern auch von der BOKU, der Universität Wien, der TU Graz, der Hochschule Burgenland, der FH Technikum Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sowie aus Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Wer an Ökobilanzierung arbeitet und Daten oder Methoden teilen möchte, ist eingeladen, den Austausch fortzusetzen.
Die drei Themenblöcke des Programms spiegelten die Vielfalt der Forschung und Anwendung im Bereich der Ökobilanzierung wider. Im Block Circular City zeigte Vanessa Parravicini (TU Wien), wie sich Treibhausgasemissionen in der Abwasserwirtschaft erfassen lassen – mit dem, bei der biologischen Stickstoffentfernung entstehenden Lachgas (N₂O), als besonders relevantem Faktor. Andreas Bartl (TU Wien) stellte eine LCA-Analyse des enzymbasierten Recyclings von Polyester-Baumwoll-Textilien vor, Fabian Ulrych (TU Wien) die Ökobilanz im ressourcenschonenden, zirkulären Holzbau, und das Projekt ToNoWaste (Michael Eder, StratEco Graz; Mahshid Sotoudeh, ÖAW) widmete sich der Reduktion von Lebensmittelverschwendung.
Der Block Carbon Footprint in Product Design and Education rückte den Produkt-CO₂-Fußabdruck (PCF) in den Mittelpunkt. In seiner Keynote „ECODESIGN+: PCF made easy" präsentierte Sebastian Glaser von der ECODESIGN company – einem Spin-off der TU Wien – ein Software-Werkzeug, das Hersteller bei den Anforderungen der EU-Ökodesign-Verordnung und des Digitalen Produktpasses unterstützt. Zwei Beiträge der TU Wien (Roland Stefan, Kylian Keimel) zeigten PCF-Berechnungen aus studentischer und industrieller Perspektive zum Thema Wasser-Carbonator und Airbags in Autositzen.
Der Block Sustainable Universities schließlich behandelte die Bilanzierung auf Institutionsebene: Günter Getzinger (TU Graz) stellte das von der Allianz Nachhaltiger Universitäten gemeinsam mit dem Umweltbundesamt gepflegte Tool „ClimCalc" vor, Joachim Thaler (BOKU) eine weiterentwickelte dieses Tools mit Neuerungen in der Strombilanzierung mit konsistenten Zeitreihen, Lisa Unterrainer (TU Wien) Methoden zur Mobilitätsbilanzierung. Den Abschluss bildete der Vortrag von Bianca Köck (TU Wien) über die Datenunvergleichbarkeit in der CO₂-Bilanzierung der Beschaffung – und damit das Projekt LCA@TUW.
LCA@TUW: Den blinden Fleck der Beschaffung sichtbar machen
LCA@TUW setzt dort an, wo die CO₂-Bilanzen von Universitäten bislang am ungenauesten sind: bei der Beschaffung. An Forschungsuniversitäten wie der ETH Zürich entfallen 74 bis 87 Prozent der Emissionen auf Scope 3, ein großer Teil davon auf eingekaufte Güter und Dienstleistungen – die in gängigen Tools jedoch nur grob erfasst werden. Im Auftrag der Finanzabteilung der TU Wien kombiniert das Projekt ein ausgabenbasiertes Screening über alle Beschaffungsbeträge mit einer detaillierten, prozessbasierten Ökobilanz für die Emissions-Hotspots, gerechnet über den vollen Satz der EU-Umweltfußabdruck-Kategorien (EF 3.1). Eine auf Large Language Models (LLM) gestützte Pipeline liest dabei tausende Einkaufsbelege automatisiert aus – nachvollziehbar, reproduzierbar und nach den Anforderungen von ISO 14040/44 und dem Greenhouse Gas Protocol.
Eine Pilotbilanz 2024 für Chemikalien und Bürobedarf verarbeitete bereits rund 14.000 Produkte aus über 5.000 SAP-Belegen. Der volle EF-3.1-Satz macht dabei sichtbar, dass in den getesteten Warengruppen neben dem Klima auch Öko- und Humantoxizität sowie Feinstaub relevant sind. In den kommenden Jahren soll die Methode auf das gesamte Beschaffungsbudget und weitere Warengruppen wie Laborgeräte, IT und Möbel ausgeweitet und in die Beschaffungsprozesse der TU Wien integriert werden.
Aufruf zu Austausch und Kooperation
LCA@TUW versteht sich ausdrücklich nicht als Insellösung, sondern als Beitrag zu einer gemeinsamen Methoden- und Datenbasis. Der LCA-Talk hat eindrucksvoll gezeigt, wie viele Gruppen an TU Wien, BOKU, TU Graz und darüber hinaus an verwandten Fragen arbeiten. Genau dieser Austausch ist gefragt: Wer an Ökobilanzierung in Beschaffung, Labor oder Betrieb arbeitet, vergleichbare Daten beisteuern kann oder eine Kooperation anstoßen möchte, ist herzlich eingeladen, sich zu melden. Kontakt: bianca.koeck@tuwien.ac.at
Organisiert wurde der LCA-Talk 2026 von einem fakultäts- und hochschulübergreifenden Team: Manuela Franz, Bettina Mihalyi-Schneider, Bianca-Maria Köck, Vanessa Parravicini, Stavros Papadokonstantakis, Rainer Pamminger und Daniel Cenk Rosenfeld (alle TU Wien) sowie Gerhard Piringer (Hochschule Burgenland).
